Spezial „Pfeiler der allgemeinen Zwangsarbeit„ - KZ-Außenlager auf dem Gebiet der Tschechischen Republik
Auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik kamen während der deutschen Besatzung viele Zwangsarbeiter zum Einsatz. Einen Teil der Arbeitskräfte, vor allem für die kriegswichtige Industrie, haben die deutschen Konzentrationslager zur Verfügung gestellt. Dazu richteten sie so genannte Außenlager ein. Im April ist dazu nun eine neue Studie erschienen, sie heißt „Die Arbeiterfrage soll mit Hilfe von KZ-Häftlingen gelöst werden“. Autor der Arbeit ist der Historiker Alfons Adam, den Radio Prag für ein Interview vor das Mikrofon gebeten hat.
Foto: Verlag Metropol
Herr Adam, Sie sind der Autor einer Studie über Zwangsarbeit in
KZ-Außenlagern auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik.
Vielleicht fangen wir mit der Begrifflichkeit an: Was ist ein
KZ-Außenlager und wer betreibt es?
„Wie der Name schon sagt, ist ein KZ-Außenlager einem KZ-Stammlager unterstellt. Betreiber der Stamm- sowie Außenlager war die SS. Das ist auch der einzige große organisatorische Unterscheidungspunkt zu den vielen anderen Lagerformen, wie zum Beispiel den Arbeitserziehungslagern, den Zwangsarbeiterlagern und den Kriegsgefangenenlagern.“
Von wie vielen Lagern sprechen wir auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, wie groß waren sie und wann wurden sie eingerichtet?
Wachturm am Häftlingslager in Leitmeritz (Foto: Archiv der Gedenkstätte Theresienstadt)
„Insgesamt konnte ich auf diesem Gebiet 38 KZ-Außenlager feststellen,
die in ihrer Größe völlig unterschiedlich waren. Die kleinsten Lager,
die meistens für den Unterhalt und Betrieb einer SS-Dienststelle
eingerichtet wurden, hatten teilweise nur zehn bis 20 Häftlinge. Das
größte KZ-Außenlager in Litoměřice / Leitmeritz durchliefen insgesamt
18000 Personen. Zeitweise waren etwa 6000 bis 7000 Häftlinge vor Ort und
es starben dort über 4500 Menschen.“
Welche Arbeit wurde in diesen Lagern verrichtet und wer hat sie gemacht?
Lina Heydrich (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Die Aufgabenstellung war völlig unterschiedlich, da es verschiedene
Gruppen von Lagern gab. Einmal gab es da die große Gruppe der Baulager:
sie wurden oft für Bauarbeiten seitens der SS-Dienstellen eingesetzt, wie
zum Beispiel für die SS-Kaserne in Ostrov / Schlackenwerth in Westböhmen
oder auch für den Privathaushalt von Lina Heydrich nördlich von Prag. In
einer anderen größeren Lagergruppe waren die Häftlinge für die
Rüstungsindustrie tätig, in der sie unter anderem für die Montage von
Elektrospulen verantwortlich waren. Im bereits erwähnten Leitmeritz gab
es
außerdem zwei Lager, die für unterirdische Verlagerungen von
Produktionen
errichtet wurden. Dort wurden Fabriken in den Fels geschlagen, die danach
auch teilweise in Betrieb gingen.“
Häftling im KZ-Außenlager in Leitmeritz (Foto: Archiv der Gedenkstätte Theresienstadt)
Wie waren die Bedingungen für die Häftlinge?
„Je nach Lagertyp waren die Bedingungen sehr unterschiedlich. Während in Leitmeritz rund ein Viertel aller Häftlinge im Zeitraum von etwa einem Jahr starben, gab es in einer Vielzahl von anderen Lagern, speziell in den Frauenaußenlagern, wenn überhaupt, dann nur eine geringe Sterberate.“
Waren in den Außenlagern nur Juden oder gab es auch politische Häftlinge?
„Etwa 1942 fing die Expansion der KZ-Außenlager in Mitteleuropa an. In den Anfangszeiten arbeiteten in den Lagern meist politische Häftlinge, egal welcher Nationalität: Deutsche, Franzosen, Holländer, Polen oder Tschechen. Mit dem Rüstungsausbau und der damit verbundenen Verlagerung in den tschechischen Raum wurden dann vermehrt Juden eingesetzt. Dabei handelte es sich vor allem um eine große Gruppe von ungarischen Jüdinnen, die im Sommer 1944 erst nach Auschwitz deportiert und nach einem kurzen Aufenthalt weitergeschickt wurden in die KZ-Außenlager auf dem Gebiet der Tschechischen Republik.“
KZ-Lager und KZ-Außenlager (Quelle: Anne Frank Stiftung)
Geografisch unterscheiden Sie nicht zwischen dem 1938 an das Deutsche
Reich angegliederten Reichsgau Sudetenland und dem 1939 errichteten
Protektorat Böhmen und Mähren. Gab es zwischen beiden Gebieten
Unterschiede bei der Errichtung von Außenlagern?
„Die Mehrheit der Lager lag im Sudetengau, da Karl Hermann Frank keine Ausländer auf dem Gebiet des Protektorats wollte. Er befürchtete Sabotageaktionen und Unterstützung durch die tschechische Zivilbevölkerung. Aus diesem Grund gab es auf Protektoratsgebiet nur vier KZ-Außenlager, die auf Druck der SS gegen das allgemeine Verbot von Frank durchgesetzt wurden.“
KZ-Häftlinge (Foto: Archiv von United States Holocaust Memorial Museum)
Welchen Stellenwert hatte das Außenlager-System für die deutsche
(Kriegs)-Wirtschaft?
„Für die SS war es wichtig, sich einen eigenen Wirtschaftsapparat aufzubauen. Ab 1943 zählten KZ-Häftlinge zur letzten zur Verfügung stehenden Gruppe von Zwangsarbeitern. Deshalb gab es auch erst in der sehr späten Kriegsphase den Aufbau des KZ-Außenlagersystems.“
Was bedeutet „in der späten Phase“? Gab es verschiedene Phasen, in denen unterschiedlich viele Außenlager errichtet wurden?
Foto: Archiv von United States Holocaust Memorial Museum
„Die Mehrheit der untersuchten Lager wurde erst ab Frühjahr 1944
eingerichtet. In dem Zeitraum zuvor gab es dagegen nur eine verschwindend
geringe Anzahl. Der große Aufbau des Lagersystems geschah erst im letzten
Kriegsjahr.“
Lässt sich ungefähr abschätzen, wie viele Menschen in den Lagersystemen tätig waren und wie viele der Insassen umgekommen sind?
„Genaue Zahlen liegen nicht vor, aber man kann für einzelne Lager eine Todesrate nachweisen. Anhand der Transporte kann man auch bestimmen, wie viele Menschen in die Lager gekommen sind und danach weiter deportiert wurden. Insgesamt gehe ich davon aus, dass in den 38 Lagern zur gesamten Zeit des Lagersystems mindestens 50.000 Häftlinge tätig waren und etwa 6.000 bis 7.000 dort verstorben sind. Dazu kommt jedoch noch eine Gruppe von Häftlingen, die niemals registriert wurden - gerade in den letzten Kriegswochen, als die Verwaltung zusammengebrochen war. Nach Kriegende 1946 gab es vor allem im ehemaligen Sudetengau eine Aktion, bei der Opfer von Todesmärschen exhumiert wurden. Anhand dieser Exhumierung wurden über 6.000 Leichen gefunden, bei denen es sich größtenteils um KZ-Häftlinge handelte. Wir wissen aber nicht, ob diese jemals in einem KZ-Außenlager in Tschechien waren.
Foto: Richard Ehrlich, Archiv von United States Holocaust Memorial Museum
Welche Quellen haben Sie genutzt für ihre Arbeit? Sind die
Unterlagen
vorhanden, oder war es schwer, Nachweise für die Außenlager zu
finden?
Die Recherche der Unterlagen war überraschend einfach, da ein großer Teil der KZ-Außenlager bei Betrieben eingerichtet waren, die 1945 verstaatlicht wurden. Die Firmenarchive deutscher Unternehmen, die schon vor 1938 im Grenzgebiet existierten, wurden im Rahmen der Verstaatlichung in das Archivsystem der Tschechischen Republik aufgenommen. Diese Firmenarchive sind in einem relativ umfangsreichen Zustand vorhanden. Hinzu kommen natürlich Zeitzeugenberichte, die zum Beispiel in der Gedenkstätte Theresienstadt gesammelt sind und die Unterlagen der SS im Bundesarchiv in Berlin. Da dieser ganze Apparat vor allem mit der Wirtschaftsrüstung verbunden war, gibt es auch große Bestände im Bundesarchiv in Freiburg, also im dortigen militärgeschichtlichen Archiv. Allgemein lässt sich daher sagen, dass die Suche überraschend einfach war.“
Wenn die Materialien eigentlich schon so lange vorhanden sind, warum ist die Arbeit dann erst jetzt gemacht worden?
„Natürlich konnte ich auf Arbeiten zurückgreifen, die vor allem von Lokalhistorikern in Tschechien verfasst wurden. Das sind allerdings alles nur lokalhistorische Arbeiten, die auch teilweise nicht unbedingt einen wissenschaftlichen Anspruch erfüllen.“
Warum war eine solche Studie nötig? Oder anders gefragt: welcher These sind sie nachgegangen?
Foto: Archiv der KZ Gedenkstätte Dachau
„Ich bin der These nachgegangen, dass die KZ-Außenlager und
KZ-Zwangsarbeit ein weiterer Pfeiler der allgemeinen Zwangsarbeit war. Das
Thema KZ-Außenlager war in der Tschechoslowakei und ist bis heute in
Tschechien eher ein Randthema, dem sich die hiesige Wissenschaft bisher
kaum gewidmet hat. Ich wollte die lokalhistorischen Arbeiten
zusammenfassen
und natürlich ergänzen und überprüfen. Diese Arbeiten sind teilweise
in
Publikationen erschienen, die dem normalen Interessenten nur schwer
zugänglich sind. Die aktuellsten Arbeiten stammen aus den 1960er und
1970er Jahren und danach gibt es lange nichts mehr. Dann kam die
Diskussion
in den späten 1990er Jahren um die Entschädigung der Zwangsarbeiter auf.
Davon waren auch viele Tschechen betroffen. Daraufhin folgte zwar eine
neue
Welle von Forschungen zur Zwangsarbeit von tschechischen Bürgern im
Reich,
wobei bei diesen Arbeiten der Sudetengau und das Protektoratsgebiet
weitgehend ausgeblendet wurden. Diese Forschungslücke wollte ich mit
meiner Arbeit schließen. Man weiß nun zum einen, dass das Gebiet der
heutigen Tschechischen Republik keine Insel der Heiligen war und dass in
großem Maße jegliche Form von Zwangsarbeit stattgefunden hat. Das Gebiet
der Tschechischen Republik und vor allem die Rüstungswirtschaft waren in
einem bedeutend stärkeren Umfang eingebunden als erwartet. In der zweiten
Kriegshälfte war das Gebiet hier eine wahre Waffenschmiede und die
notwendigen Arbeiter waren zu einem großen Teil Zwangsarbeiter und
letztendlich auch KZ-Häftlinge.“
Die Studie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stiftung Erinnerung – Verantwortung – Zukunft (EVZ) und dem Prager Institut „Theresienstädter Initiative“. Erhältlich ist sie auf deutsch beim Verlag „Metropol“, die tschechische Übersetzung ist in Arbeit.






