Tagesecho 50 Jahre Volksaufstand in der DDR

17-06-2003 | Jitka Mládková

Am 1. Juni 1953 wurde in der Tschechoslowakei eine Währungsreform durchgeführt, durch die sich die soziale Stellung eines Großteils der Bevölkerung schlagartig verschlechterte. Die Reaktion darauf waren Proteste und Streiks in etwa 130 Fabriken, in vier Städten manifestierten die Menschen ihren Unmut auf der Straße. Unzufriedenheit mit den sozialökonomischen und schließlich auch politischen Verhältnissen war auch die Ursache für den Ausbruch des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 in der DDR. Ob diesbezüglich vom Überspringen eines Funkens von einem Land auf das andere die Rede sein kann, fragte Jitka Mladkova einen Experten vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, Dr. Jürgen Danyel.

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Volksaufstand in der DDR, Berlin 1953 (Foto: CTK)Volksaufstand in der DDR, Berlin 1953 (Foto: CTK) "In dem Sinne gab es in der DDR keine direkten Reaktionen der protestierenden Bevölkerung auf die Entwicklung in der Tschechoslowakei. Die ostdeutsche Arbeiterschaft hat sich in den 50er Jahren sicherlich noch stärker auch in Richtung Bundesrepublik, also nach Westen orientiert, was ihre Lebensbedingungen betrifft. Aber gleichzeitig kann man erwähnen, dass natürlich die Ausgangssituationen für die Proteste in der Tschechoslowakei und in der DDR eine große Ähnlichkeit aufweisen. Es sind immer Eingriffe der herrschenden kommunistischen Partei in die sozialen Sicherungssysteme, große Einschnitte, was die sozialen Lebensbedingungen betrifft; und zum anderen der Versuch, die politische Umwälzung, die sozialökonomische Umwälzung der Gesellschaften, mit forcierten Mitteln zu betreiben und gegen große Gruppen der Bevölkerung durchzusetzen. Und das hat in beiden Ländern zu einer eruptiven Konstellation geführt, die letztendlich dann diese Proteste möglich gemacht hat."

"War es also ein Zufall, dass die Proteste in beiden Ländern fast zum selben Zeitpunkt ausbrachen?"

"Ich glaube nicht, dass es ein Zufall war, weil natürlich die herrschenden kommunistischen Parteien in der Tschechoslowakei und in der DDR gewissermaßen nach einem gemeinsamen oder gleichen Plan den Umbruch ihrer Gesellschaften vornahmen. Sie versuchten, ein sowjetisches Modell in ihren jeweiligen Ländern zu installieren, das nach gleichen Szenarien umgesetzt wurde. Insofern ist das Auftauchen von Spannungen, von sozialen Konflikten, die zum Teil aus gleichen Entwicklungen resultieren, kein Zufall."

Man kann also von gemeinsamen Merkmalen sprechen, auf der anderen Seite gab es aber ganz bestimmt auch Unterschiede, vor allem was die Auswirkungen anbelangt. Und da hatten die Reaktionen in der Tschechoslowakei doch ein kleineres Ausmaß als in der DDR.

"Ein großer Unterschied zwischen den Entwicklungen in der Tschechoslowakei in den 50er Jahren und denen in der DDR ist der, dass es ja bereits vor 1953 Protestformen in der tschechoslowakischen Gesellschaft gegeben hat. Die setzten in dem Moment ein, wo 1948 die Gesellschaft in Richtung Sozialismus umgewälzt wurde. In Deutschland haben wir die Situation einer Besatzungsherrschaft. Insofern fällt der 17. Juni 1953 mit der Tatsache, dass sich die Menschen getraut haben offen zu protestieren, unter Bedingungen der sowjetischen Besatzung noch viel stärker ins Gewicht."

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