Tagesecho Auf ein baldiges Wiederfahren!
Wie wir Sie bereits informiert haben, wurde am vergangenen Freitag das historische Rundfunkgebäude auf der Prager Vinohradska geschlossen. Für zweieinhalb Jahre wird es wegen bevorstehender Renovierungsarbeiten auch geschlossen bleiben. Am Montag fand im alten Funkhaus jedoch noch eine feierliche Verabschiedung statt, die sich viele der Mitarbeiter nicht entgehen ließen. Martina Schneibergova erinnert sich an ein Ereignis aus ihrer Kindheit, das sich eben in diesem Gebäude abgespielt hat.
Es war ein Erlebnis, das ich bis heute nicht vergessen habe. Viel Konkretes
habe ich mir nicht gemerkt, aber das seltsame Gefühl von Angst und Neugier
sitzt doch irgendwo tief in meinem Gedächtnis. Meine erste Fahrt mit dem
Paternoster: Zuerst traute ich mich nicht, einige Liftkabinen ließ ich leer
weiterfahren, dann schaute ich mich um, ob mich jemand sieht und mit einem
Siegesgefühl machte ich einen kleinen Schritt und trat in die wundervolle
Kabine ein. Und los ging die Fahrt nach oben. Beim Vorbeifahren sah ich die
immer wieder verschwindenden Etagen. Dann wurde es dunkler und es kam eine
rote Überschrift, die ich damals mit knapp vier Jahren nicht lesen konnte.
Auszusteigen wagte ich mich nicht und so setzte ich mich in die Ecke und
vertraute der wundervollen Maschine, dass sie mich in keine böse Welt
bringen würde. Als es ganz dunkel wurde, war auch mein bisheriger Mut
verschwunden. Ich machte die Augen zu, hatte einen Kloß im Hals, und konnte
nichts sagen, geschweige denn schreien. Die Zeit im Dunkeln kam mir sehr
lang vor, aber plötzlich wurde es wieder heller und die Kabine fuhr langsam
wieder runter, und nach einigen Etagen sah ich schon vertraute Gesichter.
Jemand holte mich aus der Kabine raus und ich drehte mich noch um, um zu
sehen, dass sie nicht stehen blieb und weiter fuhr.
Generaldirektor Vaclav Kasik
An meine erste Erfahrung mit dem Paternoster-Lift im Prager Funkhaus habe
ich mich am Montagnachmittag erinnert, als dieser viel bewunderte Fahrstuhl
für eine vorübergehende Zeit feierlich ausgeschaltet wurde. Während der
Festrede des Generaldirektors Vaclav Kasik musste ich an den Moment denken,
als ich einst von meinem Vater, der als Sänger eine Probe im Rundfunk
hatte, dorthin mitgenommen wurde. Als er gerade nicht aufpasste, entschied
ich mich damals das wundervolle Perpetuum Mobile namens Paternoster auf
eigene Faust zu erkunden. Auch der Generaldirektor sprach über Emotionen,
bevor er den Paternoster ausgeschaltete:
"Ich bin froh, dass es mit seinen 75 Jahren der älteste funktionierende Paternoster in der Tschechischen Republik ist. Ich bin auch froh, dass er nach seiner Renovierung wieder in Betrieb genommen wird. Ich werde ihn nur ausschalten, damit er nach zwei oder zweieinhalb Jahren in einem neuen Gewand wieder in Betrieb gehen kann."
Generaldirektor Vaclav Kasik
Die Musik sowie Kostüme einiger Teilnehmer der kleinen Feier sollten an
die Atmosphäre der Ersten Republik erinnern. Viele der Rundfunkmitarbeiter
kamen, um noch einmal die wunderbare Paternosterfahrt zu genießen, unter
ihnen auch Jana Hlinkova:
"Ich bin 1979 in den Rundfunk gekommen und arbeite hier als Sekretärin des internationalen Wettbewerbs für junge Musiker Concertino Praga angestellt. Seitdem fuhr ich jeden Tag mit dem Paternoster. Es ist ein Superlift, das sagen alle Preisträger von Concertino, egal ob die aus Westen oder aus Osten kommen. Die haben immer Proben mit dem Orchester hier im Rundfunkstudio und während der Pausen fahren die immer mit dem Lift hin und her. Der Paternoster war für sie immer eine Sensation."
Foto: Stepanka Budkova






