Prag unter Karl IV. – Ausstellung im Haus „Zum Goldenen Ring“

Hätten Sie gewusst, dass die Stadtfläche von Prag unter Karl IV. fünfmal größer war als die damalige Stadtfläche von Wien? Oder dass jede der damals selbständigen Prager Städte ihr eigenes Rathaus hatte? Dies und mehr können Sie in der neuen Dauerausstellung erfahren, die vor kurzem im Haus „Zum Goldenen Ring“ eröffnet wurde.

Zuzana Strnadová (Foto: Martina Schneibergová)Zuzana Strnadová (Foto: Martina Schneibergová) Wir sind in der Prager Altstadt. Neben der Theynkirche in der Gasse namens Týnská steht das mittelalterliche Haus „Zum Goldenen Ring“. Das Stadtmuseum hat in diesem Haus vor kurzem eine Dauerausstellung zum Thema „Prag unter Karl IV“ eröffnet. Das Museum verwaltet das historische Gebäude erst seit einigen Monaten, erklärt Museumsleiterin Zuzana Strnadová:

„Wir sind froh über die neuen Räumlichkeiten, die uns hier zur Verfügung stehen. Denn auch wenn das Museum über 14 historische Gebäude verfügt, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind, sind dies allzu wenige Räume, um unsere großen Sammlungen zu präsentieren. Wir haben es daher begrüßt, als uns die Stadtväter die Verwaltung des Hauses Zum Goldenen Ring anvertraut haben. Wir können hier unsere neueste Dauerausstellung zeigen, die anlässlich des 700. Geburtstags von Karl IV. zusammengestellt wurde. Die Exposition über das Mittelalter und die Luxemburger in Prag möchten wir noch lange fortsetzen.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová In einer zweiten Etappe wird die Dauerausstellung durch weitere Modelle und Exponate ergänzt. Im Blickpunkt werden dann der Museumsleiterin zufolge die einzigartige Stadtplanung und die wichtigsten Bauten stehen, die Karl IV. erbauen ließ.

Durch einen dunklen mittelalterlichen Gang gelangt man zur Dauerausstellung. Aus der Ferne sind galoppierende Pferde zu hören. Sie symbolisieren die Ankunft der Luxemburger in Prag. Mittelalterliche Buchmalereien werden auf einer Leinwand belebt. Sie zeigen den späteren Kaiser Karl IV. als Kind. In der multimedialen Schau stehen viele Bildschirme mit Kopfhörern zur Verfügung. Sie liefern Informationen über Gebäude, die sich im 14. Jahrhundert auf dem Gebiet von Prag befanden. Zu sehen sind Modelle der Prager Burg und anderer Bauten, archäologische Funde aus den Museumsammlungen und weitere Exponate. Die Verwandlungen auf dem Prager Stadtgebiet werden mit Hilfe von Videomapping dargestellt. Museumsleiterin Zuzana Strnadová:

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „Als wir darüber diskutierten, wie wir das Thema von Prag und Karl IV. anpacken wollen, wussten wir auch, wie viele herrliche Ausstellungen über Karl IV. bereits gezeigt wurden. Die schönste davon gab es in der Nationalgalerie. Wir wollten das Thema ein wenig anders bearbeiten und eine moderne interaktive Ausstellung zusammenstellen. Darum konzentrierten wir uns auf Modelle und Videomapping. Mit deren Hilfe kann sehr gut erklärt werden, wodurch sich das mittelalterliche Prag von den anderen damaligen Metropolen unterschied und was alles damals erbaut worden ist.“

Prag war größer als Paris oder Brüssel

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Inmitten eines dunklen Raums befindet sich das Modell von Prag. Es wird mit verschiedenen Farben beleuchtet. Damit werden die Stadtentwicklung und die Architektur in den einzelnen Stadtteilen dargestellt. Die Stadtmauern der neu gegründeten Prager Neustadt werden mit dem farbigen Licht gekennzeichnet. Aus dem Lautsprecher oder den Kopfhörern erfahren die Besucher mehr über die Stadtentwicklung.

„Mit der Gründung der Neustadt hat sich die Stadtfläche von Prag auf das Dreifache erweitert. Die Fläche von Wien oder von Hamburg umfasste nur etwa 20 Prozent der Stadtfläche von Prag. Nicht einmal Paris oder Brüssel waren damals so groß wie Prag. Von den anderen europäischen Großstädten unterschied sich Prag durch große Grünflächen. Mit der Größe der Marktplätze und Parks war die Prager Neustadt der Zeit um 500 Jahre voraus. Die Stadtplanung von Karl IV. hatte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Bestand.“

Pavla Státníková (Foto: Martina Schneibergová)Pavla Státníková (Foto: Martina Schneibergová) Die verschiedenen Aspekte des Lebens in Prag unter den Luxemburgern sind das zentrale Thema der Exposition in der zweiten Etage. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bestand Prag aus vier Städten und zwei königlichen Burgen. Jede der Städte habe so auch ihre eigene Stadtverwaltung gehabt, schildert die Chefkuratorin des Stadtmuseums, Pavla Státníková. Zudem macht sie auf einige der Exponate aufmerksam:

„Am bedeutendsten ist das historische Stadtbuch der Prager Altstadt. Es besteht aus einigen Handschriften, die älteste davon stammt von 1310. Diese Schrift ist gleichsam der erste schriftliche Nachweis über die Stadtverwaltung in Prag. Zu sehen ist ebenso das Siegel der Prager Altstadt. Es stammt vom Ende des 13. Jahrhunderts und wurde auch während des 14. Jahrhunderts benutzt. Gezeigt werden zudem die alten Gerichtsbücher der Prager Städte.“

Wasserleitung aus Holz

Altstädter Rathaus (Foto: Martina Schneibergová)Altstädter Rathaus (Foto: Martina Schneibergová) Die Städte hatten auch eigene Rathäuser. Das älteste davon ist das Altstädter Rathaus. In der Zeit der Luxemburger sah es jedoch anders aus als heute, sagt Pavla Státníková.

„Das Altstädter Rathaus ist im 14. Jahrhundert aus einigen Bürgerhäusern entstanden. Mit der Gründung der Neustadt wurde auch das Neustädter Rathaus errichtet, allerdings erst in den 1370er Jahren. Die Graphiken, die hier gezeigt werden, sind noch jünger. Denn aus der Zeit von Karl IV. ist kein Bild von Prag erhalten geblieben. Das Kleinseitner Rathaus befand sich in der nordöstlichen Ecke des heutigen Kleinseitner Rings. Die Stadt Hradschin war im Unterschied zu den anderen Prager Städten keine königliche Stadt. Deren Obrigkeit war der Burggraf der Prager Burg. Es ist jedoch kein Bild des Hradschiner Rathauses erhalten geblieben. In diesem Teil der Ausstellung wird zudem an die jüdische Bevölkerung im mittelalterlichen Prag erinnert. Die Juden hatten zwar keine eigene Stadt, doch in der Altstadt gab es einige Orte, an denen sich die jüdischen Bewohner Prags niedergelassen hatten.“

Wasserleitung (Foto: Martina Schneibergová)Wasserleitung (Foto: Martina Schneibergová) Die Wasserversorgung spielte schon im Mittelalter eine wichtige Rolle in den Prager Städten. Mit der Wasserleitung wurde das Wasser in Brunnen und Springbrunnen geleitet. Von dort haben die Prager damals das Wasser geholt.

„Wir wissen, dass es im 14. Jahrhundert schon einige Wassertürme gab. Sie halfen bei der Wasserregulierung. Unter den Exponaten befindet sich das Fragment einer mittelalterlichen Wasserleitung. Es wurde bei den archäologischen Forschungen auf dem Wenzelsplatz gefunden. Die Wasserleitung war aus Holz.“

Gerber und Schmiede zogen in die Neustadt um

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Aber nicht nur das Teilstück der mittelalterlichen Wasserleitung, sondern auch zahlreiche andere Baufragmente werden gezeigt. Darunter sind beispielsweise ein Stein von der Karlsbrücke oder mittelalterliche Kacheln und Ziegeln. Weitere Exponate dokumentieren den mittelalterlichen Handel in Prag.

„Wir zeigen unter anderem importiertes Majolika-Geschirr. Der Krug und der Becher wurden bei archäologischen Forschungen am unteren Ende des Wenzelsplatzes gefunden. Der Handel richtete sich auch damals nach bestimmten Regeln. Jeder Händler musste Zoll bezahlen und durfte seine Waren nur unter der Aufsicht des zuständigen Amtes verkaufen.“

Die Ausstellung mit dem Titel „Prag unter Karl IV. – die prächtigste Baustelle Europas“ ist im Haus zum Goldenen Ring in der Straße Týnská Nr. 6 zu sehen. Das Haus ist täglich von 9 bis 20 Uhr geöffnet.

Viel Aufmerksamkeit wird auch den Handwerkern und den Zünften im mittelalterlichen Prag geschenkt.

„Als Karl IV. die Prager Neustadt gründete, wurden Handwerke, die von Lärm oder Gestank begleitet waren, dorthin übersiedelt. Handwerker wie Schmiede, Gerber oder Mälzer zogen in die Neustadt um. Die erste Nachricht über die Prager Zünfte stammt vom Ende des 13. Jahrhunderts, sie betrifft die Metzgerzunft.“