Sportreport Tschechische Eishockeyidole: Der ruhige Králík stand 1985 auf dem Karriere-Gipfel

22-10-2008 16:46 | Lothar Martin

Das tschechische Eishockey steht vor einem großen Jubiläum. Am 8. November wird der Tschechische Eishockeyverband (ČSLH) den 100. Jahrestag seines Bestehens feiern. Radio Prag bringt dazu eine Serie, in der wir herausragende Vertreter der tschechischen Eishockeyschule verschiedener Epochen vortellen. Heute: Jiří Králík.

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Teil 3: Jiří Králík (Jahrgang 1952)

Torhüter Jiří Králík im Spiel Tschechoslowakei-USA auf der 50. Eishockey-WM (Foto: ČTK)Torhüter Jiří Králík im Spiel Tschechoslowakei-USA auf der 50. Eishockey-WM (Foto: ČTK) Jiří Králík besetzte über 20 Jahre den mithin wichtigsten Posten im Eishockeysport – die Torhüterposition. Von 1963 bis 1976 und von 1983–85 stand er im Tor des Clubs der mährischen Stadt Gottwaldov, die heutzutage wieder den Namen Zlín trägt. Von 1976 bis 1983 spielte er für den Armeeclub Dukla Jihlava, mit dem er 1982 und 1983 tschechoslowakischer Meister wurde. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre war Králík auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Bei den Weltmeisterschaften 1982 und 1985 wurde er zum besten Torwart des WM-Turniers gekürt. Und 1985, als das Championat in Prag stattfand, feierte er mit der tschechoslowakischen Nationalmannschaft zudem seinen größten sportlichen Erfolg – den Gewinn des Weltmeistertitels. Der heute 56-Jährige erinnert sich noch ganz genau, wie lange man auf diesen Triumph hingearbeitet hatte:

„Ein wesentlicher Grund des Erfolgs lag darin, dass die Mannschaft bereits seit 1980 unter der sportlichen Leitung von Dr. Luděk Bukáč und Stanislav Neveselý geformt wurde. Vor und während der Weltmeisterschaft erhielt sie aber noch einige neue Konturen. Kurz vor der WM hat sich mit Stürmer Petr Klíma einer unserer besten Spieler verletzt. Gleich im ersten Spiel mit der DDR folgte die Verletzung von Petr Rosol, und somit war unsere torgefährlichste Angriffsreihe Rosol–Kameš–Klíma im Nu zerfallen. Vor der Finalrunde hat Oldřich Válek einen Bruch des kleinen Fingers erlitten – also wieder ein Handicap für unser Team. Nach der 1:3-Niederlage gegen die USA mussten wir zum Abschluss der Vorrunde unbedingt gegen Schweden gewinnen, um in die Finalrunde zu kommen. Das ist uns gelungen. Im ersten Match der Finalrunde haben wir den hohen Favoriten, die Sowjetunion, mit 2:1 bezwungen, und von da ab haben wir uns auf dem Weg zum WM-Titel nicht mehr aufhalten lassen.“

Als damaliger Augenzeuge der irre spannenden Partie konnte ich erstmals live miterleben, was es für eine Mannschaft der Tschechoslowakei bedeutet hat, die besonders nach 1968 ungeliebten Russen auf dem Eis zu schlagen. Es war ein vorentscheidendes Spiel der WM vor 23 Jahren, aber mehr auch nicht, so Králík:

„Das erste Spiel war sicher von großer Bedeutung. Für uns aber noch wichtiger war das letzte Match, die Finalpartie mit Kanada. Kurz vor Schluss führten wir mit 4:3, als die Kanadier ihren Torwart vom Eis nahmen. Sie mussten noch zwei Tore schießen. Jiří Lála aber traf zum 5:3-Endstand ins leere Tor der Kanadier, und danach waren wir und die Zuschauer ein einziges Freudenmeer. Das war für mich ein unbeschreibliches Erlebnis.“

Jiří Králík 1980 (Foto: ČTK)Jiří Králík 1980 (Foto: ČTK) Erst einige Jahre später hat man in Tschechien und der Slowakei dann auch erst so richtig begriffen, welch großen Triumph man im Jahr 1985 gelandet hat. Die Spieler von Trainer Luděk Bukác hatten nämlich nicht nur die zu jener Zeit als nahezu unschlagbar geltende sowjetische „Sbornaja“ bezwungen, sondern auch ein kanadisches Team, dass so stark besetzt war wie lange nicht. In der Equipe der Ahornblätter spielte damals mit dem erst 19-jährigen Mario Lemieux ein kommender Superstar des Welteishockeys, dessen Stern eben gerade bei der WM in Prag aufging. Jiří Králík aber kann sich auch noch an einen zweiten NHL-Topspieler der Kanadier erinnern:

„Auch Steve Yzerman spielte in diesem Team. Die Kanadier hatten eine sehr starke Mannschaft, die mit uns um den Titel spielte. Uns haben in dem alles entscheidenden Match vor allem zwei Dinge geholfen: Zum einen unsere phantastischen Zuschauer, und zum anderen machte unser Stürmer Jiří Šejba wohl das Spiel seines Lebens, in dem er einen Hattrick erzielte.“

In den 1980er Jahren war der WM-Titel von 1985 der einzige herausragende Erfolg einer tschechoslowakischen Eishockey-Nationalmannschaft. Dank solch großartiger Cracks wie dem heutigen Auswahltrainer Vladimír Růžička, dem dreifachen Stanley-Cup-Gewinner Jiří Hrdina oder eben Goalie Jiří Kralík. Heute ist Králík ein selbständiger Unternehmer, der eine eigene Werbeagentur betreibt oder seiner Frau in ihrem Blumenhandel hilft. Králík ist nicht nur seiner mährischen Heimatstadt Zlín treu geblieben, sondern als Abgeordneter der dortigen Kreisvertretung engagiert er sich auch politisch für die Belange der Region. Králík hält mehrfach Eishockey-Vorträge und tritt als Co-Kommentator von Eishockey-Spielen im Tschechischen Fernsehen in Erscheinung. Zumeist immer dann, wenn eines der mährischen Teams im Einsatz ist. In den zurückliegenden drei Jahren aber sind gerade die Mannschaften aus Mähren in der obersten Spielklasse des Landes, der O2-Extraliga, immer mehr ins Hintertreffen geraten. Seit 2005 gewannen nur noch Clubs aus Böhmen den Meistertitel, seit 2006 erreichte eine mährische Vertretung nicht einmal mehr das Finale. Die Ursachen dafür liegen, so Jiří Králík, klar auf der Hand:

„Das ist eine Sache der Finanzen. Die finanzstärksten Clubs kommen jetzt aus Böhmen. Das sind Sparta und Slavia Prag sowie Moeller Pardubice. Für Mähren hat Vsetín in den 90er Jahren fünfmal in Folge die Meisterschaft gewonnen, später holte Zlín 2004 noch einen Titel. Gegenwärtig aber haben diese beiden und andere mährische Vereine nicht die hohen Etats, um die stärksten Spieler verpflichten zu können.“

Als mährischer Patriot und engagierter Eishockeyexperte würde Králík die heutige Situation im tschechischen Clubeishockey sicher gern etwas zugunsten der mährischen Teams ändern wollen. Doch er weiß die Realitäten in unserer globalisierten Welt, die auch vor dem tschechischen Eishockey nicht halt machen, nur allzu gut einzuschätzen:

„Die besten Eishockeyspieler erhalten heute zahlreiche sehr gut dotierte Angebote aus dem Ausland – aus der NHL, aus Russland oder Skandinavien. Von daher spielen auch weit weniger der besten tschechischen Cracks in der heimischen Liga als man verkraften könnte. Die besten Spieler gehen heute halt dorthin, wo sie das meiste Geld erhalten. Und das können nur die ganz großen Clubs zahlen.“

Diese Möglichkeit hatte Jiří Králík zu den Zeiten seiner sportlichen Karriere leider nicht. Vor der politischen Wende 1989 in der Tschechoslowakei durften die besten Cracks aus Tschechien und der Slowakei erst dann legal ins Ausland wechseln, wenn sie zumindest einen großen internationalen Erfolg für ihr Land errungen hatten und wenn sie zudem über 30 Jahre alt waren. Deshalb machte Jiří Králík erst nach dem Gewinn des WM-Titels 1985 seine erste und einzige Auslandserfahrung als Sportler. Von 1985 bis 1987 stand er im Tor des bayerischen SB Rosenheim, um danach seine Karriere zu beenden. An die zwei Jahre in Rosenheim denkt er auch heute noch gern zurück, doch ebenso auch daran, dass er mit seinem Können auch durchaus noch lukrativere Verträge hätte erhalten können:

„Das war für mich natürlich etwas Neues. Sehr schade war jedoch, dass ich erst mit 33 Jahren ins Ausland wechseln durfte. Dadurch hatte ich leider auch nicht mehr die Möglichkeit, in der ruhmreichen NHL zu spielen. Auch aus diesem Grund waren die beiden Saisons in Rosenheim nicht gerade meine erfolgreichsten Jahre.“

Jiří Králík ist bis heute ein bescheidener und eher introvertierter Mensch geblieben. Im Eishockeysport aber, wo er als ruhiger Tormann mit der großen Gabe, sich ausgezeichnet auf jedes Spiel konzentrieren zu können, zu den damals weltbesten Vertretern seiner Zunft gehörte, hat er noch heute viele Freunde. Auch in Deutschland, wo er auch als Trainer tätig war:

„Ich habe zudem ein halbes Jahr die Mannschaft der Eisbären Berlin trainiert. Wenn ich heute die Kameraden von damals treffe, dann plauschen wir natürlich auch gern über die alten Zeiten.“

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