Spaziergang durch Prag Kulturdenkmal oder Abriss - was wird aus dem Güterbahnhof Žižkov?
In der Zeit, als er erbaut wurde, war er der größte Güterbahnhof in Europa: der Bahnhof im Prager Stadtteil Žižkov. Seit den 1930er Jahren diente er zum schnellen Umladen von Waren, vor allem von Lebensmitteln auf Lkw. Dabei konnten hier die Güter auch kurzfristig gelagert werden. Das Bahnhofsareal, das nicht nur in Tschechien einzigartig ist, wurde Ende des vergangenen Jahres vom Kulturministerium zum Kulturdenkmal erklärt. Trotzdem ist der Erhalt der technischen Sehenswürdigkeit immer noch unsicher. Für die Rettung des Industriebaus setzen sich in den letzten Monaten nicht nur renommierte Kunsthistoriker und Architekten ein. Für ihren Bahnhof kämpft seit einigen Wochen auch eine lokale Bürgerinitiative.
Güterbahnhof Žižkov (Foto: Martina Schneibergová)
Wenn man mit der Straßenbahn durch die Straße Želivského von der
gleichnamigen Metro-Station aus fährt, ist der helle längliche Bau
hinter
dem Zaun nicht zu übersehen. Das Bürogebäude ist jedoch nur ein kleiner
Teil des Gebäudekomplexes. Dieser hat einen U-förmigen Querschnitt. Vom
kürzesten Flügel mit den Büros ziehen sich Richtung Osten zwei
Parallelflügel, die einige Hundert Meter lang sind. Dazwischen verlaufen
die Gleise. Von den Waggons wurden die Waren mit Liften auf die eisernen
Brücken geladen, die die beiden Gebäudeflügel miteinander verbanden. In
den Gebäuden befinden sich große Hallen, die immer noch genutzt werden.
Die Verbindung der Stahlkonstruktion der Brücken mit dem Eisenbeton der
Lagerhallen ist beeindruckend. Der Architekturhistoriker Zdeněk Lukeš
bemerkt während der Führung durch den Bahnhof, dass alles immer noch gut
erhalten ist.
Zdeněk Lukeš
„Die Baukonstruktion stammt von Karel Skorkovský, der in den
1930er
Jahren ein anerkannter Spezialist für Eisenbetonkonstruktionen war. Der
Bahnhof wurde nach den Entwürfen der Architekten Vladimír Weiss und
Karel
Caivas erbaut. Weiss war übrigens auch ein guter Maler. Caivas war
Professor an der Technischen Hochschule. Er projektierte
landwirtschaftliche Gebäude für Gutsherren. Während der 1930er Jahre
entwarf Caivas aber auch die schönsten Modesalons in Prag. Das Innere der
Salons, die sich auf dem Wenzelsplatz oder bei Můstek befanden, ist
leider
nicht mehr erhalten. Caivas und Weiss haben in Prag zudem mehrere kleinere
Häuser in der Lucemburská-Straße sowie Villen und Mietshäuser erbaut.
Es handelte sich größtenteils um Architektur, die über dem Durchschnitt
lag.“
Güterbahnhof Žižkov (Foto: Martina Schneibergová)
Wenn der Bahnhof erhalten bleibt, könnten die Gebäude zu verschiedenen
Zwecken genutzt werden: als Museumsmagazin, Ateliers oder Vortragssäle.
Zdeněk Lukeš:
„Man könnte auch die flachen Dächer nutzen. Wenn ein Designer eine der Hallen mieten würde, könnte er oben ein Aussichtscafé errichten. Unten könnte er seine Ausstellungsräume haben. Das System des Warentransports über die eisernen Brücken funktioniert immer noch. Wenn man die Konstruktion streichen und mit Farben beleben würde, wäre es prächtig.“
Güterbahnhof Žižkov (Foto: Martina Schneibergová)
Der Weg zur Ernennung des Güterbahnhofs zum Kulturdenkmal war lang. Das
Denkmalschutzamt hatte einen entsprechenden Vorschlag bereits 2003 dem
Kulturministerium unterbreitet. Dort blieb er jedoch liegen. Vor etwa
einem
Jahr tauchten in den Medien Informationen über Pläne zum Abriss des
Güterbahnhofs auf. Da begann der „Verein für das alte Prag“ sich
für
den Entwurf zu interessieren. Der ursprüngliche Vorschlag war inzwischen
jedoch veraltet, erzählt die Vorsitzende des Vereins, Kateřina
Bečková.
Nach dem Unfall im Areal des Güterbahnhofs Žižkov (Foto: Martina Schneibergová)
„Wir haben mit den Mitarbeitern des Forschungsinstituts für
Industrieerbe und weiteren Experten Kontakt aufgenommen und neue
Anmerkungen dem Vorschlag beigefügt. Während der letzten zehn Jahre hat
sich nämlich die Haltung gegenüber der Industriearchitektur wesentlich
geändert. Weltweit herrscht heutzutage ein richtiger Boom, was das
Interesse an Industriebauten betrifft. Dies hängt damit zusammen, dass
die
junge Generation die Fabriken in den Städten nicht mehr als
funktionierende Industriebetriebe erlebt. Für die jungen Leute sind sie
eine verschwindende Welt, die romantisch wirkt. Zudem entstehen auf
offizieller Ebene Übereinkommen zum Schutz des Industrieerbes. Nach dem
entsprechenden Verfahren, das im Mai eingeleitet wurde, hat die
Denkmalschutzsektion des Kultusministeriums Anfang Dezember vergangenen
Jahres den Güterbahnhof zum Kulturdenkmal erklärt.“
Kateřina Bečková und Tomáš Mikeska (Foto: Martina Schneibergová)
Die Fachkommission habe sich wirklich mutig verhalten, fügt die Expertin
lächelnd zu. Der Besitzer des Grundstücks und der Gebäude ist jedoch
die
Tschechische Bahn. Und diese ist mit der Entscheidung des Ministeriums
überhaupt nicht einverstanden. Im Namen der Bahn gab das Unternehmen
Žižkov Station Development eine Stellungnahme dazu ab. Jetzt ist der
Kulturminister dran. Er ist unabhängig und kann sich entscheiden, wie er
will. Mit einer Petition will sich eine lokale Bürgerinitiative an ihn
wenden, die sich für die Rettung der einzigartigen Industriearchitektur
einsetzt. Die Initiative nannte sich „Tady není developerovo“ zu
Deutsch etwa „Hier ist kein Developer-Land“. Tomáš Mikeska war vor
Jahren Bürgermeister von Prag 3, zu dem auch Žižkov gehört. Jetzt
leitet er die neue Bürgerinitiative:
Verwaltungsgebäude (Foto: Martina Schneibergová)
„Zu unseren Zielen gehören vor allem der Schutz von Landschaft und
Natur in Prag, die Rettung des Kulturerbes sowie Aufklärungsarbeit. Wir
haben vor, eine Diskussion von Experten mit den Developern und der
Öffentlichkeit über die geplanten Neubauten auf dem Gebiet von Prag 3
anzuregen.“
Geplant wurde auf dem Bahnhofsgelände laut Medienberichten Verschiedenes. Nicht nur weitere Neubauten sollten dort entstehen. Sondern auch die Straße Olšanská, die heute vor dem Bahnhof endet, sollte verlängert werden. Architekturhistoriker Zdeněk Lukeš dazu:
Eingang ins Areal (Foto: Martina Schneibergová)
„Die Verlängerung der Straße ist Unsinn, aber sie wäre ein
großes
Geschäft. Wenn man die Straße wirklich verlängern müsste, könnte sie
unter dem Bahnhof verlaufen. Das Areal ist sehr groß. Dort kann man Jahre
lang bauen. Aber der Bahnhof könnte dann erhalten bleiben. Der
Güterbahnhof ist sowohl aus architektonischer, als auch aus technischer
Sicht einzigartig. Der Industriebau könnte vielfältig genutzt werden.
Von
mehreren Gebäuden, die abgerissen werden sollten, aber dann doch gerettet
und neu gestaltet wurden, möchte ich zwei bekannte Beispiele nennen: In
Turin hat der namhafte Architekt Renzo Piano das verfallene Gelände der
Fiat-Werke neu gestaltet. Das heute meist besuchte Kunstmuseum der Welt
ist
die Tate Modern in London. Sie wurde in einem alten Kraftwerk
eingerichtet,
das zuvor lange Jahre leer stand und ursprünglich abgerissen werden
sollte.“
Ehemaliges Neorenaissancegebäude des Bahnhofs Prag – Těšnov
Man würde zweifelsohne weitere inspirierende Beispiele für die
Neugestaltung des einst größten Güterbahnhofs in Europa finden. Ein
schöner Bahnhof wurde in Prag bereits 1985 in die Luft gesprengt. Über
dem Gelände, wo früher das prunkvolle Neorenaissancegebäude des
Bahnhofs
Prag – Těšnov stand, verläuft heute die vierspurige Prager
Hauptverkehrsader „Magistrale“.
Am vergangenen Samstag kam es auf dem Güterbahnhof Žižkov zu einem Unfall, bei dem aber niemand verletzt wurde. Ein voll geladener Waggon entgleiste und prallte auf das Administrationsgebäude. Matěj Stropnický wurde für die Grünen in das Parlament des Stadtbezirks gewählt und gehört zu den Begründern der neuen Bürgerinitiative in Žižkov.
Matěj Stropnický (Foto: Martina Schneibergová)
„Ist der Unfall nur ein Zufall? Diese Frage stellen wir uns. Kann
sein,
dass uns die Tschechische Bahn oder der Developer damit etwas in dem Sinne
andeuten wollten, dass der Bahnhof abgerissen wird. Aber wir unternehmen
alles dafür, dass er nicht abgerissen wird.“
Die Petition für die Rettung des Industriebaus haben während der ersten Woche rund 1000 Menschen unterzeichnet.






