Rückkehr von Volksheld Jágr löst Ansturm auf Zweitliga-Tickets aus

Der Eishockeyspieler Jaromír Jágr ist in Tschechien ein großes Idol. Doch man kann auch sagen: Er ist ein Nationalheld. Denn welch ein Echo seine Rückkehr von Nordamerika ins heimische Kladno ausgelöst hat, lässt sich kaum beschreiben.

Jaromír Jágr (Foto: ČTK)Jaromír Jágr (Foto: ČTK) Das tschechische Eishockey ist seit vergangenem Samstag um ein denkwürdiges Kapitel reicher. Denn aus einem eigentlich eher unbedeutenden Zweitligaspiel wurde ein Spektakel. Es wurde in der modernen Home Credit Arena in Liberec / Reichenberg ausgetragen, in der Begegnung standen sich die Mannschaften aus Benátky nad Jizerou und Kladno gegenüber. Mit ihren bisherigen Kadern hätten die Teams nicht einmal 500 Besucher in die Halle der mittelböhmischen Kleinstadt Benátky nad Jizerou / Benatek gelockt. Wegen zwei Männern aber wurde die Partie kurzfristig nach Liberec verlegt, und die Arena war mit 7500 Zuschauern ausverkauft.

Die zwei Spieler, die in dem Punktspiel der sogenannten WSM-Liga mitwirkten, sind zwei Idole des tschechischen Eishockeys. Zum einen ist dies der Ex-NHL-Spieler Petr Nedvěd, der im Trikot des HC Benátky seine Abschiedsvorstellung gab. Und zum anderen ist es der Mann, der den Riesenhype erst ausgelöst hatte: Volksheld Jaromir Jágr. Denn seit bekannt wurde, dass der zweimalige Stanley-Cup-Sieger seine Zelte in Calgary verletzungsbedingt abbrechen muss und zurück in die Heimat kommt, gab es unter den tschechischen Eishockeyfans kein Halten mehr. Sie schlugen ein neues Kapitel der „Jagrmania“ auf.

Jaromir Jágr: „Einer der Gründe, weshalb ich nach Hause zurückgekehrt bin, war der, dass ich hier etwas Ruhe habe und Kladno helfen kann. Ich hätte aber nie erwartet, dass meine Heimkehr solch einen Hype auslöst.“

Die Begeisterung seiner Fans weiß der Superstar zu schätzen. Diesmal aber war sie für ihn unerwartet groß.

„Einer der Gründe, weshalb ich nach Hause zurückgekehrt bin, war der, dass ich hier etwas Ruhe habe und Kladno helfen kann. Ich hätte aber nie erwartet, dass meine Heimkehr solch einen Hype auslöst. Das ist eine schöne Sache, wenn die Fans in solcher Art einen Spieler respektieren, der fast 46 Jahre alt ist und dessen Karriere schon bald zu Ende geht. Wenn ich sagen würde, dass mich das stört, würde ich lügen Es ist sehr angenehm.“

Auf der anderen Seite ist dieser Zuspruch auch eine Verpflichtung. Und wer Jágr kennt, der weiß, dass er seinen Fans immer etwas Besonderes bieten will – ein Erlebnis, das sie ihr Leben lang nicht vergessen, wie er selbst auf einer Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag in Kladno sagte. Deshalb war er auch etwas beunruhigt, als er davon erfuhr, welch einen Ansturm auf die Tickets zu den Spielen des Zweitligisten Rytiři Kladno seine Rückkehr mit sich gebracht hat. Wie groß der Rummel um ihn ist, beschreibt eine Twitter-Nachricht von Slavia Prags Pressesprecher Jakub Mezlik wohl am besten:

Jaromír Jágr (Foto: Ondřej Tomšů)Jaromír Jágr (Foto: Ondřej Tomšů) „Wir haben große Probleme, unsere Halle zu füllen. Und plötzlich kommt ein Mann und füllt sie für uns über Nacht.“

Jaromír Jágr ist jedoch nicht aus freien Stücken von Nordamerika nach Tschechien zurückgekehrt. Erst Anfang Oktober hatte er einen Ein-Jahres-Vertrag beim NHL-Club Calgary Flames unterzeichnet, den er auch erfüllen wollte. Doch anfängliche Probleme mit der Leiste und nach dem zwölften Spieltag zudem eine hartnäckige Knieverletzung durchkreuzten diese Pläne. Daher einigte er sich Ende Januar mit dem Management der Flames zu einer Ausleihe an seinen tschechischen Stammverein:

„In Calgary habe ich einen Monat lang nicht gespielt und auch kaum trainiert. Deshalb bin ich mit den Verantwortlichen der Flames übereingekommen, dass es besser wäre, wenn ich mich in Tschechien auskuriere und dann versuche, noch in dieser Saison wieder zu spielen. Ich bin dankbar dafür, dass sie mir entgegengekommen sind.“

Jaromír Jágr (Foto: Ondřej Tomšů)Jaromír Jágr (Foto: Ondřej Tomšů) Und kaum in Prag gelandet, suchte der Oldie auch einen Arzt auf. Doch nicht irgendeinen Mediziner, sondern den hierzulande hochgeschätzten Physiotherapeuten Pavel Kolář. Er ist seit Jahren der Arzt seines Vertrauens und stellte vor fünf Tagen auch eine erste Diagnose für Jágrs Knieprobleme. Dazu der Spieler selbst:

„Wir denken, dass es das Innenband meines rechten Knies ist, das ich überdehnt habe. Ich kann mich aber nicht erinnern, wie es dazu gekommen ist und wann das Knie zu schmerzen begann. Vielleicht habe ich auch nichts gespürt, weil ich Schmerzmittel genommen habe. Das Knie schwoll an, weil neben dem Innenband ein kleiner Knöchel gebrochen ist. Professor Kolář hat mir dort heute eine Injektion gespritzt, es war ein Mix aus meinem Blut mit Kräuterextrakten. Es war wirklich schmerzhaft, mir war danach sehr übel.“

Jaromír Jágr aber nimmt auch diese Unannehmlichkeiten auf sich, weil er ein klares Ziel vor Augen hat:

Jágr: „Das Wichtigste für mich ist, dass ich wieder völlig genese. Nur dann werde ich wieder zu einhundert Prozent trainieren können. Mein Körper ist an hohe Belastung gewöhnt, und die brauche ich, um gut spielen zu können.“

„Das Wichtigste für mich ist, dass ich wieder völlig genese. Nur dann werde ich wieder zu einhundert Prozent trainieren können. Mein Körper ist an hohe Belastung gewöhnt, und die brauche ich, um gut spielen zu können. Wenn ich gesund bin, dann werde ich das Eishockey auch wieder genießen und Freude daran haben, mein Können zu zeigen. In Calgary habe ich Spiele gemacht, auf die ich mich zunächst sehr gefreut habe, doch nach zwei, drei Wechseln habe ich auf die Zähne gebissen und mich gefragt: Habe ich es nötig, unter solchen Schmerzen zu leiden?“

Die Pressekonferenz in Kladno nutzte der zweitbeste Scorer der NHL-Geschichte dann auch, um den Fans in Calgary für ihre Unterstützung nochmals zu danken:

„Es ist genau das eingetreten, was ich bei einer kanadischen Mannschaft erwartet habe. Zu den Spielen und anderen Gelegenheiten kam eine Riesenschar von Fans. Deshalb tut es mir auch leid, dass ich dort nicht länger bleiben konnte und auch nicht solche Leistungen geboten habe, wie ich es selbst wollte. Jede Chance, ja jeder Schuss von mir wurde bejubelt, das war schon unnormal. Vielleicht waren der Optimismus, die Erwartungen und die Begeisterung dann auch etwas zu groß.“

Jaromír Jágr in Calgary (Foto: Archiv Calgary Flames)Jaromír Jágr in Calgary (Foto: Archiv Calgary Flames) Wegen des verfrühten Endes in Calgary konnte es Jágr auch nicht gelingen, den NHL-Einsatzrekord des Kanadiers Gordie Howe zu knacken. Dieser liegt bei 1767 Spielen in der NHL-Punkterunde. Aufgrund seiner Verletzung brachte es Jágr in dieser Saison nur auf 22 Einsätze, so dass er sein Konto nur bis auf 1733 Spiele anheben konnte. Den tschechischen Stürmer grämt es jedoch nicht sehr, dass ihm der mögliche Rekord verwehrt blieb. Er bedauert es viel eher, einen anderen Statistikwert nicht erreicht zu haben:

„In Amerika ist man von Statistiken besessen. Auch dadurch wird der Wettbewerb noch interessanter. Die andere Seite aber ist, dass die Fans und die Journalisten Rekorde weitaus ernster nehmen als ich selbst. Für mich waren sie nie das primäre Ziel. In den vergangenen Jahren vielleicht auch deshalb nicht, weil ich Tag für Tag darauf hingewiesen wurde. Der einzige Statistikwert, der mich wirklich gereizt hat, war die 2000-Punkte-Marke in der Scorer-Wertung. Als ich für Florida gespielt habe, habe ich noch fest daran geglaubt, die Marke knacken zu können. Das aber ist nun passé.“

Jaromír Jágr (Foto: ČTK)Jaromír Jágr (Foto: ČTK) Dafür hat Jágr, der in zehn Tagen seinen 46. Geburtstag feiert, nun vor der eigenen Türe noch große Ziele. Er ist seit sechseinhalb Jahren Hauptaktionär des Eishockeyclubs Rytiři Kladno. Dieser Traditionsverein, der sechsmal Landesmeister wurde, ist aber seit vier Jahren nur noch zweitklassig. Das will sein Besitzer ändern und die Mannschaft, möglichst noch in dieser Saison, wieder ins Oberhaus führen. Am vergangenen Samstag hat er dazu einen furiosen Anfang gemacht: Zum 7:2-Auswärtssieg seiner „Ritter“ steuerte er drei Torvorlagen bei. Und dies, obwohl er zwei Tage zuvor noch erklärt hatte, dass er wegen seiner Knieprobleme wohl nur zu ein paar Wechseln auflaufen werde. Am Ende bestritt er jedoch die gesamte Partie und sagte:

„Ich habe vorher nicht gewusst, ob mein Knie durchhält. Ich habe mit einer Orthese gespielt und hatte keine Schmerzen. Und was meine Physis anbelangt, auch das war ok. Ich habe zwar gestern das erste Mal seit einem Monat wieder auf dem Eis gestanden, aber irgendwie reicht es noch.“

Jágr: „Der einzige Statistikwert, der mich wirklich gereizt hat, war die 2000-Punkte-Marke in der Scorer-Wertung. Als ich für Florida gespielt habe, habe ich noch fest daran geglaubt, die Marke knacken zu können. Das aber ist nun passé.“

Gegenüber seiner Mannschaft aber ließ er auch kritischere Töne verlauten:

„Unser Ziel ist natürlich der Aufstieg in die Extraliga. Dafür liegt noch jede Menge Arbeit vor uns. Jetzt, wo wir kurz vor den Playoffs stehen, wird es nun auch ernst. Um dort bestehen zu können, müssen wir uns aber noch von Tag zu Tag verbessern.“

Jágrs unzählige Fans sind guter Hoffnung, dass ihr Idol dazu auch das Seinige beitragen wird. Und weil sie ihn und seine einzigartige Spielweise nebst Scheibenführung noch möglichst oft live sehen wollen, wird die Jagd auf Eintrittskarten für ein Spiel mit Jaromír Jágr auch nicht abreißen.

Ab Sonntag bis zum darauf folgenden Samstag können Sie abstimmen, welcher Song aus der Woche Ihnen am meisten gefallen hat. (mehr...)