Spezial Die Tschechoslowakische Hussitische Kirche
Der 6. Juli ist Hus-Feiertag in der Tschechischen Republik. Auf den im Mittelalter als Ketzer verbrannten Kirchenreformer beruft sich die Tschechoslowakische Hussitische Kirche, die 1920 ins Leben gerufen wurde.
Karel Farský
Die Tschechoslowakische Hussitische Kirche wurde am 8. Januar 1920
offiziell gegründet. Gemäß der letzten Volkszählung von 2001 hat die
Kirche knapp 100 000 Mitglieder, was etwa einem Prozent der Bevölkerung
entspricht. Unter den in Tschechien wirkenden Kirchen nimmt die Hussitische
Kirche damit den dritten Platz ein – hinter der römisch-katholischen und
der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder.
Die Hussitische Kirche bezeichnet als Quelle ihrer Lehre wörtlich die Rückkehr zum wahren Kern des Christentums und zur Ur-Kirche. Sie sieht sich in der Tradition des 1415 in Konstanz verbrannten tschechischen Kirchenreformators Jan Hus. Gleichzeitig waren an ihrer Entstehung radikale Vertreter der katholischen Moderne beteiligt, angeführt von Karel Farský – ihrem späteren ersten gewählten Oberhaupt.
Jan Blahoslav Lášek (Foto: Jana Šustová)
Was waren damals vor neunzig Jahren die Motive für die Entstehung der
Hussiten-Kirche? Etwas vereinfacht ausgedrückt war deren Gründung ein
Konflikt mit der katholischen Kirche vorausgegangen, die in einer
Abspaltung gipfelte. Darüber unterhielten wir uns mit dem Historiker und
Dekan der Hussitischen Fakultät der Prager Karlsuniversität, Professor
Jan Blahoslav Lášek:
"Ich muss sagen, dass es damals nicht nur um die Abspaltung ging. Die Frage war die Reformierung der allgemeinen Kirche. Solche Bestrebungen finden wir während des gesamten 19. Jahrhunderts in Böhmen, und zwar sowohl auf der tschechischen, wie auch auf der deutschen Seite. Bei den Deutschen aus Böhmen haben diese Bemühungen nach dem ersten Vatikanischen Konzil in der Gründung der Altkatholischen Kirche gegipfelt. Auf der tschechischen Seite war das etwas anders, obwohl die Reformbestrebungen, wie die Einführung der Muttersprache in der Liturgie, die Forderung nach der Demokratisierung der Kirche, die Verfreiwilligung des Zölibats, die finden wir während des ganzen 19. Jahrhunderts."
Karel Kardinal Kašpar
Eine wichtige Rolle bei der späteren Gründung der Hussitischen Kirche
spielte die tschechische Priestervereinigung "Jednota" - auf
Deutsch "Einheit". Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts von
Reform-Anhängern innerhalb der katholischen Amtskirche ins Leben gerufen
und hatte zeitweise bis zu 4 000 Mitglieder, die sich quer aus allen
hierarchischen Ebenen rekrutierten. So gehörten zu deren Mitgliedern zum
Beispiel auch der spätere katholische Prager Erzbischof, Karel Kardinal
Kašpar.
Nachdem allerdings Papst Pius X. 1907 seinen Erlass gegen den Modernismus in der Kirche veröffentlichte, wurde die „Jednota“ aufgelöst. Mit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik im Jahr 1918 wurde sie wieder erneuert. Ein Jahr später formulierte sie ein Programm mit dem Titel "Erneuerung der katholischen Kirche in der Tschechoslowakischen Republik". Die Autoren waren der Schriftsteller und katholische Geistliche Jindřich Šimon Baar und Pater Franz Teplý, der Archivar bei der Familie Czernin war. Im Sommer 1919 fuhr eine Delegation der reformorientierten tschechischen Geistlichen nach Rom und verlangte in einem Memorandum vom Heiligen Stuhl die Erfüllung ihrer Forderungen. Der Papst lehnte das Ansuchen ab, womit praktisch der Grundstein für die Entstehung der neuen Kirche im Januar 1920 gelegt wurde.
Nikolauskirche am Altstädter Ring in Prag dient der Hussitenkirchengemeinde
Auffällig ist, dass die Gründung der neuen Kirche fast zeitgleich mit
der Gründung der Tschechoslowakischen Republik einherging. War das reiner
Zufall? Gemäß einigen Quellen gab es Versuche aus der
Tschechoslowakischen Kirche einer Art Staatskirche zu entwickeln. Professor
Lášek widerspricht dem allerdings:
"Das entspricht nicht der Wahrheit. Im österreichischen Kaiserreich war es nicht möglich, eine neue Priestervereinigung zu gründen. Natürlich waren die Bedingungen in der neu geschaffenen Republik andere. Aber die neue Kirche war nicht mit dem Staat, dessen Außenpolitik verbunden. Diese ’Jednota’ war 1907 verboten worden, aber dann nach der Gründung des Staates wurde sie sofort erlaubt, obwohl klar war, dass es dieselbe modernistische Vereinigung war, wie die ursprüngliche ‚Jednota’. Aber der Vatikan hat eingesehen, dass man auf diesem Felde etwas unternehmen muss."
Hussitenkirche in Olomouc
Wurden aber nicht in den ersten Jahren des Bestehens der Kirche die Kinder
"Im Namen der Republik" getauft, worin sich die starke
Verbundenheit zwischen Kirche und der Republik zeigte?
"Das stimmt nicht. Alle Geistlichen der Hussitischen Kirche waren ja
ursprünglich katholische Priester und haben eine Trinitätstaufe
durchgeführt. Natürlich gab es Exzesse, so wie es auch in der
altkatholischen Bewegung der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts verschiedene
nationalistische Neigungen gab. Aber diese Exzesse wurden ja von der
Leitung der Kirche auch verfolgt. Im Namen der Republik zu taufen wäre ja
ein Unsinn."
Hl. Gorazd (Matěj Pavlík)
Die Position der Tschechoslowakischen Kirche im Vergleich zu anderen
Konfessionen wurde in den Anfangsjahren dadurch erschwert, dass kein
Bischof in die neue Kirche gewechselt ist. Somit fehlte ihr die so genannte
Apostolische Nachfolge, wonach bei den geweihten Bischöfen eine
Entwicklungslinie bis hin zu den ersten Aposteln zurückverfolgt werden
kann. Die Tschechoslowakische Kirche bemühte sich jedoch sie zu erlangen.
Ein Versuch diese von der Altkatholischen Kirche zu erhalten scheiterte an
der nationalen Frage: Bei vielen Anhängern der neuen Kirche gab es große
Sympathien gegenüber den slawischen orthodoxen Kirchen, zum Beispiel der
serbischen und daher wurden auch mit der serbisch-orthodoxen Kirche
entsprechende Verhandlungen geführt. Schließlich wurde der mährische
Priester Matěj Pavlík im Jahr 1921 im damaligen Jugoslawien zum Bischof
geweiht. Es war jedoch klar, dass die neue reformistische Bewegung nicht
die Orthodoxie annehmen kann. Pavlík, der als Bischof den Namen Gorazd
annahm, hat allerdings 1924 die Tschechoslowakische Kirche verlassen und
eine eigenen Kirche unter der Jurisdiktion der serbisch-orthodoxen Kirche
gegründet.
Wie entwickelte sich das Verhältnis der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche zur deutschen Reformation und den dortigen protestantischen Kirchen? Dazu sagt Professor Jan Blahoslav Lášek:
Jan Hus
"Ja, sehr gut. Die Tschechoslowakische Kirche hat schon in den
zwanziger Jahren zahlreiche Kontakte gepflegt. Schon in den zwanziger
Jahren studierte der spätere Patriarch Miroslav Novák in Marburg und auch
weitere Vertreter der hussitischen Kirche studierten an deutschen
Universitäten, in Marburg, Leipzig, Heidelberg und anderen. Es gab
natürlich auch Kontakte nach England oder Frankreich, aber zum deutschen
Luthertum gab es schon von Anfang an Beziehungen - ungefähr seit 1927- und
sie bestehen bis heute. "
Diese engen Beziehungen zum Ausland entsprachen auch einer weiteren wichtigen Aufgabe, welche sich die Tschechoslowakische Kirche ebenfalls als eines ihrer Ziele setzte, wie Professor Lášek hinzufügt:
"Sie sollte eine Brücke sein zwischen Reformkatholizismus und der Reformation."
Jan Hus auf dem Scheiterhaufen
Aber auch in die andere Richtung, sprich zur katholischen Kirche, hat sich
das Verhältnis stark verändert. Dafür ausschlaggebend das Zweite
Vatikanische Konzil, auf dem zahlreiche frühere Forderungen der
Modernisten und der späteren Tschechoslowakischen Kirche, wie die Feier
der Liturgie in der Muttersprache und eine Annäherung zwischen Priestern
und Gläubigen, offiziell angenommen wurden. Und auch in der für die
tschechischen Hussiten wichtigsten Frage, nämlich der Haltung des Heiligen
Stuhls zur Person des Kirchenreformators Jan Hus, ist Bewegung gekommen. So
fand 1999 in Rom ein großes Hus-Symposium statt, bei dem Vertreter der
Tschechoslowakischen Kirche anwesend waren und vom damaligen Papst Johannes
Paul II. empfangen wurden. Das Oberhaupt der katholischen Kirche hat aus
diesem Anlass wörtlich sein tiefes Bedauern über den grausamen Tod Hus´
geäußert. So etwas wäre in den Zwanziger- und Dreißigerjahren oder in
der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht denkbar gewesen. Sind also die
Hussiten heute aus der Sicht des Vatikans keine Ketzer mehr? Hören Sie
dazu abschließend noch einmal den Dekan der Hussitischen Fakultät der
Prager Karlsuniversität, Jan Blahoslav Lášek:
"Wir haben kein Gefühl, dass wir Ketzer sind. Man ist mit uns wie mit geteilten Brüdern verfahren, wie mit den Vertretern anderer Konfessionen."
Dieser Beitrag wurde am 12. Juni 2010 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.






