Tagesecho Auge in Auge mit der Volksmiliz: Erinnerungen an die Palach-Woche
Die „Palach-Woche“ gilt als Vorspiel der Samtenen Revolution. Wir schreiben das Jahr 1989. Während einer Januarwoche wurde des 20. Todestags von Jan Palach gedacht, der sich 1969 aus Protest gegen die Lethargie selbst verbrannt hat, die sich nach der Okkupation der Tschechoslowakei durch die Warschauer Pakt-Staaten in der Gesellschaft verbreitet hat. Während der Palach-Woche haben sich jedoch Tausende von Menschen im Stadtzentrum von Prag versammelt, um gegen das kommunistische Regime zu demonstrieren. Christian Rühmkorf sprach mit Martina Schneibergová, die an einigen der Demonstrationen teilgenommen hat.
Palach-Woche
Palachův týden – die Palach-Woche ist für jeden Tschechen ein Begriff,
könntest du erklären, was es auf sich hat?
„Aus Anlass des 20. Todestags von Jan Palach haben einige Dissidenten am 15. Januar 1989 zu einer Gedenkveranstaltung am St. Wenzel-Denkmal in Prag aufgerufen. Sie wurden aber gleich verhaftet. Danach folgte jedoch eine Reihe von Demonstrationen, denen sich Tausende von Menschen angeschlossen haben und im Palachs Namen gegen das Regime protestiert haben. Aus dem Grund wird es die Palach-Woche genannt. Die Protestkundgebungen haben mit ihrer Stärke wahrscheinlich die Kommunisten doch ein wenig überrascht.“
Martina Schneibergová
Was hat sich da auf dem Wenzelsplatz ganz konkret abgespielt?
„Unweit des Wenzeldenkmals haben wir uns immer versammelt, und es kamen immer mehr und mehr Leute. Auch viele Passanten haben sich den Demonstranten angeschlossen. Ich war damals sehr angenehm überrascht, dass so viele Leute gekommen sind. Und das waren so zu sagen Normalbürger, die auf einmal nicht mehr Angst hatten. Es wurde die Nationalhymne gesungen. Die Polizei hat immer geschrieen: Rozejděte se! Das heißt: Gehen Sie auseinander! An zwei Tagen – ich glaube am Montag und Dienstag hat die Polizei dann durchgegriffen. Sie versuchte die Leute zu verdrängen, mehrere Menschen wurden zusammengeprügelt. Dann am Mittwoch griff die Polizei plötzlich nicht ein. Damals habe gedacht, jetzt haben die schon Angst, so brutal durchzugreifen. Jemand las dort die Charta 77 vor, und die Leute haben gesagt: Morgen wieder auf dem Wenzelsplatz! Am nächsten Tag – dem Donnerstag – folgte jedoch ein sehr brutaler Polizeieingriff. Ich glaube, dass gerade an diesem Tag die Metro am Museum nicht hielt. Ich habe damals eine Kinokarte gekauft, um auf den Platz gehen zu können.“
Palach-Woche
Mit der Karte durftest du also weiter gehen. War es überhaupt schwierig,
auf den Wenzelsplatz zu kommen und hattest du nicht Angst, verhaftet zu
werden?
„Das hatte ich natürlich schon. Jemand hat mir geraten, eine Zahnbürste in der Tasche für den Fall mit zuhaben, dass ich verhaftet werde. Die habe ich also immer mit gehabt. An dem Tag hatte ich wirklich Angst. Es wurden damals Wasserwerfer und Schäferhunde eingesetzt. Die Polizisten waren überall, in der Mitte des Platzes sowie oben und haben die Leute vor sich getrieben. In dem Gedränge fielen mehrere Leute auf den Boden und wurden dann zur Seite gezogen, zusammengeprügelt und mit den Füßen getreten. In den Nebenstraßen standen Polizeiautos, ich habe gesehen, wie die Leute weggeführt wurden.“
Du standst damals auch einmal den Polizisten direkt gegenüber, hast du erzählt.
„Ja, da ging es aber nicht um die Polizei, sondern um die so genannten Volksmilizen. Diese gab es damals in jedem Betrieb und wurden aus den loyalsten Kommunisten zusammengestellt. Die Volksmilizen wurden bei den Demos gemeinsam mit der Polizei eingesetzt. Als ich dort stand, habe ich plötzlich gesehen, dass mir gegenüber zwei Männer in der Volksmilizuniform standen, die ich vom Sehen aus dem Rundfunk kannte. Ab und zu sehe ich die Männer heute in der Stadt immer noch.“










