Sportreport Dominanz der Damen hält an: Martina Sáblíková ist Tschechiens "Sportler des Jahres"
Das Sportjahr 2009 geht zu Ende. Ein Jahr, in dem auch tschechische Athleten und Athletinnen einige Ausrufezeichen setzten. Aber einzig Eisschnellläuferin Martina Sáblíková hat es in diesem Jahr bis nach ganz oben zum Weltmeistertitel geschafft. Deshalb wurde sie auch zu Recht zum tschechischen „Sportler des Jahres“ gewählt.
„Der König ist tot, es lebe der König!“ Dieses weithin bekannte
Sprichwort wird häufig und gern zitiert, wenn es in Politik, Wirtschaft
oder auch im Sport zur Ablöse von sehr erfolgreichen Menschen an der
Spitze von Regierungen, Unternehmen bzw. Sportarten kommt. Auch nach
Umfragen wird die Symbolik oft genutzt. Eine der letzten Umfragen wurde
erst vor einer Woche beendet – es war die Wahl des tschechischen
Sportlers des Jahres, die von den Sportjournalisten des Landes
durchgeführt wird. Den Ergebnissen ihrer Wahl zufolge müsste das
Sprichwort allerdings schon längst in „die Königin ist tot, es lebe die
Königin!“ umgeschrieben werden, denn zum vierten Mal in Folge ist eine
Sportlerin auf den Thron gehievt worden. Es ist die Eisschnellläuferin
Martina Sáblíková, die nach 2007 zum zweiten Male in ihrer Karriere zum
„Sportler des Jahres“ in Tschechien gewählt wurde.
Ja, es stimmt, im Gegensatz zur Sportlerwahl in Deutschland wird bei der Einzelwahl in Tschechien nicht nach Geschlechtern unterschieden. Ein besonderer Erfolg also für die 22-jährige Kufenflitzerin aus Nové Město na Moravě in Mähren. Und ein ziemlich aufregender dazu, denn bei der Preisverleihung im Prager Hilton-Hotel nahm sie die Sportlerkrone erstmals auch persönlich entgegen:
Martina Sáblíková (Foto: ČTK)
„Für mich war das eine große Premiere und ich muss sagen, so nervös
war ich lange nicht. Ich muss zugeben, dass ich mich bei der Preisübergabe
kaum auf dem Podium halten konnte, so haben mir die Knie gezittert.“
Nach ihrem ersten Umfrage-Triumph konnte Martina Sáblíková die
Siegestrophäe bei der Sportlergala nicht eigenhändig im Empfang nehmen,
da sie zur gleichen Zeit bei einem wichtigen Wettkampf im Ausland weilte.
Auch im vorigen Jahr, als sie Zweite wurde, war das der Fall. Deshalb haben
viele ihrer Bewunderer die kleine drahtige Eisschnellläuferin erstmals
auch in einem schicken Abendkleid erleben können. „Alle werfen mir
ständig vor, dass ich in meinem Sportanzug aussehe wie ein Junge, also
wollte ich endlich zeigen, dass ich mich auch fraulich kleiden kann“,
entgegnete Sáblíková den Nörglern mit einem Lächeln im Gesicht. Doch
die zierliche, nur 53 kg schwere Athletin hat in der Tat gut lachen. Auch
in dieser noch jungen Saison hat sie wieder sehr gute Ergebnisse
vorzuweisen.
Martina Sáblíková mit Trainer Petr Novák
Im Weltcup führt sie derzeit die Konkurrenz auf der
Langstrecke an. Und auf den langen Kanten, den Wettbewerben über 3000 und
5000 Meter, rechnet sich Martina Sáblíková auch sehr gute
Medaillenchancen für den Höhepunkt der Saison, die Olympischen
Winterspiele in Vancouver aus. Ihr ehrgeiziger Trainer Petr Novák ist
sogar überzeugt davon, dass sein Schützling in Kanada seinen schon drei
Jahre anhaltenden Siegeszug fortsetzen kann:
„Wir wollen für die Tschechische Republik zumindest eine Medaille holen. Ich wäre natürlich froh, wenn es eine goldene wäre, und wenn möglich noch eine andere dazu. Aber auch mit einer bronzenen wäre ich zufrieden, denn wenn wir ohne Medaille heimkehren würden, dann wäre das eine Riesenenttäuschung.“
Von großen internationalen Erfolgen ist der tschechische Sport
gegenwärtig allerdings so weit entfernt wie die Hauptstadt Prag vom
Olympiaort Vancouver. Besonders in den Teamsportarten sind tschechische
Spitzenleistungen nur noch dünn gesät, denn im harten Konkurrenzkampf der
großen Sportnationen fehlt dem hiesigen Profisport eines immer mehr: das
Geld.
Ivan HašekDaher haben sich erst kürzlich Spitzenfunktionäre der
Sportverbände zusammengetan, um mit Politikern über die Förderung des
Sports zu verhandeln. Die Sportfunktionäre, die vom Chef des
Fußballverbandes, Ivan Hašek angeführt werden, wollen mehr Geld vom
Staat sowie eine Änderung des Lotteriegesetzes erreichen. Letzteres
deshalb, weil die Lotteriegesellschaft Sazka, aus deren Einnahmen der Sport
bisher hauptsächlich finanziert wird, die Förderung willkürlich gesenkt
hat. So hat Sazka den Sportverbänden in diesem Jahr statt der erwarteten
420 Millionen Kronen (ca. 16 Millionen Euro) nur 175 Millionen Kronen (ca.
6,8 Millionen Euro) gezahlt. Hintergrund für die Kürzung der Zuschüsse
sind die Probleme, die Sazka mit der Refinanzierung der von ihr errichteten
Prager O2-Arena hat. Dafür aber wollen die Sportverbände zu Recht nicht
büßen, weshalb Ivo Kaderka, der Chef des Tschechischen Tennisverbandes,
fordert:
„Ich unterstütze schon lange Zeit den Gedanken zur Gründung eines Regierungsausschusses für Sport, der der Regierung direkt unterstellt ist. Durch die Tätigkeit des Ausschusses sollte völlig eindeutig und transparent vermittelt werden, an wen und auf welche Weise Geld in den Sport gepumpt wird. Über dieses Thema haben wir mit Politikern schon mehrmals gesprochen, doch leider hat sich in dieser Sache noch nichts getan.“
Dabei lägen doch die Vorteile einer vernünftigen Sportförderung klar
auf der Hand, meint zu demselben Thema Fußballverbandschef Ivan Hašek:
„Es ist doch klar, dass all das Geld, das in den Sport und vor allem in die Stärkung der Physis von jungen Leuten gesteckt wird, sich auch für unseren Staat bezahlt macht. Wir werden eine gesündere Population haben und die Bevölkerung wird natürlich auch leistungsfähiger sein.“
Wir haben es bereits erwähnt: In den arbeits- und finanzintensiven Mannschaftssportarten geht der tschechische Sport immer schwereren Zeiten entgegen. Im landesweit beliebten Eishockey haben tschechische Cracks seit fast vier Jahren keinen internationalen Erfolg gehabt, im Weltsport Fußball werden die hiesigen Kicker im Leistungsvergleich ebenfalls seit drei, vier Jahren immer mehr nach unten durchgereicht. Die höchste Fußballklasse des Landes, die Gambrinus-Liga, bietet nur noch schmale Kost, und wenn es dennoch einen Spieler gibt, der sich in ihr besonders hervortut, dann wandert auch er recht bald ins Ausland ab. Das jüngste Beispiel für den Ausverkauf der Liga ist der groß gewachsene Innenverteidiger Roman Hubník, der zuletzt, wenn auch auf Leihbasis, für Sparta Prag spielte. Und zwar so gut, dass mehrere Clubs in halb Europa auf ihn aufmerksam wurden und ihm ein Angebot machten. Das offensichtlich beste kam von Hertha BSC Berlin, so dass Hubník schon mit Beginn der Rückrunde für den deutschen Bundesligisten auflaufen wird. Der 25-jährige tschechische Nationalspieler freut sich bereits auf seinen neuen Verein:
Roman Hubník (Foto: www.sparta.cz)
„Es war immer mein Traum, einmal in der Bundesliga zu spielen. Ich
möchte ganz einfach die Atmosphäre der Liga und die voll besetzten
Stadien mit eigener Haut erleben. Ich glaube auch daran, dass Berlin im
Oberhaus bleibt und wir mit Hertha die Klasse halten werden.“
Eine sehr selbstbewusste und optimistische Haltung, die Hubník da an den Tag legt. Doch warum nicht, denn es hat sich ja schon oft gezeigt: im Sport ist (nahezu) alles möglich! Das glauben im Motorrennsport wohl nun auch Michael Schumacher und sein neuer Rennstall Mercedes. Gemeinsam wollen der Ex-Weltmeister und die deutsche Nobelmarke im nächsten Jahr wieder nach den Sternen, sprich: nach dem WM-Titel greifen. Das überraschende Comeback des siebenfachen Champions wird jedoch nicht überall mit Euphorie gesehen. In Tschechien sind Motorsportexperten eher skeptisch, wie der Chefredakteur der Zeitschrift „Formule“, Petr Dufek:
Illustrationsfoto
„Vor einem halben Jahr hat er noch gesagt, dass er physisch nicht fit
genug sei, um in der Formel 1 bestehen zu können. Deshalb ist es schon
eigenartig, wenn er jetzt behauptet, dass er sich dazu berufen fühle. Wenn
wir in die Formel-1-Geschichte schauen, dann ist es nur einem Champion
fürwahr gelungen, sich auf hohem Niveau wieder zurückzumelden: dem
Österreicher Niki Lauda. Im Falle von Michael Schumacher rechne ich jedoch
nicht damit, dass er noch einmal in den WM-Titelkampf wird eingreifen
können.“
Ganz egal, wie das Schumacher-Comeback auch ausgeht, für Spannung und genügend Gesprächsstoff ist schon jetzt gesorgt. In diesem Sinne: Freuen auch Sie sich auf das bevorstehende Sportjahr 2010, das mit den Olympischen Winterspielen in Vancouver und der Fußball-WM in Südafrika gleich zwei ganz dicke Höhepunkte bereithält.





