Antisemitismus in Tschechien: Jüdische Gemeinden veröffentlichen Jahresbericht

Der Verband der jüdischen Gemeinden in Tschechien hat seinen Jahresbericht zum Antisemitismus für das Jahr 2015 veröffentlicht. Absolut ist die Zahl der judenfeindlichen Taten gesunken. Doch was den jüdischen Gemeinden Sorge bereitet, sind die neuen Formen antisemitischer Zwischenfälle.

Tomáš Kraus (Foto: Jana Šustová)Tomáš Kraus (Foto: Jana Šustová) Der Mai ist auch die Zeit des Gedenkens an den Holocaust, also die versuchte Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten. Eine Aussage dieses Gedenkens ist, dass sich die Geschichte nicht wiederholen darf. Leider ist der Antisemitismus mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht überwunden worden. Der Verband der jüdischen Gemeinden in Tschechien hat nun seinen Jahresbericht zum Antisemitismus für 2015 herausgegeben. Tomáš Kraus ist Generalsekretär des Verbandes:

„Der Statistik nach schneidet Tschechien vergleichsweise gut ab. Für das Jahr 2015 haben wir ungefähr gleich viele Zwischenfälle gezählt, die als antisemitisch einzustufen sind, wie im Jahr 2014.“

Foto: Ladislav Bába, Archiv des Tschechischen RundfunksFoto: Ladislav Bába, Archiv des Tschechischen Rundfunks Insgesamt waren es 221 antisemitische Zwischenfälle in Tschechien. Das bedeutet einen leichten Rückgang im Vergleich zu 2014. Allgemein hat sich die Zahl antisemitisch motivierter Aussagen oder Übergriffe im Vergleich zum Jahr 2008 jedoch mehr als vervierfacht. Damals zählte man lediglich 48 Übergriffe, ein Jahr darauf sogar nur 28.

Hauptsächlich handelt es sich bei den Übergriffen nicht unmittelbar um physische Gewalt. Veronika Šternová ist Sicherheitsexpertin beim Verband der jüdischen Gemeinden in Tschechien:

„Die antisemitischen Zwischenfälle haben meist folgenden Charakter: belästigende oder bedrohende Briefe und E-Mails, Angriffe auf jüdische Einrichtungen und die Belästigungen von Menschen jüdischen Glaubens. Zum größten Teil, genauer gesagt zu 82 Prozent, finden antisemitische Zwischenfälle aber im Internet statt. Das Netz bietet den Autoren judenfeindlicher Beiträge weitgehend Anonymität. Dieser Trend ist aber keine Besonderheit Tschechiens. Antisemitismusforscher in Tel Aviv sehen das als weltweite Tendenz.“

Veronika Šternová (Foto: ČT24)Veronika Šternová (Foto: ČT24) Dennoch sehen die Analysten des Verbands der jüdischen Gemeinden auch neue Dimensionen des Antisemitismus in Tschechien. Insbesondere die Ausprägungen und Inhalte passen sich mehr oder weniger tagespolitischen Themen an. Dabei werden bestehende Verschwörungstheorien umgedeutet. Veronika Šternová:

„Besonders ein neuer Gedanke setzt sich dabei durch: Die Juden würden hinter der Islamisierung Europas stehen, den Kontinent dadurch schwächen und die Macht an sich reißen wollen. Das ist eine Spielform des alten Gedankens, die Nationalstaaten zu schwächen und zu beherrschen. Im Jahr 2015 stand dieses Thema im Internet aber an erster Stelle.“

„Tage Jerusalems“ (Foto: Offizielle Facebook-Seite des Festivals)„Tage Jerusalems“ (Foto: Offizielle Facebook-Seite des Festivals) Auch nimmt die Vermischung von Israelkritik, Antizionismus und Antisemitismus deutlich zu. Die Liste der Veröffentlichungen in diese Richtung ist lang. Tomáš Kraus:

„Vor allem im vergangenen Jahr haben wir beobachtet, dass es eine immer größere Bereitschaft dazu gab, Veranstaltungen mit Israelbezug zu boykottieren.“

Kraus nennt als Beispiel die „Tage Jerusalems“, das Festival in Prag wurde durch Proteste gestört.

„Das ist ohne weiteres als Antisemitismus zu klassifizieren, da die ablehnenden Aktionen nach einem Standard-Muster abgelaufen sind. Israel wird stellvertretend als kollektiver Jude gesehen, dem alle möglichen Übeltaten nachgesagt werden.“