Spezial Tschechisches Osterfest – eine Symbiose heidnischer, volkstümlicher und christlicher Traditionen
Brauchen wir noch Ostern? Diese provokante, allerdings eher rhetorische Frage, die hierzulande gerne in den Medien gestellt wird, kann kaum mehr provozieren. Sie hat aber einen realen Hintergrund: die schwindende Religiosität der Tschechen. In der Praxis bereitet aber dieser Trend kein Kopfzerbrechen, denn man hat sich inzwischen arrangiert. Das trifft auf alle zu: auf die religiösen ebenso wie die konfessionslosen Menschen, aber auch auf diejenigen, die Osterbräuche als alten Ballast sehen. Im Großen und Ganzen können sich alle auf das Osterfest freuen, das sich im Lauf der Zeit hierzulande zu einem weltlich-religiösen Phänomen entwickelt hat. Jeder findet etwas im breiten Angebot.
Osterhasen in jeder Größe, bunt bemalte Ostereier, Biskuitlämmer mit
oder ohne Zucker- beziehungsweise Schokoladenguss, bunt geschmückte
Osterruten - das und noch vieles mehr gehört hierzulande traditionell in
den Familien zum Fest. Nicht immer wird dabei selbst gebastelt, häufig
wird auch einfach nur gekauft. In Familien mit Kindern haben
volkstümliche
Traditionen meist einen höheren Stellenwert als der ursprüngliche
christliche Hintergrund. Das kunterbunte Allerlei des Feierns besteht aus
praktizierten Bräuchen und der Verwendung von Symbolen, die mehr als bei
anderen Festen auf den heidnischen oder volkstümlichen oder christlichen
Ursprung hinweisen. An dieser Stelle sei aber noch eine landesspezifische
Abweichung genannt: Während in den meisten christlich geprägten Ländern
der Karfreitag oder - bei den Protestanten - der Ostersonntag als das
höchste Fest im Kirchenjahr gilt, wird von den meisten Tschechen vielmehr
der Ostermontag als der Höhepunkt des Festes empfunden. Dieser Tag ist
nicht mit bedeutenden liturgischen Ritualen und speziellen christlichen
Festlichkeiten verbunden, es wird seit jeher fröhlich gefeiert.
Man trägt symbolisch den ´Tod´ aus dem Dorf hinaus (Foto: Folkloreverein Ostravica)
Doch bevor es so weit ist, kommen zunächst vielerorts, vor allem in
ländlichen Regionen, Volksbräuche zur Geltung. Ihre Wurzeln liegen oft
in
der vorchristlichen Zeit. Die Ethnologin Jiřina Langhammerová vom Prager
Nationalmuseum weiß viel Interessantes darüber zu erzählen:
„Es gibt nach wie vor einen magischen Brauch verbunden mit dem so genannten Todes-Sonntag zwei Wochen vor Ostern. An diesem Tag trägt man symbolisch den ´Tod´ aus dem Dorf hinaus und den neuen Sommer wiederum ins Dorf hinein. Die Smrt, Smrtka, Smrtholka, Mařena oder auch anders genannt - auf Deutsch etwa die Gevatterin Tod - ist eine Puppe, die aus symbolträchtigem Material gefertigt wird. Ihr Körper besteht aus gedroschenen Strohbündeln und ist in Lumpen gekleidet, dem wiederum leere weiße Eier oder leere Schneckengehäuse angehängt werden. Das alles sollte den Untergang und Tod darstellen. Die Strohpuppe wird von jungen Mädchen - meistens bei Gesang - aus dem Dorf hinausgetragen und anschließend entweder in einen Bach oder Fluss geworfen oder verbrannt. Auf dem Rückweg trägt die Gruppe ein junges Bäumchen als Symbol des neuen Lebens ins Dorf, geschmückt mit bunten, vor allem roten Bändern, die an die Farbe des Blutes erinnern sollen.“
Jiřina Langhammerová
Die Volkskundler sind davon überzeugt, dass derartige Feierlichkeiten
bereits in der vorchristlichen Zeit existierten. Sie hingen eng mit dem
Ende der Winterzeit und dem Beginn eines neuen Vegetationszyklus im
Frühling zusammen und bezogen sich auf die heidnischen Götter. Bereits
in
der „Chronica Slavorum“ (Slawenchronik) aus der Mitte des 12.
Jahrhunderts zum Beispiel schreibt der Verfasser Helmold von Bosau einem
der Götter die Kraft zu, Blätter grün machen und eine fruchtbare Ernte
herbeiführen zu können. Helmold befasste sich mit den alten Westslawen,
die vom 7. Jahrhundert an große Teile des heutigen Nord- und
Ostdeutschlands bewohnten. Ihr Leben war von nichtchristlichen
Kulthandlungen geprägt. Die ursprünglich mit der Frühjahrsfeier
verbundenen kultischen Handlungen fanden irgendwann später mit kleinen
Abweichungen und hohem Symbolgehalt auch in den neu von den Slawen
besiedelten Gebieten ihre Fortsetzung. Sie wurden in verschiedenen
Regionen
Tschechiens anhand archäologischer Funde nachgewiesen. Auf ihren
vorchristlichen Ursprung weist die heutige Eierverwendung in der
Osterwoche
hin. Dazu Naďa Profantová vom Archäologischen Institut der Prager
Akademie der Wissenschaften und Koautorin der „Enzyklopädie slawischer
Götter und Mythen“.
Auferstehung Christi
„Schon damals symbolisierten Eier die neue Lebenskraft, sogar auch
im
´Leben´ nach dem Tod. Sie gehörten zu den Grabgaben seit der Zeit der
Erdbestattungen, als also die Leichname nicht mehr verbrannt wurden. Auf
dem Gebiet Tschechiens geschah dies ungefähr seit dem 9. Jahrhundert, in
den benachbarten Karpatengebieten hingegen schon im 8. Jahrhundert. In
vereinzelten Fällen wurden die Eier auch damals schon bemalt. Später hat
sich der Brauch des Eiermalens verbreitet. In dieser Form wurden die Eier
auch im Zusammenhang mit der Auferstehung Christi in der Osterzeit
weiterhin als Symbol einer neuen Lebenskraft wahrgenommen.“
Kinder mit ihren klappernden Holzinstrumenten
Dass viele der uralten Rituale bis heute in dem einen oder anderen
Volksbrauch weiterleben, ist bestimmt nicht nur auf ihre magische
Ausstrahlung oder den weiter bestehenden Aberglauben zurückzuführen. In
mehr als 1000 Jahren haben die vielen Osterbräuche auch einen
christlichen
„Anstrich“ bekommen. Bei einigen muss man aber nicht lange nach der
heidnischen Symbolik suchen. Zum Beispiel das Klappern und Rattern mit den
Ratschen. Dies geht auf den Aberglauben zurück, dem nach böse Dämonen
mit Lärm und Krawall vertrieben werden können. Sie übernehmen die
Funktion der Glocken, die laut dem Volksmund nach Rom fliegen. Und so
ziehen dieser Tradition nach vor allem in katholisch geprägten Regionen
die Jungs und jungen Männer zwischen 3 und 16 Jahren vom Abend des
Gründonnerstags bis zum Karsamstag mit ihren klappernden Holzinstrumenten
durch ihr Dorf. Jiřina Langhammerová:
Klapper
„Es handelt sich oft um kräftig lärmendes Gerät. Dieser Brauch
wird
bis heute auch in einigen Dörfern in der Umgebung von Prag gepflegt. An
so
einem Umzug teilzunehmen, ist ein tolles Erlebnis. Es ist vielleicht auch
etwas schaurig. Wenn so eine Horde von Jungs mit der ´hölzernen´ Musik
durch das Dorf zieht, hört sich das an, als würde eine Lawine von
Steinen
bergab rollen. Das schafft eine seltsame Atmosphäre.“
Es gibt aber Osterbräuche, die nicht überall in Böhmen, Mähren und
Schlesien zu finden sind. Einige haben sogar nur lokale Verbreitung. Zum
Beispiel das Jagen und Verbrennen des Judas, das am Karsamstag zum
Abschluss des Ratschenumzugs in mehreren Dörfern der Gegend um das
ostböhmische Vysoké Mýto gepflegt wird.
Judas und seine Clique
„Obwohl es sich um den Judas handelt, wird er laut Tradition von
einem
Jungen gespielt, der in der Gruppe Respekt genießt. Er ist bekleidet mit
einem originellen kunterbunt geschmückten Strohkostüm. Seine Clique, die
er anführt, überschüttet ihn zwar mit Beschimpfungen, gleichzeitig aber
erbittet sie auch Geld für ihn in den Häusern, die sie aufsucht. Das
Geld
wird anschließend an alle Umzugsteilnehmer verteilt. Dieser Judas
verkörpert das Negative des auslaufenden Winters, und auch wenn er Judas
heißt, ist der mit dieser Gestalt verbundene Osterbrauch tief in der
vorchristlichen Zeit verwurzelt. Zum Schluss schlüpft der Darsteller
irgendwo am Rande des Dorfes aus seiner ´Judashaut´, die verbrannt wird.
Auch damit wird das alte Jahr beziehungsweise der auslaufende Winter
symbolisch verbrannt. Virtuell verbrannt wird auch der Judas und damit das
Böse, das jeder von uns in sich trägt.“
Pomlázka - die Jagd nach Frauen und Mädchen
Nach den Volksbräuchen an den Tagen und Wochen vor dem tschechischen
Osterfest kommt der Höhepunkt – der Ostermontag. An diesem Tag machen
sich Männer und Jungs oft am frühen Morgen schon, und mit aus
Weidengerten geflochtenen Osterruten bewaffnet, auf die Jagd nach Frauen
und Mädchen. Die Rede ist von der „pomlázka“:
„Der Name ´pomlázka` wurde vom Verb ´pomladit´, auf Deutsch ´verjüngen´ abgeleitet. Man glaubte, dass die jungen Weidengerten ihre Kraft aus der Erde zögen und durch die Berührung des Körpers beim Schlagen diese sozusagen weiterleiten würden. Meiner Meinung nach geht es nicht ums Prügeln im eigentlichen Sinn des Wortes. Man darf es natürlich nicht übertreiben. Es ist einfach ein Gruß des Frühlings, und unsere Vorfahren haben es ebenso empfunden. Für uns Frauen ist dieses Ritual mit dem Gefühl einer bestimmten Ehrung verbunden. Schlägt uns am Ostermontag niemand mit der Osterrute, fühlen wir uns ein bisschen wie ´um etwas bestohlen´. Hier geht es um eine uralte Berührungsmagie.“
Pomlázka (Foto: ČT24)
Neben dem - um es etwas euphemistisch zu sagen – Osterrutenberühren
werden die Frauen und Mädchen mit Wasser übergossen. Auf manchem
Dorfplatz kübelweise. Für diese Handlungen, bei denen neues Leben,
Glück, Gesundheit, Fruchtbarkeit und aus der Osterrute angeblich auch
noch
vieles mehr in die weiblichen Körper fließen soll, werden die Männer
belohnt. Und zwar mit bunt bemalten oder auf verschiedenste Art
geschmückten Eiern, heutzutage zunehmend auch mit Schokoladeneiern. Die
älteren Männer nehmen auch gerne ein Schnäpschen an.
Osterbrot
Seit jeher gehört auch spezielles Gebäck zu dem Fest. Eine besondere
Tradition haben die Osterbrote, die aber nicht wie andere Speisen nur für
den Ostermontag gebacken wurden. Jiřina Langhammerová:
„Es ist eine uralte slawische Sache. Bei mehreren slawischen Völkern, insbesondere bei den orthodoxen Völkern Osteuropas - den Russen und Bulgaren -, handelt es sich um große, im Prinzip künstlerisch gestaltete Produkte aus Hefeteig, die mit rot bemalten Ostereiern im Inneren gebacken werden. Die Oberfläche der so genannten Osterbrote wird wunderbar mit aus dem Teig geformten Vögeln und Sonnen geschmückt. Bei uns in Tschechien backen wir eher einfache Osterkuchen und vor allem Biskuitlämmer.“
Osterlamm (Foto: CzechTourism)
Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden letztere gerne in den
Fenstern auf der Straßenseite ausgestellt, um auch die Passanten den
Anblick auf das Osterlamm genießen zu lassen. Aus den Fenstern der
privaten Wohnungen ist dies inzwischen verschwunden, dafür aber sieht man
sie heute auf Schritt und Tritt in den Schaufenstern der
Lebensmittelgeschäfte. In vielen tschechischen Haushalten wird aber immer
noch eine traditionelle Osterspeise zubereitet. Jiřina Langhammerová hat
ein Rezept parat:
„Am Ende des Winters gab es nicht mehr so viel zum Essen, und bis
zur
nächsten Ernte dauerte es noch lange. Man musste also mit den
Lebensmitteln haushalten. Die Osterspeisekarte zeichnete sich daher nicht
wie etwa heute durch Hülle und Fülle aus. Auch die Rezepte für die
alten
Osterspeisen waren in der Regel keine kulinarischen Höhepunkte. Einiges
ist aber doch interessant. Zum Beispiel die so genannte ´hlavnička´.
Diese Speise galt seinerzeit an Ostern als ´hlavní jídlo´, zu Deutsch
Hauptgericht. Eine wirklich schmackhafte Speise. Es ist im Prinzip ein
Auflauf, der aus drei Fleischsorten zubereitet wird, vor allem aus
geräuchertem und gekochtem Schweinefleisch. Hinzu kommt eine Menge
gehackter Brennnesseln, denn gerade grüne Kräuter gehören seit jeher
zur
Ostertradition, weiter eine in der Milch eingeweichte Semmel und ein paar
Eier. Durch Rühren entsteht eine Art Brei, den man im Backofen braten
lässt. Die ´hlavnička´ wurde warm oder kalt gegessen, oft nach der
Rückkehr der Familie aus der Kirche, wo die Messe zur Auferstehung
Christi
gelesen wurde.“
In kommunistischen Zeiten kam es in der tschechischen, damals noch
tschechoslowakischen Geschichte, zu einer fatalen Wende. Die
Veränderungen
betrafen auch die Osterbräuche. Jiřina Langhammerová erinnert sich an
die Zeit vor 40 oder 50 Jahren:
„Damals wurden einige Osterbräuche strikt verboten. Damit hat das kommunistische Regime das Volksbrauchtum stark beeinflusst. Insbesondere die im Christentum fußenden Bräuche und Riten wurden hart verdrängt, besonders die zu Ostern. Zum Beispiel die Umzüge mit geweihten Weidenkätzchen, die Karfreitags-, Kreuzweg- oder Auferstehungsprozessionen waren nicht mehr erlaubt. Aber nicht nur kirchliche Rituale, aus denen die Menschen Lebenskraft schöpften, waren dem Regime ein Dorn im Auge. Es waren auch die Musik, Lieder oder neue Kleider, die für eine feierliche Atmosphäre an den Ostertagen sorgten. Heutzutage versucht man zwar, vieles davon wiederzubeleben. Mancherorts ist es aber nicht mehr möglich, denn in den langen 40 Jahren des Kommunismus ist vieles verloren gegangen. Vielerorts ist aber doch gelungen, die Volksbräuche zu wiederbeleben.“
Passionsspiele in Hořice im Böhmerwald (Foto: Archiv von Hořicer Passionsspielen)
Zum Beispiel die Passionsspiele in Hořice im Böhmerwald, die auf eine
lange Tradition zurückblicken konnten. Auch sie passten der damaligen
Staatspartei nicht ins Konzept. Doch der Flurschaden ist größtenteils
immer noch zu spüren: Auch heutzutage steht hierzulande – wie von den
Kommunisten propagiert - die Bedeutung von Ostern als Frühjahrsfest
häufig über dem religiösen Gehalt.





