80 Jahre Radio Prag: Nach Jahrtausendwende wurde es digital und weltweit vernetzt

Wie wir bereits erfahren haben, hat Radio Prag eine der ersten Webseiten hierzulande ins Netz gestellt. Aber auch danach ging es technologisch rasant voran. So zog die digitale Revolution um die Jahrtausendwende ebenso die Umsetzung analoger Eingangssignale in einen digitalen Datenstrom nach sich. Eine kleine Zeitreise in das achte Jahrzehnt von Radio Prag.

Irena Věrnochová (Foto: Štěpánka Budková)Irena Věrnochová (Foto: Štěpánka Budková) Die technische Redakteurin von Radio Prag, Irena Věrnochová, erinnert sich ganz genau – Ende der 90er Jahre wurde das Programm noch auf Tonbändern zusammengeschnitten:

„Das war noch im alten Studio. Die Arbeit der Redakteure war weitaus präziser. Sie mussten beispielsweise Interviews auf Deutsch vorher auf dem Band fehlerfrei zusammenschneiden.“

Die Digitalisierung habe die Arbeit für alle jedoch deutlich verbessert, ergänzt die langjährige Rundfunkmitarbeiterin:

„Der Vorteil ist der, dass man im Prinzip alles korrigieren kann. Jeder Versprecher lässt sich im Computer sofort ausmerzen“, so Věrnochová.

Wir bei Radio Prag wollten indes nicht sofort ganz auf die guten alten Tonbänder verzichten. Deshalb wurde bei uns unter anderem eine Zeitlang die Rubrik „Anno dazumal“ gesendet.

Mirek Topolánek (Foto: Šárka Ševčíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Mirek Topolánek (Foto: Šárka Ševčíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Die neue Sendetechnik machte indes auch ganz andere Experimente möglich, zum Beispiel die zeitversetzte Live-Reportage. So konnte ich im Mai 2010 auch noch einen Tag später voller Innbrunst aus Köln berichten:

„Die tschechische Mannschaft hat gewonnen, sie ist Weltmeister! Der Held des Spieles ist Tomáš Vokoun, es ist unglaublich, was diese Mannschaft hier vollbracht hat!“

Doch es gab natürlich nicht immer nur Freudiges aus oder über Tschechien zu berichten. Ende März 2009 wurde beispielsweise der damalige Premier Mirek Topolánek durch ein Misstrauensvotum abgewählt, und das mitten in der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft. Zweieinhalb Jahre später aber wurde es wirklich traurig: Der weltoffene tschechische Dichterpräsident und Vordenker Václav Havel war am 18. Dezember 2011 verstorben. Sein langjähriger Freund, der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, sagte damals über ihn:

Gerald Schubert (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Gerald Schubert (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) „Er ist für uns ein Wegweiser geworden, denn er hatte die richtige Richtung seines Weges in seinem Wesen, in seinem Charakter, in seinem Herzen, seinem Verstand. Er wurde ein wahrer Freund, und das ist er in einer Form geworden, von der ich sagen kann: Das wird er für immer bleiben!“

Chefredakteur von Radio Prag im Großteil des achten Jahrzehnts, von 2006 bis Januar 2015, war der Österreicher Gerald Schubert. Seiner Meinung nach bedeutete das Jahr 2011 den bisher größten Umbruch für unsere Hörer:

„In meine Zeit als Chefredakteur fällt ein Wandel, den ich als großen Schritt bezeichnen würde: Das war der Übergang vom Kurzwellen- und Internetsender zu einem reinen Internetsender. Manche sagen, es war ein Schritt in die falsche Richtung, andere hingegen, es ging in die richtige Richtung. Es war auf jeden Fall ein Einschnitt. Der Grund war der, dass wir Anfang 2011 die Kurzwelle aus Kostengründen abschalten mussten.“

Samtene Revolution 1989 (Foto: Gampe, CC BY 3.0)Samtene Revolution 1989 (Foto: Gampe, CC BY 3.0) Seine Zeit bei Radio Prag, die für Schubert schon 2002 als Redakteur in der deutschen Redaktion begann, habe ihn journalistisch stark geprägt. Und sie habe ihm auch ein Erlebnis beschert, dass er in seinen kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten habe: die Begegnung mit dem angeblich bei der Samtenen Revolution 1989 in Prag getöteten Studenten Martin Šmíd:

„Ich kann mich noch erinnern, dass ich damals 1989 in Wien zu Hause gesessen bin und die Nachrichten aus Prag verfolgt habe. Damals konnte ich noch kein Wort Tschechisch, dennoch habe ich die Nachricht von dem toten Studenten gehört, wovon ich ziemlich berührt war. Als ich diesen Studenten dann viele Jahre später im Rundfunkhaus interviewt habe – noch dazu auf Tschechisch, der Sprache, die ich vorher kaum gekannt habe –, das war schon seltsam. Da habe ich mir gedacht, das Leben geht eigentümliche Wege und führt einen in seltsame Situationen.“

Aber egal, ob seltsam oder wahrhaftig, Radio Prag will und wird auch noch weitere Jahrzehnte aus und über Tschechien berichten.