Prager Brücken einmal anders: Die Nusle-Brücke

Beim Begriff "Prager Brücken" haben die meisten automatisch eine der zahlreichen Moldaubrücken vor Augen. Eine weitere Prager Dominante aber überbrückt den halben Kilometer zwischen Karlov und Vysehrad über dem Nusletal. Noch bis 1990 hieß sie Klement-Gottwald-Brücke (Most Klementa Gottwalda) - benannt nach dem ersten sog. "Arbeiterpräsidenten" der Tschechoslowakei. Damals als Prestigebau des Sozialismus propagiert, ist die Nusle-Brücke (Nuselsky most) heutzutage leider vor allem als "Selbstmörderbrücke" berühmt-berüchtigt. Mehr rund um dieses Bauwerk erfahren Sie auf unserem heutigen "Spaziergang durch Prag" von Sarah Polewsky.

Die Nusle-BrückeDie Nusle-Brücke So, wie die Karlsbrücke zum festen Bestandteil jedes Touristenprogramms gehört, so gehört die Nusle-Brücke in den Alltag vieler Prager, denn sie ist Teil der Prager Magistrale. Diese Stadtautobahn, die zwischen Wenzelsplatz und Nationalmuseum mitten durch das Zentrum führt, ist die wichtigste Verkehrsanbindung für die bevölkerungsreichen Stadtteile im Prager Südosten. Viele Bewohner der dortigen Plattenbausiedlungen fahren mit der Metrolinie C täglich durch einen Tunnel in der Brücke zwischen den Stationen I.P.Pavlova und Vysehrad, während über ihnen der Autoverkehr fliesst - bzw. steht.

Die Pläne zur Überbrückung des Nusletals reichen weit zurück: der erste Entwurf, eine Bogenkonstruktion, stammt bereits von 1903. In den 20er und 30er Jahren folgten eine Reihe von Wettbewerben, und bereits damals gab es Pläne für eine zweistöckige Brücke. Aus dieser Zeit stammen auch so kuriose Entwürfe, die in den Pfeilern Wohnungen, Parkgaragen, Kinos u.ä. vorsahen. Die Realisierung der Brücke wurde jedoch erst durch die Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre, dann durch den Ausbruch des 2. Weltkriegs verhindert.

Schließlich wurde 1957 der Bau der Brücke beschlossen - vor allem um das Gebiet um Pankrac verkehrstechnisch anzubinden, denn dort sollte kurz darauf der Bau der ersten grösseren Prager Plattenbausiedlungen beginnen. Doch nach dem Wettbewerb 1958 bis 1960 waren es jetzt die Rahmenbedingungen der sozialistischen Planwirtschaft, die die Realisierung des prämierten Entwurfs von Stanislav Hubicka, Svatopluk Kobr und Vojtech Michalek verzögerten. Der Ingenieur Jiri Hejnic, der damals als Projektant am Bau beteiligt und für die Statik verantwortlich war, erinnert sich:

"Damals gab sehr wenig Stahl, weil dieser für Panzer gebraucht wurde. Deshalb konnte die staatliche Planungskommission keine Zusicherung geben, dass der Stahl zum Brückenbau zur Verfügung steht, denn der damals am besten bewertete Entwurf sah eine Stahlkonstruktion vor. Wir haben dann das, was wir in Stahl entworfen hatten - zumindest was Ausmaße und Form betrifft - in Spannbeton übertragen. Das war damals ein neues Material, und lange Zeit war die Nusle-Brücke die größte Brücke aus Spannbeton überhaupt."

1965 wurde schließlich von beiden Seiten des Tals mit dem Bau begonnen, dafür mussten dort erst einmal 17 Gebäude abgerissen werden. Zu Beginn rechnete man für Prag mit einer Untergrundtram, wie sie auch in einigen deutschen Städten, z.B. in Hannover, gebaut wurde. Um den Tunnel in jedem Fall ausreichend zu dimensionieren, orientierten sich die Projektanten an der damals sehr modernen Stockholmer Metro, der Tunnelbana, erzählt Jiri Hejnic.

1967 entschied die politische Führung jedoch, dass Prag eine Metro bekommt. Diese sollte später zum Ausdruck der "sozialistischen Freundschaft" zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion werden, die nach der Niederschlagung des Prager Frühling zumindest von offizieller Seite neu erblühte. 1969 wurde beschlossen, dass für die Prager Metro nach Moskauer Vorbild auch die Waggons vom "großen Bruder im Osten" importiert werden sollten:

"Das war im Wesentlichen eine politische Entscheidung. Damals wurden bei CKD unsere tschechischen Waggons entwickelt. Und vielleicht gab es da irgendeine Sabotage - ich weiß nicht warum das passiert ist - jedenfalls wurden zwei hergestellt, und die sind zusammengestoßen. Also wurde gesagt, dass sie nicht zuverlässig genug sind, und es wurden sowjetische genommen. Und die waren zweimal so schwer wie die Stockholmer Metro."

Trotzdem blieb die Fahrt der schweren Metrowaggons durch die Brücke nicht ohne Folgen: weil man am Rost Risse entdeckt hatte, wurde 1997 ein Großteil der Längsträger ersetzt. Seitdem fährt die Metro nur noch mit 40km/h durch die Brücke, und die Trasse C war die erste, deren Wagen komplett gegen modernere Modelle ausgetauscht wurden.

Nachdem der Rohbau der Brücke 1969 fertig war, rollten 1970 wieder Panzer durch Prag - diesmal allerdings 66 tschechoslowakische. Diese mussten für die Belastungsprobe der Brücke herhalten, da dafür damals nicht genügend Lastwagen zur Verfügung standen. Nach weiteren Tests rechnete man Ende 1972 mit der Eröffnung der Brücke, doch die Wahl des Eröffnungstermins unterlag eigenen Regeln, erinnert sich Jiri Hejnic:

"Damals kam es nicht so darauf an, wann die Brücke in Betrieb genommen wird, denn der Verkehr war noch nicht so stark. Es sollte vor allem ein Symbol sein."

Und weil die Brücke weder zum Jahrestag der Oktoberrevolution noch zu Stalins Geburtstag im Dezember endgültig fertig gestellt werden konnte, wurde schließlich das 25jährige Jubiläum des sog. siegreichen Februar, also der kommunistischen Machtergreifung 1948, als würdiger Anlass zur Eröffnung gewählt. Am 22. Februar 1973 beschritten Einheiten der Volksmiliz sowie die Parteielite um Präsident Husak feierlich die Brücke, begrüßt von fahnen- und blumenschwenkenden Pionieren. In der Eröffnungsrede wurde die Brücke als Beweis der Leistungsfähigkeit der sozialistischen Gesellschaft, als Werk aller Arbeitenden und Stolz der Architekten und Baumeister gefeiert. Wie sehr die Arbeit der einzelnen Baumeister tatsächlich geschätzt wurde, hat Jiri Hejnic erlebt:

"Ich habe noch nicht einmal eine Einladung zur Eröffnung der Brücke bekommen. Ich habe das seit 1958 gemacht, also 15 Jahre. Die Einladungen haben nur die Leute bekommen, die sich irgendwie verdient gemacht hatten, oder nach dem Parteibuch."

Inzwischen ist die Nusle-Brücke - auch Nuselak genannt - weniger als Architekturdenkmal bekannt, sondern hat vor allem als "Selbstmörderbrücke" traurige Berühmtheit erlangt: die Brücke ist für Fussgänger leicht zugänglich und den Sprung aus 40m Höhe überlebt man nicht. Jiri Hejnic bemerkt dazu:

"Wenn sich jemand entscheidet, Selbstmord zu begehen, dann findet er auch einen Platz. Bevor die Nusle-Brücke gebaut wurde, sprangen sehr viele Menschen z.B. vom Aussichtsturm auf dem Petrin-Hügel."

Bisher sind vermutlich schon über 300 Menschen von der Brücke in den Tod gesprungen, offizielle Statistiken dazu gibt es aber nicht. Dies liegt zum einen daran, dass die Selbstmorde im Kommunismus größtenteils verschwiegen wurden, zum anderen bildet die Nusle-Brücke gleichzeitig die Grenze zwischen zwei Prager Stadtteilen. Drastisch gesagt: Wer hier herunterspringen will, kann sich entscheiden, ob er lieber in Prag 2 oder Prag 4 sterben möchte, und "fällt" wortwörtlich in den Kompetenzbereich der jeweiligen Polizeiabteilung.

Um die Selbstmorde von der Brücke zu verhindern, wurde 1990 ein Drahtzaun am Geländer befestigt, der aber nicht sehr wirksam war. 1997 wurde ein stabilerer und drei Meter hoher Zaun mit nach innen gerundeter Kante angebracht, den zu überwinden es einiges an Kraft und Geschick erfordert. Dadurch sind die Selbstmorde von der Brücke zwar weniger geworden, völlig verhindern lassen sie sich aber nicht: noch im April diesen Jahres brachte sich so ein 25-Jähriger um.

Der Zaun soll aber nicht nur das Leben der potentiellen Selbstmörder retten, sondern auch jenes der Menschen unter der Brücke schützen. Dabei muss noch nicht einmal das Schreckensszenario eintreten, dass Spaziergänger durch herabfallende Körper verletzt oder sogar getötet werden.

"Ich habe damit eine persönliche Erfahrung gemacht, eine ganz traurige. Denn mich hat eine Mutter angerufen, und ich habe eineinhalb Stunden telefoniert, weil sie ihr Kind am ersten Schultag in die Schule brachte. Jemand ist vor ihren Augen gesprungen und schlug ein paar Meter neben ihnen auf. Sie war noch schrecklich verstört, und hat mir vorgehalten, dass das meine Schuld ist, weil ich diese Brücke entworfen habe, und dieser Mensch gesprungen ist, und das Kind das sein ganzes Leben nicht vergessen wird und dadurch belastet sein wird. Ich habe versucht, ihr das auszureden, und nach den eineinhalb Stunden hat sie auch nicht mehr geweint und etwas ruhiger gesprochen, aber das muss bestimmt ganz schrecklich sein", erzählt Jiri Hejnic.

Um solche Vorfälle zu verhindern, hat man auch die Anbringung von Netzen unterhalb der Brücke erwogen, diese Idee wurde aber schließlich verworfen. Der Grund ist aber nicht, dass die Brücke bereits die Grenze ihrer Tragfähigkeit erreicht habe, sondern dass es zu schwierig wäre, einen womöglich verletzten Menschen aus den Netzen wieder herauszuholen, meint Jiri Hejnic. Ein Kran oder die Feuerwehr würde den Verkehr auf der Brücke und vermutlich bis ins Stadtzentrum lahm legen, da es an dieser Stelle bisher noch keine Alternative zur Magistrale gibt.

Ein ganz anderer Ansatz zur Suizidprävention kam im November 2003 von einem Künstler namens "c8400": als "Installations-Aktion im öffentlichen Raum" wurden alle zehn Meter am Geländer der Nusle-Brücke floureszierende Aufkleber mit dem Text "Buh te miluje" - zu deutsch: "Gott liebt dich" angebracht. Diese sollen als Lösungsangebot in einer hoffnungs- oder glaubenslosen Situation funktionieren - frei nach dem Motto "Du glaubst oder du stirbst", wie es in der Projektbeschreibung heißt.