„1968 war mein Erweckungserlebnis“ – Literaturkritikerin Sigrid Löffler in Prag

Die renommierte Publizistin und Literaturkritikerin Sigrid Löffler war im Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Dort hat sie über Literatur, Migration und auch ihre persönliche Beziehung zu Tschechien gesprochen.

Foto: Till EichenauerFoto: Till Eichenauer Die Bibliothek der Prager Literatur Hauses deutschsprachiger Autoren ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Zuhörer folgen gespannt dem Vortrag von Sigrid Löffler. Die langjährige Teilnehmerin des „Literarischen Quartetts“ legt dar, wie Autoren in den vergangenen Jahrzehnten ihre Migrationserfahrungen literarisch verarbeitet haben. „Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler“ heißt das Buch, mit dem Löffler eine neue Epoche von Belletristik skizziert. Die Autorin glaubt, dass die Betrachtung von Migration über Literatur auch positiven Einfluss nehmen kann.

„Wenn sich jemand mit Literatur beschäftigt, entwickelt er natürlich Mitgefühl mit den Figuren und mit den dargestellten Schicksalen. Und im Falle der Geschichten von Migranten ist es unausweichlich, dass man sich einfühlt und Empathie entwickelt für das, was diese Menschen durchmachen. Deshalb glaube ich, dass die Literatur ein Mittel sein kann, um Verhärtungen aufzubrechen. Gerade bei Menschen, die sich abschotten wollen gegen das Elend das der Menschen, die zu uns flüchten.“

Sigrid Löffler (Foto: Till Eichenauer)Sigrid Löffler (Foto: Till Eichenauer) Geboren wurde Sigrid Löffler 1942 in Aussig, dem heutigen Ústí nad Labem. Heißt das nicht, dass auch ihre eigene Biografie mit einer Auswanderung beginnt?

„Ich würde nicht für mich in Anspruch nehmen, dass ich eine Migrationsgeschichte hätte, mein Vater war Österreicher und meine Mutter Sudetendeutsche. Und meine Mutter ist mit mir 1945 nach Wien gegangen. Ich empfinde mich als Wienerin, und dass ich nun seit 20 Jahren in Deutschland lebe, ist ein Resultat der Freizügigkeit in der Europäischen Union.“

Trotzdem hat Sigrid Löffler eine besondere Beziehung zu Böhmen. Und zwar wegen ihrer Tätigkeit als Auslandskorrespondentin bei der Wiener Tageszeitung „Die Presse“. Diese entsandte die damals junge Journalistin nach Prag, um von den Ereignissen des Prager Frühlings zu berichten. Anstatt zwei Tage blieb Löffler zwei Monate in der Stadt.

Foto: Till EichenauerFoto: Till Eichenauer „1968 war mein Erweckungserlebnis. Meine Zuneigung zur Tschechoslowakei und besonders zu Böhmen hat sich damals erst entwickelt. Natürlich habe ich daraufhin viel tschechische Literatur dieser Zeit gelesen, wie Ludvík Vaculík, Milan Kundera oder Ivan Klima, die ich bis heute sehr schätze.“

Mit ihrem Auftritt im Prager Literaturhaus hat Sigrid Löffler im Übrigen eine dreiteilige Lesereihe eröffnet. Es geht um neue deutsche Literatur. Die Reihe gehört zum anlaufenden Deutsch-Tschechischen Kulturfrühling.

In der dreiteiligen Leserreihe wird am 6. April der Dichter José F.A. Oliver auftreten, und am 12. April liest der Romancier Akos Doma aus seinen Werken. Der Beginn ist jeweils um 18 Uhr im Prager Literaturhaus.