Tagesecho 120 Jahre Tschechische Philharmonie: Der Weg zum Orchester von Weltformat

04-01-2016 15:10 | Till Janzer

Preisgekrönt ist sie – und sie gilt als Schaufenster der tschechischen Musik: die Tschechische Philharmonie. Am Montag feiert sie ihren 120. Geburtstag mit einem Festkonzert. Gespielt wird dasselbe Programm, das am 4. Januar 1896 kein geringerer als Antonín Dvořák dirigierte. Trotz des höchst prominenten Auftakts dauerte es aber noch Jahrzehnte, bis aus der Philharmonie ein Orchester von Weltformat wurde. Ein kleiner Streifzug durch die Geschichte.

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Tschechische Philharmonie (Foto: Archiv der Philharmonie)Tschechische Philharmonie (Foto: Archiv der Philharmonie) Die Symphonie „Aus der neuen Welt“, die Ouvertüre zu Otello, eine der Slawischen Rhapsodien und fünf Biblische Lieder. Das war das Programm beim allerersten Konzert der Tschechischen Philharmonie. Antonín Dvořák dirigierte vor 120 Jahren im Rudolfinum also zum Teil seine eigenen Kompositionen.

Die Philharmonie, die 1896 entstand, war das erste eigenständige Ensemble für Konzerte in den Böhmischen Ländern. Dvořák am Dirigentenpult – das blieb aber eine Episode. Und anfangs kämpfte die Philharmonie auch mit Geldproblemen. 1903 übernahm Vilém Zemánek den Taktstock, er stabilisierte das Orchester. Erst mit der Gründung des tschechoslowakischen Staates entwickelte sich die Česká filharmonie jedoch weiter. David Mareček ist Generaldirektor des Orchesters:

David Mareček (Foto: Jan Sklenář, Archiv des Tschechischen Rundfunks)David Mareček (Foto: Jan Sklenář, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Ich denke, entscheidend war die Ära der großen Chefdirigenten. Das begann 1919 mit Václav Talich, er machte aus der Tschechischen Philharmonie das, was sie heute ist. Darauf folgten Rafael Kubelík – wenn auch kurz –, Karel Ančerl und Vaclav Neumann.“

Talich führte das Orchester bis in die Zeit der Okkupation, unter ihm erlangte es erstmals internationale Bekanntheit. Der Musikpublizist Bohuslav Vítek hat dessen Ära einmal wie folgt gegenüber Radio Prag geschildert:

Bohuslav Vítek (Foto: Khalil Baalbaki, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Bohuslav Vítek (Foto: Khalil Baalbaki, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zur raschen Verbreitung verschiedenster Tonaufnahmen in der ganzen Welt. Die Tschechische Philharmonie war mit von der Partie. Sie arbeitete mit dem damaligen Spitzenunternehmen ‚His Masters Voice‘ zusammen, das auch in Prag eine Filiale hatte. Bis zum Anfang des Krieges spielte das Orchester Konzerte in Großbritannien und Italien, wo es vor allem tschechische Musik bekannt machen wollte. Großer Beliebtheit erfreuten sich vor allem Dvořáks ‚Slawische Tänze‘.“

Rafael Kubelík übernahm 1941 die Philharmonie. Fünf Jahre später initiierte er das Musikfestival „Prager Frühling“ zum 50. Geburtstag des Orchesters. Zuvor hatte Staatspräsident Edvard Beneš die Philharmonie verstaatlicht. Unmittelbar nach dem Krieg war dies wohl ein positiver Schritt, wie Kubelík schon damals anmerkte:

Rafael Kubelík (Foto: YouTube)Rafael Kubelík (Foto: YouTube) „Die Verstaatlichung des Orchesters bedeutet, dass seine Mitglieder finanziell abgesichert sein werden. Das war höchst notwendig. Und auch ein eigenes Gebäude, was ihm so sehr gefehlt hat, hat das Orchester nun. Es ist das Gebäude des früheren Parlaments, einst bekannt als Rudolfinum.“

Als die Kommunisten die Macht im Land übernahmen, emigrierte Kubelík. An das Dirigentenpult im Rudolfinum trat aber mit Karel Ančerl ein würdiger Nachfolger – er verhalf der Tschechischen Philharmonie zu Weltrang. Sie spielte nun nicht mehr nur hervorragend tschechische Musik, sondern Werke aller wichtigen Komponisten. Und das ist immer noch so.

Jiří Bělohlávek (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Jiří Bělohlávek (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Der heutige Chefdirigent Jiří Bělohlávek wird am Montag fast dasselbe Programm wie am 1. Januar 1896 aufführen lassen. Solist ist übrigens Jan Martiník von der Berliner Staatsoper.

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