Tagesecho Abgang als Rückkehr – furioses Bühnen-Comeback von Václav Havel

23-05-2008 17:01 | Thomas Kirschner

Ein rauschender Schauspielabend ging am Donnerstag im Prager Theater Archa über die Bühne. Nach zwanzig Jahren feierte Ex-Dissident und Ex-Präsident Václav Havel seine Rückkehr auf die Theaterbühne. Publikum und Kritiker sind sich einig: Havels neues Stück „Odcházení“ (Der Abgang) hat selbst die hoch gespannten Erwartungen übertroffen.

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Václav Havel bei der Premiere seines neuen Stückes 'Der Abgang' (Foto: ČTK)Václav Havel bei der Premiere seines neuen Stückes 'Der Abgang' (Foto: ČTK) Mit starkem und lang anhaltendem Applaus endete am späten Donnerstagabend im Prager Theater Archa die Premierenaufführung von Václav Havels „Abgang“ Mit dem Stück meldet sich der 71-Jährige fünf Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt als Dramatiker zurück – und das in furioser Weise. Bei Kritik und Publikum herrschte seltene Einstimmigkeit:

„Das Stück ist ganz sicher eine der besten und interessantesten Inszenierungen der zu Ende gehenden Spielzeit“, so stellvertretend für viele Jana Machalická aus der Theaterredaktion der Lidové noviny. Entsprechend zufrieden war auch Archa-Direktor Ondřej Hrab:

„Ich habe den Applaus nicht gemessen – aber vielleicht hat ja jemand das Poltern des Steines gemessen, der mir vom Herzen gefallen ist, als der Vorhang zuging und das Publikum die Leistung mit stehenden Ovationen gefeiert hat. Das ist mir schon nahe gegangen, denn das war der Beweis, dass sechs Monate Arbeit nicht umsonst waren.“

Regisseur David Radok (links) und der männliche Hauptdarsteller Jan Tříska (Foto: ČTK)Regisseur David Radok (links) und der männliche Hauptdarsteller Jan Tříska (Foto: ČTK) Für das Theater war die Uraufführung ein bedeutendes Risiko. Zu Jahresbeginn hatte der ODS-geführte Prager Magistrat die Fördergelder für die nicht-kommerziellen Prager Bühnen radikal zusammengestrichen. Zahlreiche Theater stehen vor dem Aus, so auch das Archa. Direktor Ondřej Hrab:

„In einer Zeit, als wir wirklich nicht eine einzige Krone hatten, haben wir uns gesagt, es wäre eine Schande, wenn dieses Stück nicht an einem Prager Theater seine Premiere hat. Wir haben uns daher entschieden, selbst das Geld zusammenzubringen, und es ist uns gelungen, Sponsoren zu finden. In der Inszenierung steckt nicht eine Krone aus öffentlichen Geldern. Das ist einerseits vielleicht prima, aber auf der anderen Seite würde man sich in wohl jedem europäischen Land schämen, zu einem solchen Stück keinen Beitrag zu geben.“

„Der Abgang“ ist nach dem ersten Urteil der Kritiker Havels bestes Drama. Zugleich führt Havels mit dem Stück seine Arbeiten aus den achtziger Jahren fort, so Theaterexperte Vladimir Just:

Theaterexperte Vladimir Just (Foto: ČTK)Theaterexperte Vladimir Just (Foto: ČTK) „Havel schreibt über die allgemeine Beschaffenheit des Menschen, über die Promiskuität des Wortes, darüber, dass der Mensch in einer ganz anderen Welt lebt, als er glaubt. Das sind alles Themen, die für den Sozialismus genauso gelten wie für den Kapitalismus. Havel schreibt nicht über die reale Ausprägung der Welt, sondern über die surreale Existenz des Menschen. Und darin schließt das neue Stück, auch wenn einige moderne Ausdrücke darin vorkommen, praktisch nahtlos etwa an Havels ´Largo desolato´ aus dem Jahr 1984 an.“

Nahtlos könnte Vaclav Havel mit dem neuen Stück auch seinen alten Ruhm als Dramatiker anschließen, glaubt etwa Kritiker Jan Rejžek:

„Auch wenn das Stück ´Odcházení´ heißt, also ´Der Abgang´, so markiert es dennoch die Rückkehr eines großen Dramatikers.“

Zahlreiche weitere Bühnen bereiten bereits Inszenierungen des Stücks vor; die erste Auslandspremiere ist für den September in London geplant.

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