Tagesecho Parlamentswahlen und Präsidentschaftswahlen hängen zusammen
Standarte des tschechischen Präsidents
Bei den diesjährigen Parlamentswahlen in Tschechien ist es nicht nur um die
Zusammensetzung des Parlaments gegangen. Sowohl in den tschechischen als
auch in den ausländischen Medien wurde wiederholt sehr offen darüber
gesprochen, dass diesmal an den Wahlurnen auch über weitere sehr wichtige
Punkte entschieden wird. Unter diesen steht die Wahl des neuen tschechischen
Präsidenten und der EU-Beitritt an erster Stelle. "Das Wahlergebnis wird
Einfluss darauf haben, wer nächstes Jahr zum tschechischen Präsidenten
gewählt wird, durch dessen Persönlichkeit ein Bild des Landes im Ausland
geschaffen wird," sagte der französische Politologe Jacques Rupnik einen Tag
vor den Wahlen. Der tschechische Präsident wird indirekt, also vom Parlament
gewählt. Und das, obwohl drei Viertel aller Tschechen laut der Ergebnisse
von Meinungsumfragen schon jahrelang eine direkte Wahl des Präsidenten
fordern. Die Direktwahl des Präsidenten hat dann auch das dem aktuellen
Präsidenten Vaclav Havel nahe stehende Zwei-Parteien-Bündnis Koalice in
seine Wahlkampagne aufgenommen. Das übliche Argument, dass gegen eine
Direktwahl des Präsidenten immer wieder vorgeschoben wird, ist, dass es ein
allzu großer Eingriff in die bestehende Verfassung wäre, der aus Zeitgründen
bis zur nächsten Präsidentenwahl nicht möglich sei.
Präsident Vaclav Havel, der bereits das 13-te Jahr im Amt ist und nicht wiedergewählt werden kann, hatte schon in seiner Neujahrsrede auf die besondere Notwendigkeit hingewiesen, dass die Parteien vor den Parlamentswahlen ihren Kandidaten bekannt geben sollten, um Klarheit zu schaffen. Dies hat jedoch keine der drei großen Parteien getan. Diese Tatsache quittierte Havel mit den Worten:
"In normalen, stabilisierten Verhältnissen wäre es vielleicht nicht notwendig, dass die Parteien ihre Kandidaten schon so früh bekannt geben. Wir leben aber noch nicht in ganz normalen Verhältnissen und ich befürchte, dass die Funktion des Präsidenten zum Bestandteil von fragwürdigen Kabinettsgesprächen wird und für verschiedene Posten in Parlament, Regierung, Verwaltungsräten und staatlichen Institutionen könnte dieses Amt Teil undurchsichtiger Geschäfte werden. Was an sich in einem gewissen Maße in Ordnung wäre. Ich glaube aber, dass die Präsidentenfunktion hinsichtlich ihrer verfassungsrechtlichen Stellung aus diesen Gesprächen ausgeklammert werden sollte."
Die Parteien hätten Havel zufolge ihre Kandidaten öffentlich bekannt geben und so ihre Karten offen auf den Tisch legen sollen, auch wenn sie wissen, dass nach den Wahlen alles anders werden könnte und über den Kandidaten weiter verhandelt werden muss.






