Spaziergang durch Prag Oben Konzertsaal, unten Eisengroßhandel: die Verwandlungen des Palais Fürstenberg
Palais Palffy, Palais Ledebour, Palais Waldstein, Palais Thun – so heißen nur einige der Herrensitze auf der Prager Kleinseite. Am bekanntesten und größten ist zweifelsohne das Palais, das Feldherr Waldstein erbauen ließ und in dem heutzutage das Oberhaus des tschechischen Parlaments tagt. Die Mehrheit der einstigen Herrensitze erhielt ihr heutiges Aussehen erst im 18. Jahrhundert. Dies gilt auch für das Palais, zu dem ein herrlicher Terrassengarten gehört und das unweit der U-Bahn-Haltestelle Malostranská gegenüber dem Waldstein-Garten steht. Über dem Palais flattert heutzutage die polnische Fahne. Denn im Palais Fürstenberg, wie diese Barockresidenz heißt, hat seit der Ersten Republik die polnische Botschaft ihren Sitz.
Fürstenberg-Palais (Foto: www.prague.polemb.net)
Das Fürstenberg-Palais in der Valdštejnská-Straße zieht die
Aufmerksamkeit der Passanten vor allem durch seinen Terrassengarten mit
Springbrunnen auf sich. Berühmt sind auch die Treppenhäuser mit ihren
Säulenreihen. Der Großteil des Herrensitzes stammt aus dem 18.
Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert wurde vor allem der Garten wieder in Stand
gesetzt, da er zuvor teilweise als Lagerstätte für Eisenprodukte und für
Brennholz genutzt wurde. Die Residenz hat eine längere Geschichte, die
weiter als in die Barockzeit zurückgeht.
Die Grundstücke unter der Prager Burg, wo in der Zeit von Karl IV. Wein angebaut wurde, gehörten im Mittelalter dem St. Georg-Kloster. Nach den Hussitenkriegen ist das Stift ärmer geworden und vermietete einige seiner Besitzungen, erzählt der Leiter des Archivs der Hauptstadt Prag, Václav Ledvinka:
Václav Ledvinka
„Nach dem Jahr 1541, nach dem Großbrand, dem ein Teil der Prager Burg
und mehrere Gebäude auf der Kleinseite zu Opfer fielen, hat das Kloster
seine Grundstücke allmählich verkauft. Die ersten Besitzer waren die
Prager Stadtbürger.“
Der erste adelige Besitzer des Grundstücks war der kaiserliche Rat Václav Berka von Dubá / Dauba, der Ende des 16. Jahrhunderts die Grundstücke samt den dazu gehörenden Gärten kaufte. Er ließ dort den ersten Renaissancepalast erbauen. Das Palais gehörte der Familie Berka von Dubá bis 1714.
Fürstenberg-Terrassengarten
„Interessant ist, dass schon vor dem Bau des Waldstein-Palais unter der
Burg eine Residenz mit so großen Gärten erbaut wurde. Denn in der
Renaissancezeit waren diese eigentlich noch nicht in Mode. Berka von Dubá
kaufte den ganzen Abhang unter der Burg und legte dort einen Garten an, der
Jahrhunderte lang erhalten geblieben ist.“
Nachdem die Familie Berka ausgestorben war, erbten die Grafen von Vrbno den Palast. Sie ließen das bis heute erhaltene prunkvolle Tor im Gebäude errichten. Bald verkauften die Grafen das Palais aber weiter. Den endgültigen Umbau des Palastes ließen erst seine nächsten Besitzer durchführen, sagt Václav Ledvinka:
Fürst Karl Egon II. von Fürstenberg
„Graf Václav Kazimír Netolický von Eisenberg verwandelte um 1740 den
Palast in jene Barockresidenz, die bis heute hier steht.“
1822 kaufte aber der Mann das Palais, der ihm seinen Namen verliehen hatte: Der Staatsmann Fürst Karl Egon II. von Fürstenberg. Der Fürst war ein großer Kunstmäzen und Mitglied der Königlichen Gelehrtengesellschaft.
„Als Ziergarten gestaltete Fürstenberg erstaunlicherweise den Terrassengarten auf dem Abhang unter der Burg. Den unteren Teil des Parks nutzte der Fürst eher zu wirtschaftlichen Zwecken. Fürstenberg besaß Eisenwerke in Nižbor unweit der Burg Křivoklát / Pürglitz. Der untere Garten sowie das Erdgeschoss des Palastes dienten zu seiner Zeit als Magazin und zugleich dem Großhandel mit Produkten aus der Fürstenbergischen Hütte.“
Fürstenberg-Terrassengarten mit dem Fürstenberg-Palais
Fürstenberg trug maßgeblich zur Entwicklung der Industrie in Böhmen
bei. Er betrieb auch die Pferdebahn, die aus den Wäldern von Křivoklát
nach Prag führte. Als Mäzen beteiligte er sich finanziell an der
Gründung des Nationalmuseums. In seinem Palais hatte er jedoch nicht nur
ein Lager mit Metallprodukten, sondern auch eine große Bibliothek
eingerichtet. Den prunkvollen Barocksaal im ersten Stock nutzte Kunstmäzen
Fürstenberg für Konzerte und Empfänge. Eine Tradition, die der heutige
Mieter des Palastes, die polnische Botschaft, fortsetzt. Kurz nach der
Entstehung der Tschechoslowakei verkauften die Fürstenbergs das Gebäude
dem tschechoslowakischen Staat. Zuvor ließen sie aber die umfangreiche
Bibliothek nach Křivoklát übersiedeln.
Palais Kinski auf dem Altstädter Ring
Seit 1934 hat die polnische Botschaft im Palais Fürstenberg ihren Sitz.
Eine polnische Vertretung gab es in der Tschechoslowakei bereits 1919: Die
Botschaft war damals im Palais Kinski auf dem Altstädter Ring
untergebracht; dort, wo heutzutage die Nationalgalerie einen Teil ihrer
Sammlungen ausstellt.
Bevor die Fürstenbergische Residenz an Polen vermietet wurde, diente sie verschiedenen Zwecken. In den 1920er Jahren gehörte der Palast dem Sozialministerium. Aus dieser Zeit sind einige Fotos erhalten geblieben. Darauf sind Beamte zu sehen, die im Barocksaal unter der mit Fresken verzierten hohen Decke wie in einem modernen Großraumbüro arbeiten.
Veranstaltung in den Fürstenberg-Garten (Foto: Martina Schneibergová)
Auch wenn die polnische Botschaft heutzutage die meisten Konzerte im
Polnischen Kulturinstitut in der Altstadt veranstaltet, lädt sie von Zeit
zu Zeit zu Konzerten auch in das Palais Fürstenberg oder den großen
umliegenden Garten ein. Ein großes Happening mit Hunderten von Teilnehmern
spielte sich im Palais und Garten beispielsweise im Juni 2009 ab:
anlässlich des 20. Jahrestags der ersten freien Wahlen in Polen wurde
unter der Prager Burg ein Freiheitsfest mit zahlreichen Bands und Sängern
aus Tschechien und Polen veranstaltet. Das Tor des Gartens war
ausnahmsweise für die Bürger geöffnet.
Fürstenberg-Palais (Foto: http://polskyinstitut.cz)
Den polnischen Diplomaten gefällt die Fürstenbergische Residenz auf der
Kleinseite sehr gut. Polen hat schon sein Interesse bekundet, den
Fürstenberg-Palast von Tschechien zu kaufen. Darüber haben vor kurzem die
Außenminister der beiden Länder beraten. Ein Verkauf ist jedoch
vorläufig unmöglich, unter anderem aus dem einfachen Grund, weil das
Kulturministerium und der Stadtbezirk Prag 1 einen Rechtstreit über die
Eigentümerschaft an dem Gebäude führen.
St. Georg-Kloster
Damit sind wir fast am Ende des heutigen Spaziergangs durch Prag
angelangt. Anfangs haben wir erwähnt, dass die Grundstücke unter der
Prager Burg einst dem St. Georg-Kloster gehörten. Falls Sie wissen, in
welchem Jahrhundert dieses Kloster, das auf der Burg steht, gegründet
wurde, können Sie es uns schreiben. Denn so lautet unsere heutige
Quizfrage, für deren richtige Beantwortung Sie ein Buch über Prag
gewinnen können. Ihre Zuschriften richten Sie bitte an Radio Prag,
Vinohradská 12, PLZ 120 99 Prag 2.
Štěpán Trochta
In unserer Sendung vom August über das Salesianerzentrum in Prag fragten
wir Sie danach, welche Diözese Bischof Štěpán Trochta leitete, der die
Entstehung des Salesianerzentrums in Kobylisy initiiert hatte. Die richtige
Antwort ist: Litoměřice / Leitmeritz. Ein Buch geht diesmal an Dr. Franz
Hartmann aus München.





