Tagesecho Ausflug ins Prag des 19. Jahrhunderts - Das Langweil-Modell gibt es nun auch digital
Seit der vergangenen Woche ist das Prager Stadtmuseum um eine Attraktion reicher. Prag in Miniaturformat. Das Ausstellungsstück ist zwar schon seit über 50 Jahren im Besitz des Museums. Aber das so genannte Langweil-Modell, ein originalgetreues Abbild von Prag, wie es im 19. Jahrhundert aussah, dieses Modell kann nun auch am Computerbildschirm im Detail betrachtet werden.
Das Langweil-Modell von Prag
Im Gleitflug zwischen den beiden Türmen der Theynkirche hindurch, eine
Runde drehen über die Dächer des Altstädter Rings, ein kurzer Schwenk
durch die Celetná-Gasse, um dann wieder hoch zu steigen mit Kurs
Moldau-Ufer. Das muss nun nicht mehr nur der Traum vieler Touristen
bleiben, die sich dem hektischen Treiben in den Straßen der Prager
Altstadt am liebsten - den zahlreichen Tauben gleich - in die Lüfte
erheben wollen. Nun ist er Realität, der Traum. Wenn auch nur eine
virtuelle Realität. Denn das berühmte Langweil-Modell, das das
historische Prag der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt, gibt es nun
auch in digitaler Form. Das Originalmodell aus Papier fertigte Antonin
Langweil, ein Angestellter der Prager Stadtbibliothek, zwischen 1826 bis
1837 in seiner Freizeit an. Seit 1840 war es im Nationalmuseum am
Wenzelsplatz zu sehen. Seit mehr als 50 Jahren ist es eine der
Hauptattraktionen des Prager Stadtmuseums. Dessen Kuratorin, Kateřina
Bečková, erklärt, was das Besondere am Langweil-Modell ist:
Das digitale Langweil-Modell von Prag
„Es ist eine realistische, farbige, dreidimensionale Erfassung des
historischen Kerns von Prag, die in einer Zeit entstand, als es noch keine
Fotografie gab. Das heißt, von einigen Häusern und Gassen ist es die
überhaupt einzige Darstellung, die erhalten ist. Denn danach hat sich Prag
erheblich verändert.“
Fast die Hälfte der Häuser, die das Langweil-Modell zeigt, stehen heute nicht mehr. Besucher des Stadtmuseums konnten das etwa 20 Quadratmeter große Werk bislang nur in einer klimatisierten Vitrine besichtigen. Denn die Papiergebäude, die Antonin Langweil seinerzeit in mühevoller Arbeit kolorierte, sind äußerst empfindlich. Nach Aussage von Kuratorin Bečková wird man das Modell nur noch etwa 100 Jahre in Originalgestalt erhalten können. Auch dies war ein Grund, warum 2005 ein Wettbewerb zur Digitalisierung des einzigartigen Kunstwerks ausgeschrieben wurde. Den hat die Prager Firma Visual Connection gewonnen. Etwa zweieinhalb Jahre wurde an dem Projekt gearbeitet, das die Stadt Prag mit umgerechnet über 500.000 Euro finanzierte. Jan Buriánek, Leiter der Arbeitsgruppe, erzählt über die Schwierigkeiten, die er und sein Team bei der Umsetzung des Modells in eine 3D-Computergrafik hatten:
Das digitale Langweil-Modell von Prag (Foto: ČTK)
„Wir durften das Modell nicht anfassen, was ein Problem war, weil man
bei der Digitalisierung von Objekten meist Referenzmarker auf sie kleben
muss. Wegen der Empfindlichkeit des Modells konnten wir auch nur wenig
Licht einsetzen, obwohl man für das Fotografieren eigentlich eine gute
Ausleuchtung braucht.“
Mit einem Spezialroboter und einer sehr empfindlichen Fotolinse wurde
jedes kleine Detail etwa 20 Mal aus verschiedenen Perspektiven
fotografiert. Am Computer wurden dann fast 250.000 Aufnahmen
zusammengesetzt. In einem 3D-Kino im Prager Stadtmuseum kann das Ergebnis
nun begutachtet werden. Im April soll außerdem noch ein interaktives
Computerspiel für Kinder vorgestellt werden. Ein Dokumentarfilm über die
Digitalisierung des Langweil-Modells ist bereits jetzt auf DVD erhältlich.








