Sportreport Extrembergsteiger Jaroš: Ich habe mir einen Kindheitstraum erfüllt
Bei den meisten Sportarten ist die vollbrachte Leistung messbar – anhand einer Zeit, einer Weite oder Höhe. Die Leistung wird dabei oft in einem überschaubaren Rahmen vollbracht – an einem Wettkampftag binnen weniger Minuten oder Stunden. Doch es gibt auch Extremsportler, deren Leistungen so außergewöhnlich sind, dass man sie weder richtig einordnen noch genug loben kann. Zu ihnen gehören die ständigen Teilnehmer der Himalaja-Expeditionen, und einer von ihnen ist der Tscheche Radek Jaroš. Am Montag ist der 46-Jährige aufgebrochen, um einen weiteren Achttausender unserer Erde zu bezwingen.
Radek Jaroš (Foto: Archiv von Radek Jaroš)
Die 14 Achttausender, sie sind das Nonplusultra eines jeden
Extrem-Bergsteigers. Elf von ihnen hat Radek Jaroš schon erfolgreich
erklommen, drei fehlen ihm noch: der gefürchtete K2, der Lhotse und der
Annapurna. Letzterer Gipfel war das eigentliche Ziel von Jaroš in dieser
Saison, doch dann musste er seine Pläne kurzfristig ändern:
„Meine Begleiter aus Amerika und Kanada, mit denen ich den Aufstieg zum Annapurna geplant hatte, haben ihre eigenen Pläne geändert. Daher werde ich jetzt einen Achttausender als Solist besteigen, und für dieses Vorhaben scheint mir der Lhotse geeigneter zu sein.“
Expedition Lhotse 2011 (Foto: Archiv von Radek Jaroš)
In der gefährlich dünnen Höhenluft des Himalajas will Jaroš also im
Mai eine Solobesteigung auf den vierthöchsten Gipfel der Welt, den 8516
Meter hohen Lhotse wagen. Dafür fühle er sich physisch wie psychisch
stark genug, auch wenn er zugeben müsse, dass die Strapazen ungleich
höher sind als im Team:
„Was man sonst in einem Team von zwei, drei, vier, fünf oder gar 16 Leuten getan hat, muss man jetzt ganz allein bewältigen. Wenn man zum Beispiel das Gepäck in der Endphase auf drei Leute verteilt, ist das noch relativ vertretbar gegenüber einer Solobesteigung. Wenn ein Einzelner alles selbst mitschleppen muss, was für die Absicherung einer Gipfelbesteigung notwendig ist, dann ist das für ihn äußerst anstrengend.“
Foto: Archiv von Radek Jaroš
Wie schwer aber ist denn nun die Ausrüstung, die für eine
Gipfelbesteigung im Himalaja erforderlich ist?
„Ich rechne damit, dass ich von Tschechien aus so 150 bis 200 Kilogramm Material mitführen werde. Wenn ich mich dann aber nach dem Basiscamp zwischen den einzelnen Höhenlagern bewege, dann wird mein Rucksack nur noch 20, im allerhöchsten Fall 30 Kilogramm schwer sein. 30 Kilo aber sind schon eine unmenschliche Last.“
Radek Jaroš
Unmenschliche Lasten, extreme Witterungsverhältnisse und die raue Natur
– warum nur nimmt man all das auf sich? Bei Radek Jaroš ist die
Sehnsucht nach dem Hochgebirge schon sehr früh entstanden:
„Mein Traum war geboren, als ich in meiner Kindheit das Abenteuerbuch ´Himalaja-Tiger´ las. Ich war etwas neidisch auf die Helden, die in dem Buch beschrieben wurden, doch eigentlich habe ich damals nie ernsthaft daran gedacht, ihren Spuren eines Tages zu folgen. Zumal wir seinerzeit nicht einmal problemlos reisen konnten, weder nach Ungarn noch nach Ostdeutschland. Für mich hat sich also jetzt ein Kindheitstraum erfüllt.“
Dhaulagiri (Foto: Archiv von Radek Jaroš)
Inzwischen durchquert Jaroš schon ein Vierteljahrhundert die höchsten
Gebirge unserer Erde, besteigt die Gipfel und hält seine Eindrücke in
Tagebüchern, auf Fotos und auf Filmen fest. Immer im April und Mai, wenn
die Bedingungen für eine Himalaja-Expedition am besten sind. Der Rausch am
Limit zu leben, die menschlichen Grenzen auszuloten und im wahrsten Sinne
immer wieder hoch hinaus zu steigen, lässt ihn kaum noch los. Aus gutem
Grund:
„Selbstverständlich steckt hinter allem das Entdecken von Unbekanntem, und im Erklimmen jedes neuen Gipfels findet man seine größte Motivation. Beim Aufstieg ist jedoch nicht nur der Gipfel das Ziel, sondern der ganze Weg dorthin und zurück. Das Schöne am Extrembergsteigen im Hochgebirge ist ja gerade das gesamte Durchleben des Auf- und Abstiegs, und am schönsten ist es, wenn man seine Gefühle dabei mit Freunden teilen kann. Das gemeinsame Erlebnis Hochgebirge ist also mehr als nur das Erreichen des Gipfels.“
Everest
Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass Jaroš den finalen Aufstieg zum
Lhotse allein meistern will. Insbesondere weil er weiß, was ihm die Sache
besonders erschweren wird:
„Der größte Unterschied zur Teambesteigung liegt in der Psyche. Man kann sich bei niemandem an die Schulter lehnen und ausweinen, niemandem seine Ängste mitteilen, sondern muss klar im Kopf bleiben, damit man keine Fehler macht. Sicher, auch im Team sollte man keine Fehler machen, als Solist aber kann jeder Fehler fatal sein.“
Gletscher Khumbu (Foto: Uwe Gille, Creative Commons 3.0)
Deshalb werde er, so Jaroš, auch das Basiscamp unterhalb des Mount
Everest nutzen, um mit sehr vielen Leuten ins Gespräch zu kommen. An
dieser Möglichkeit wird kein Mangel sein, denn zum höchsten Gipfel der
Erde sind Jahr für Jahr bereits Dutzende Leute unterwegs. Im Talkessel
unterhalb des Everest aber muss er auch den berühmt-berüchtigten
Gletscher Khumbu durchqueren. Und vor einem Gletscher habe er stets den
größten Respekt, sagt Jaroš:
„Ein Gletscher ist de facto ein lebender Organismus. Er zieht sich vom Fuße der Gipfel meist Dutzende Kilometer weit ins Tal. Unter dem Schnee und Eis läuft ständig Schmelzwasser ab und wenn er sich über einem felsigen Untergrund auftürmt, beginnt er oft zu brechen, wodurch dann meist abgrundtiefe Gletscherspalten entstehen. Diese Gletscherspalten sind die größte Gefahr bei den Aufstiegen.“
Manaslu (Foto: Archiv von Radek Jaroš)
Um diese Gefahr zu minimieren, werde er für den Gang über den Gletscher
unbedingt einige Mitstreiter suchen, um sich gegenseitig am Seil zu
sichern. Denn ein Soloritt über den Gletscher sei einfach
unverantwortlich, so Jaroš.
Danach aber, wenn man sich auf die letzten Kilometer zum Gipfel aufmacht, muss man in erster Linie auf das Wetter achten. Kräftige Stürme können einem die letzte Kraft rauben, so dass man nie genau weiß, wie oft man seinen Aufstieg unterbrechen muss. Vor zwei Jahren, als er den 8163 Meter hohen Manaslu allein bezwang, habe er allein vier Lager auf einem Höhenkilometer errichtet. Deswegen müsse man im Hochgebirge vor allem Geduld mitbringen, betont Jaroš.
Makalu (Foto: Archiv von Radek Jaroš)
„Man kann hier oben nichts nach Höhe oder Entfernung beurteilen,
sondern nur nach Zeit. Die vermeintliche Entfernung ist nicht der
aussagekräftigste Faktor, sondern es geht viel mehr darum, wie lange man
an einem Tag unterwegs ist. Sagen wir zum Beispiel zwölf Stunden. Aufgrund
des Wetters und anderer Einflüsse aber kann man nie vorher sagen, für
welchen Aufstieg diese Zeit reichen wird. Manchmal schafft man nur 200
Höhenmeter, manchmal 1000 Meter.“
Radek Jaroš (Foto: Archiv von Radek Jaroš)
Um alle seine Expeditionen finanzieren zu können, hat der von der
Böhmisch-Mährischen Höhe stammende Jaroš bereits mehrere Sponsoren. Er
ist Teilhaber einer Baufirma, aber kümmert sich nur zweitrangig um die
Belange des Unternehmens. Denn mittlerweile sei er ein professioneller
Extrembergsteiger, der seinen Sponsoren auch einiges zurückzahle, so
Jaroš. So testet er zum Beispiel neue Materialien für die Hersteller
unter den extremen Bedingungen des Himalajas und hält alle seine
Erfahrungen in Wort und Bild fest. Daraus entstehen dann Vorträge,
Fotoausstellungen, Kalender, Bücher und Filme über seine Expeditionen –
Präsentationen also, in die seine Sponsoren eingebunden sind. Und ein Ende
dieser Zusammenarbeit ist noch nicht abzusehen, weil jede Expedition ihren
eigenen, ganz speziellen Reiz habe, resümiert Jaroš:
Foto: Archiv von Radek Jaroš
„Auch wenn ich zweimal die gleiche Strecke absolviere, ist sie nicht
dieselbe. Jedes Jahr ist das ein völlig anderes Erlebnis, denn die
Expedition kann beim zweiten Male leichter oder schwerer sein. Auch wenn
man eine Strecke schon vor zehn Jahren absolviert hat, heißt das nicht,
dass ein erneuter Aufstieg jetzt keinen Wert mehr hätte. Im Gegenteil, die
Expedition kann viel schwerer sein, und zwar wegen der Unwägbarkeiten des
Hochgebirges.“





