Sportreport Tschechien hofft bei Volleyball-EM auf den Karlsbad-Effekt
Im vergangenen Jahr richtete Tschechien drei große internationale Sportevents aus: die WM im Radcross, die EM im Tischtennis und die WM im Basketball der Damen. Das waren drei Highlights, bei denen sich die jeweiligen Sportverbände des Landes, ihre Manager und Organisatoren, auch als fähige Ausrichter bedeutender Sportveranstaltungen beweisen konnten. In diesem Jahr aber ist Tschechien ein Co-Gastgeber für nur einen internationalen Höhepunkt – die Volleyball-Europameisterschaft der Herren, die vom 10. bis 18. September in Wien, Karlsbad, Innsbruck und Prag stattfindet.
Foto: FIVB
In Tschechien ist die Basketball-WM der Frauen, die im September
vergangenen Jahres in Brno / Brünn, Ostrava / Ostrau und Karlovy Vary /
Karlsbad ausgetragen wurde, noch in aller Munde. Aus gutem Grund, denn die
tschechischen Damen wussten bei dieser Weltmeisterschaft zu begeistern und
scheiterten erst im Finale am späteren Titelträger USA. Die Finalrunde
des WM-Turniers wurde dabei in der modernen KV Arena in Karlsbad
ausgespielt, also der Spielstätte, in der auch die tschechischen
Volleyballer ihre Spiele in der Vorrundengruppe B bestreiten werden. Ein
gutes Omen? Der Vorsitzende des Tschechischen Volleyball-Verbandes (ČVS),
Zdeněk Haník, beantwortet diese Frage so:
Zdeněk Haník (Foto: Volejbal.cz)
„In Karlsbad freut man sich riesig auf die Europameisterschaft, so dass
wir glauben, hier einen echten Heimvorteil zu haben. Ein zweites Argument
sind die Finanzen. Die Nutzung der Prager O2 Arena kostet pro Tag 1,5
Millionen Kronen, und wenn wir dort einschließlich der Vorbereitung zehn
Tage verbringen würden, dann würden sich unsere Kosten um sechs bis
sieben Millionen Kronen erhöhen.“
Wegen des laufenden Konkursverfahrens gegen die Lotteriegesellschaft Sazka, die Eigentümer der O2 Arena ist, aber drohen in Prag noch weitere Probleme:
O2 Arena
„In Bezug auf die O2 Arena gibt es im Grunde genommen zwei Probleme. Das
erste ist, dass die Halle wegen des Bankrotts von Sazka auch Gegenstand von
Verhandlungen ist und deshalb für eine bestimmte Zeit nicht zur Verfügung
stehen könnte. Dieses Problem sehe ich aber eher als gering an. Ein
größeres Problem ist der Kartenvorverkauf, denn bei den ganzen
Komplikationen, die es rund um Sazka gibt, habe ich die gewisse
Befürchtung, ob die Zuschauer für ihr Geld auch tatsächlich eine
gültiges Ticket für die WM erhalten“, sagt Haník.
KV Arena in Karlsbad (Foto: KV Arena, GmbH)
Nichtsdestotrotz haben die tschechischen Veranstalter der EM am Mittwoch,
dem 15. Juni, mit dem Kartenverkauf für die Spiele der Gruppe B in
Karlsbad, der Begegnungen der Gruppe D in Prag sowie für die vier
Play-off-Partien in Karlsbad begonnen. Dabei werden Tickets in drei
Preiskategorien angeboten, und zwar zu 790, 590 und 290 Kronen, was
umgerechnet 33 Euro, 24,50 Euro und 12 Euro entspricht. Falls wegen der
Unsicherheiten mit der O2 Arena aber Zuschauer wegbleiben sollten, wäre
das für die Veranstalter ein heftiger Schlag ins Kontor. Schließlich ist
es gerade die Prager Gruppe mit Bulgarien, Deutschland, Polen und der
Slowakei, die den wohl attraktivsten Volleyball der Vorrunde verspricht:
Jan Hronek (Foto: Tschechischer Volleyball-Verband)
„Natürlich wäre das schade, denn vom polnischen Volleyball-Verband,
mit dem wir laufend verhandeln, haben wir erfahren, dass mindestens 5000
polnische Fans zu den jeweiligen Spielen ihrer Mannschaft nach Prag
anreisen wollen. Eine tolle Atmosphäre dürfte damit garantiert sein“,
verrät Haník.
In enger Zusammenarbeit mit Organisationschef Jan Hronek treibt Haník die letzten Vorbereitungen auf die EM voran. Deshalb hatte er auch noch diese Information parat:
„Ich habe von Doktor Hronek mitgeteilt bekommen, dass man aus Deutschland 500 bis 1000 Besucher zu jedem Spiel der deutschen Mannschaft erwartet.“
Die letzten Vorbereitungen auf die EM sind also in vollem Gange, und das trifft ganz besonders auf die 16 teilnehmenden Mannschaften zu. Das tschechische Team startet seine Vorbereitungen am kommenden Montag mit einem Trainingscamp in Benešov. Dafür nominierte Nationaltrainer Jan Svoboda 22 Spieler in das erweiterte EM-Aufgebot. Kapitän der Mannschaft ist Ondřej Hudeček, und als solcher hat er natürlich auch eine Meinung zum Kader:
Ondřej Hudeček
„Für einige Leute wird es sicher eine Überraschung sein, dass weder
Michal Rak noch Martin Lébl im Kader sind. Ich weiß zwar nicht genau
warum, denke aber, dass beide derzeit gesundheitliche Probleme haben.
Ansonsten aber sind alle starken Spieler im Aufgebot, also das Beste, was
Tschechien zu bieten hat.“
Nach dem guten Eindruck, den die tschechischen Volleyballer bei der WM im vorigen Jahr in Italien hinterlassen haben, als sie Kontrahenten wie Bulgarien, die USA oder Frankreich bezwungen haben, sind die Erwartungen der Anhänger in die Nationalmannschaft für die EM im eigenen Land gestiegen. Das weiß auch Hudeček:
„Die Ambitionen, die die Fans hegen, werden wohl etwas größer sein als noch zuletzt. Die Öffentlichkeit erwartet sicher einen großen Erfolg von uns. Wir aber dürfen diesem Druck nicht unterliegen, sondern müssen uns zusammenraufen und die Unterstützung der Fans und in den Medien vielmehr zu unserem Vorteil nutzen. Und zwar so, dass uns das zu Leistungen antreibt, die uns im Turnier so weit wie möglich bringen.“
Jan Štokr
Um solch einen größeren Erfolg auch wirklich erreichen zu können, sind
alle gefragt, betont Hudeček:
„Meiner Meinung nach haben nur die Mannschaften eine Siegchance, die auch ein gutes Team sind. Von daher hoffe ich, dass wir uns in der Vorbereitung zu einem echten Team finden werden, eine gute Atmosphäre entwickeln und diese dann mit in die EM nehmen können. Zudem hoffe ich, dass wir dank unseres Zusammenhalts dann auch mehr in die Waagschale werfen können als unsere Gegner in den jeweiligen Spielen.“
Bei aller Teamstärke und Ausgeglichenheit, die sich Hudeček wünscht, einen Star in den eigenen Reihen kann noch jede Mannschaft gut gebrauchen. Einen solchen Ausnahmespieler scheint auch das tschechische Team in Angreifer Jan Štokr gefunden zu haben. In seiner ersten Saison beim italienischen Meister und Champions-League-Sieger Trento (Trient) wusste der 28-Jährige durchaus zu überzeugen. Mit seinen starken Leistungen am Netz konnte sich Štokr einen Stammplatz im italienischen „Wunderteam“ erobern. Auch er setzt mit Blickrichtung EM auf eine zielgerichtete Vorbereitung:
„Ich denke, alles hängt von einer guten Vorbereitung ab, wie wir als
Team zusammenwachsen werden. Es wäre positiv, wenn es wieder so sein
würde wie bei der vorjährigen Weltmeisterschaft in Italien, wo wir
richtig Spaß am Volleyball hatten. Aufgrund dieser Spielfreude hatten wir
auch ein gutes Gefühl für unsere eigene Stärke. Ich denke, das ist auch
diesmal unser einziger Weg um zum Erfolg zu kommen.“
Ein Erfolg wäre zumindest das Erreichen des Viertelfinals, zumal die besten sechs Mannschaften automatisch für die nächste EM im Jahr 2013 qualifiziert sind. Auf dem Weg dorthin trifft das tschechische Team in seiner Gruppe zunächst auf die Vertretungen aus Portugal (10.9.), Estland (11.9.) und Russland (12.9.). Für die Play offs qualifizieren sich die ersten Drei jeder Gruppe. Sollte Tschechien in der Gruppe B dazugehören, ist möglicherweise der Zweite oder Dritte der Prager Gruppe D der nächste Gegner. Und darin sieht Kapitän Hudeček alles andere als eine leichte Aufgabe:
„Natürlich ist dieser Modus nicht gerade einfach, denn wir träfen
ausgerechnet auf ein Team der Prager Gruppe, die auch für mich die
schwerste der gesamten EM ist. Wir können aber über diesen Modus streiten
wie wir wollen, aber ich muss sagen, es ist ein gerechter Modus.“
Hudeček sprach in seiner Aussage darauf an, dass bei dieser EM die Gruppensieger erstmals direkt für das Viertelfinale qualifiziert sind, während die jeweiligen Zweiten und Dritten zweier Gruppen (A/C und B/D) im Überkreuzvergleich die verbleibenden vier Viertelfinalisten ermitteln. Im tschechischen Lager hofft man nun, diesen neuen Modus auch erfolgreich nutzen zu können.






