Spezial Der 28. Oktober: Warum er für die Tschechen der wichtigste Staatsfeiertag ist
Die offiziellen Feiern zum 28. Oktober laufen seit Jahren nach einem festen Schema ab. Am Morgen legt der Staatspräsident einen Kranz am Grab des ersten tschechoslowakischen Präsidenten, Tomáš Masaryk, nieder, dann folgt gegen Mittag die feierliche Angelobung der neuen Rekruten der Burgwache auf dem Prager Hradschin und schließlich werden dann am Abend die höchsten Orden der Tschechischen Republik an herausragende Persönlichkeiten vergeben. Doch wie wichtig ist dieser Feiertag überhaupt für die tschechische Gesellschaft?
28. Oktober 1918
Die Tschechische Republik gehört nicht zu jenen Staaten, die ihre Bürger
mit vielen Staatsfeiertagen verwöhnen. Genau genommen gibt es insgesamt
sechs davon: den 1. Januar als Tag der Gründung der Tschechischen
Republik
im Jahr 1993. Wegen des zeitgleichen Neujahrsbeginns wird er allerdings
nicht besonders als Staatsfeiertag wahrgenommen. Dann gibt es noch den 5.
Juli, den Tag der heiligen Kyrill und Method und den 6. Juli, zu Ehren des
Reformators Jan Hus.
Die anderen drei Staatsfeiertage folgen innerhalb einer kurzen Zeitspanne: Am 28. September ist der Tag des heiligen Wenzel, des böhmischen Landespatrons; der 28. Oktober erinnert an die Gründung der Tschechoslowakei im Jahr 1918 und der 17. November an den Jahrestag der so genannten Samtenen Revolution von 1989.
Michal Pehr (Foto: Archiv von Michal Pehr)
Wie stehen die Tschechen zu ihren Staatsfeiertagen? Unterscheiden sie
zwischen wichtigen und weniger wichtigen? Dazu der Historiker Michal Pehr
vom Masaryk-Institut der Akademie der Wissenschaften:
„Persönlich meine ich, dass der 28. Oktober in den Augen der tschechischen Gesellschaft eine relativ große Bedeutung hat. Von den drei staatlichen Feiertagen im Herbst ist der 28. Oktober wohl derjenige, bei dem eine positive Identifikation am stärksten herausgebildet ist. Das Paradoxe daran ist, dass dieser Tag sich auf ein Ereignis bezieht, nämlich die Gründung der Tschechoslowakischen Republik im Jahr 1918, dessen Gegenstand – die Tschechoslowakei - nicht mehr existiert. Warum das so ist, kann vielleicht mit den vergangenen Jahrzehnten erklärt werden, als die Kommunisten versuchten, dem 28. Oktober verschiedene Zusätze hinzuzufügen, um die ursprüngliche Bedeutung unkenntlich zu machen. So wurde zum Beispiel versucht, den 28. Oktobers in den Zusammenhang mit der Verstaatlichung der Schlüsselindustrie am 28. Oktober 1945 darzustellen. Später kam dann noch der Jahrestag der Föderalisierung hinzu, als die Tschechoslowakei 1969 formal in einen föderativen Staat umgewandelt wurde. Es gab sogar eine Zeit, als der 28. Oktober gar kein offizieller Feiertag war. Auch das wird wohl ein Grund sein, warum der 28. Oktober von der tschechischen Gesellschaft immer als wichtigster Staatsfeiertag angesehen wurde.“
Tschechoslowakei zwischen den Weltkriegen
Laut dem Historiker Pehr ist das auch eine Generationenfrage. Denn vor
allem für die älteren Tschechen ist der 28. Oktober noch mit gewissen
Emotionen verbunden. Für die jüngere Generation ist er auf Grund des oft
fehlenden oder mangelnden Geschichtsunterrichts oft höchstens ein
willkommener zusätzlicher freier Tag. Das vielleicht auch, weil die
Ereignisse des Jahres 1918 schon viel zu weit zurückliegen und die Regel
gilt, je entfernter und abstrakter ein historisches Ereignis ist, desto
weniger weiß man darüber Bescheid. Diese Regel hält Michal Pehr
allgemein für gültig:
Hl. Wenzel
„Es stimmt, dass eine Mehrheit der tschechischen Gesellschaft mit
dem
28. Oktober die Gründung der Tschechoslowakei in Verbindung bringt. Im
Gegensatz dazu wissen die meisten mit dem 28. September, dem Tag des
heiligen Wenzel, nichts anzufangen, weil sie nicht wissen, wer Wenzel war
und somit auch nicht dessen Bedeutung für die Geschichte des Landes
nachvollziehen können. Es gibt aber noch eine Erklärung, warum auch
heute
noch der Gründung der Tschechoslowakei mit einem offiziellen
Staatsfeiertag gedacht wird. Die Tschechen haben nämlich die
Tschechoslowakei lange als tschechischen Staat empfunden, alles
Tschechische – auch viele historische Traditionen - wurde ins
Tschechoslowakische umgewandelt. Deshalb gibt es diese Kontinuität, was
das Feiern des 28. Oktober angeht. Daher verwundert es nicht, dass sich
die
slowakische Gesellschaft zu Zeiten des gemeinsamen Staates durch den 28.
Oktober überhaupt nicht angesprochen fühlte.“
Gräber der Familie Masaryk in Lány
Mit dem 28. Oktober sind unzertrennlich ganz bestimmte Rituale verbunden.
Spitzenvertreter des Staates legen Kränze und Blumen am Grab von Tomáš
Masaryk nieder, und alles gipfelt dann am Abend, wenn der Staatspräsident
an vorher sorgfältig ausgewählte Persönlichkeiten auf der Prager Burg
die höchsten tschechischen Orden vergibt. Gerade das Ritual mit der
Ordensverleihung muss vielen jungen Tschechen als etwas Archaisches und
Verstaubtes vorkommen. Ist aber etwa auch die Ordensverleihung als solche
eine Identifikationsquelle mit dem Staat und dessen Autorität? Dazu meint
Michal Pehr:
Tomáš Garrigue Masaryk
„Die moderne Gesellschaft hat die Tendenz, sich von der
Vergangenheit,
deren Werten und Traditionen zur Gänze abzukoppeln. Auf der anderen Seite
sind diese Traditionen für jede Gesellschaft und jeden Staat ungemein
wichtig. Deshalb versucht auch jeder Staat seine Traditionen zu fördern,
wobei die Tschechische Republik heute keine Ausnahme ist. Jede politische
Garnitur, ob links oder bürgerlich, ist sich dessen bewusst, dass diese
Traditionen erhalten werden müssen. Natürlich versucht sie jeder nach
einem ihm passenden Muster zu interpretieren. Vielleicht wird diese
Abneigung vergleichbarer Traditionen durch jüngere Menschen in Zukunft
durch ein vermehrtes Interesse ausgeglichen. Ich gehe davon aus, dass das
wieder in Mode kommen wird, vor allem durch die neuen Traditionen, die
sich
nun mittlerweile auf einen demokratischen Staat beziehen.“
Tschechoslowakische Legion
Der Erteilung der höchsten tschechischen Orden am 28. Oktober geht ein
alle Jahre wiederkehrendes Ritual voraus, in dem in den Medien schon
Wochen
und Monate zuvor spekuliert wird, wer die Auszeichnung erhalten könnte.
Dementsprechend groß ist dann die Kritik, wenn die eine oder andere
Persönlichkeit nicht berücksichtigt wurde. Die endgültige Auswahl wird
vom Präsidialamt vorgenommen.
Dem früheren Präsidenten Václav Havel wurde zum Beispiel vorgeworfen mehrere Male die wenigen noch lebenden Angehörigen der so genannten Tschechoslowakischen Legion übergangenen zu haben, die im Jahr 1917 im bolschewistischen Russland kämpften und später dann den Grundstein der neuen tschechoslowakischen Armee bildeten. Der gegenwärtige Präsident Václav Klaus muss sich wiederum jedes Jahr die Frage stellen lassen, wann er die kontroversen Gegner des kommunistischen Regimes Josef und Ctirad Mašín auszeichnen wird, die sich in den fünfziger Jahren mit der Waffe in der Hand bis nach West-Berlin durchgekämpft haben.
Ctirad und Josef Mašín
Haben diese Ordensverleihungen auch etwas Identitätsstiftendes in sich?
In gewisser Weise ja, findet Historiker Pehr vom Masaryk-Institut der
Akademie der Wissenschaften:
„Die Möglichkeiten der modernen Gesellschaft, die Öffentlichkeit auf Persönlichkeiten mit einer positiven Beispielwirkung hinzuweisen, sind sehr begrenzt. Dabei ist die Vergabe eines Ordens sicherlich eine adäquat, um jemanden und dessen Verdienste besonders hervorzuheben. In der Vergangenheit gewährten die Staaten als eine besondere Form der Anerkennung zum Beispiel in Einzelfällen durch eine lebenslängliche Rente. Heute nimmt das dann eben die Gestalt von Orden an, deren Wert nicht im materiellen Bereich liegt, sondern im ideellen. Die Auswahl solcher Persönlichkeiten wird immer Gegenstand unterschiedlicher Meinungen sein, da die Zahl der Auszuzeichnenden begrenzt ist und sich jemand ausgegrenzt fühlen könnte. Deshalb ist diese Auswahl auch so schwierig und kompliziert und verursacht so viel Diskussionen und Emotionen.“







