Hoch über Prag: die Kramář-Villa

Die sogenannte Kramář-Villa wird heute von der der tschechischen Regierung genutzt. Sie dient repräsentativen Zwecken sowie als Wohnsitz des tschechischen Premiers. Zweimal pro Jahr werden ihre Räume beim Tag der offenen Tür für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Jubiläumsjahr 2018 öffnet die Regierungsvilla jedoch wesentlich häufiger ihre Pforten.

Kramář-Villa (Foto: Ondřej Tomšů)Kramář-Villa (Foto: Ondřej Tomšů) Schaut man vom Stadtzentrum hinauf auf die Prager Burg und wendet den Blick nach rechts, fällt einem eine zwar recht kleine, aber dennoch gut sichtbare Dominante im Panorama des Hradschinhügels auf – die sogenannte Kramář-Villa. Ihr Bauherr Karel Kramář war schon im 19. Jahrhundert ein bedeutender tschechischer Politiker und später der erste Regierungschef in der neugegründeten Tschechoslowakei. Er ließ das neubarocke Haus in den Jahren 1911 bis 1915 als Wohnsitz für sich und seine Frau erbauen. Wer war dieser ambitionierte Mann, der 1860 im Riesengebirge geboren wurde? Die Historikerin Irena Saidlová erzählt:

„Karel Kramář entschied sich schon in der Jugend für eine Laufbahn in der Politik. Dies war möglich dank seiner juristischen Ausbildung, aber auch dank seiner gut situierten Familie. Als 30-Jähriger kandidierte er zum Wiener Reichsrat für die Partei der Jungtschechen. Von 1891 bis zu seinem Tod war er Abgeordneter, zunächst in Wien, später im tschechoslowakischen Parlament in Prag.“

Karel Kramář (Foto: Archiv des Nationalmuseums in Prag)Karel Kramář (Foto: Archiv des Nationalmuseums in Prag) Kramář war Anhänger der allslawischen Bewegung. Der Panslawismus war sein Programm. Das hatte auch damit zu tun, dass seine Frau eine Russin war.

„Er unternahm 1890 eine mehrmonatige Russland-Reise. In einem Moskauer Salon lernte er Nadeschda Nikolajewna Abrikossowa kennen. Sie verliebten sich ineinander. Es dauerte aber zehn Jahre, bis Nadeschdas erste Ehe geschieden wurde. 1900 haben sie auf der Krim eine neue Ehe geschlossen.“

Neubarock auf luxuriösem Baugrundstück

Auf der Halbinsel im Schwarzen Meer haben sie auch ihr erstes gemeinsames Haus gebaut. Eine zweite Villa folgte in Prag. Und zwar auf einem luxuriösen Baugrundstück am Rande des Letná-Parks, der ein beliebtes Ziel der Spaziergänge der Prager Gesellschaft war. Vor dem Bau der Villa wurde von der Stelle der Mittag verkündet.

Irena Saidlová (Foto: Ondřej Tomšů)Irena Saidlová (Foto: Ondřej Tomšů) „Da er ein bekannter Politiker war, konnte Kramář den Prager Magistrat dazu bewegen, ihm dieses sehr lukrative Grundstück zu verkaufen. Bekannt war der Ort als sogenannte 19. Bastion der hl. Maria Magdalena. Zudem ließ der Magistrat das Grundstück mit einer Untergrundinfrastruktur ausstatten und einen Zugangsweg bauen.“

Der Stadtrat stellte aber auch eine Bedingung. Das Haus durfte nur ein Stockwerk haben. Zwar hielt Kramář dieses Versprechen, doch trotzdem erhob sich eine Welle Kritik gegen den Politiker:

„In einem Teil der damaligen Presse wurde Unwillen gegen ihn geäußert. Er wurde einerseits wegen des Erwerbs des Grundstücks kritisiert. Und andererseits wegen der Tatsache, dass die Villa im Stil des Neubarocks gebaut wurde. Denn der Barock wurde damals als ein Staatsstil der Habsburger Monarchie wahrgenommen.“

Nadeschda Nikolajewna KramářováNadeschda Nikolajewna Kramářová Mit dem Bau des Herrenhauses wurde der Wiener Architekt Ferdinand Ohmann beauftragt. Am Entwurf der Innenausstattung hat sich in hohem Maß auch Nadeschda Nikolajewna beteiligt. In den Dekorationen und Details spiegeln sich russische Einflüsse stark wider. 1915 war das Haus zwar fertig, Karel Kramář durfte es zunächst aber nur eine einzige Woche bewohnen:

Verhaftung im Billard-Saal

„Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs schloss sich Karel Kramář der Widerstandsbewegung an und wurde daher von der Geheimpolizei verfolgt. 1915 wurde er verhaftet und wegen Hochverrats zum Tode verurteilt.“

Die Verhaftung soll sich im Billard-Saal seiner neuen Villa ereignet haben. Zum Glück wurde das Todesurteil nicht vollstreckt.

„Der neue Kaiser Karl I. hat das Urteil zunächst in 15 Jahre Freiheitsentzug umgewandelt. Mitte 1917 rief der Monarch dann eine Amnestie für politische Häftlinge aus. Karel Kramář wurde als einer von vielen anderen Menschen entlassen. Er kehrte als ‚Nationalheld‘ und ‚Märtyrer‘ nach Böhmen zurück. Diese Position brachte ihm nach der Gründung der Tschechoslowakei den Posten des ersten tschechoslowakischen Premierministers ein.“

Foto: Ondřej TomšůFoto: Ondřej Tomšů Die Funktion hatte er nicht lange inne. Er war Premier vom November 1918 bis Juli 1919. Von da an war er ‚nur‘ Abgeordneter des tschechoslowakischen Parlaments und Vorsitzender der Nationaldemokratischen Partei. Mit seiner Frau lebte bis zu seinem Tod 1937 in der Villa auf dem Hradschin.

Durch eine prächtige Eingangshalle mit Treppenhaus betritt man den größten Raum des Hauses. Die Historikerin Irena Saidlová führt uns weiter durch die Villa:

„Der Speisesaal wurde im byzantinischen Stil eingerichtet und mit Mosaiken dekoriert. In diesem Dekor spiegelt sich die Orientierung Kramářs am Osten und dem Panslawismus wider. Der große Speisesaal dient heute repräsentativen Zwecken. Es werden hier feierliche Essen für etwa zwanzig Personen veranstaltet.“

Foto: Ondřej TomšůFoto: Ondřej Tomšů Bedeutende Staatsgäste werden dort empfangen und politische Gespräche geführt. An den Saal grenzt ein Musiksalon. Obwohl der erste tschechoslowakische Regierungschef selbst Klavier spielte, hat er die Tasten des Instruments, das heute dort steht, nicht berührt:

„Die Originalmöbel sind nicht erhalten geblieben, bis auf eine Ausnahme, und zwar die eingebauten Schränke im Arbeitszimmer. Die Möbel wurden aus anderen Schlössern hierher gebracht, die die Regierung im Rahmen der Rückgabe an die ursprünglichen Besitzer nach der Wende räumen musste.“

Einzigartiger Ausblick auf die Moldau-Brücken

Blick auf die Stadt (Foto: Ondřej Tomšů)Blick auf die Stadt (Foto: Ondřej Tomšů) Aus dem Musiksalon kommt man in das Arbeitszimmer von Karel Kramář. Dort beeindruckt vor allem der wunderbare Blick auf die Stadt, durch die sich die Moldau schlängelt.

„Der Ausblick ist einzigartig. Man kann sogar die Prager Brücken zusammenrechnen. Der schönste Blick auf die Altstadt bietet sich eben von diesem Arbeitszimmer und dem anliegenden Balkon. Auf dem Balkon steht das Motto, nach dem er sich das ganze Leben lang orientierte: ‚In der Wahrheit auch gegen alle‘.“

Das Arbeitszimmer selbst war sehr luxuriös eingerichtet.

„Karel Kramář hatte hier unter anderem einen Tisch, der mit Büffelleder bezogen war. Imposant ist die Höhe der Decke von über sieben Metern. Ich will hier auf das Porträtbild von Nadeschda Nikolajewna aufmerksam machen, das über dem Kamin hängt. Sie ist dort im Alter von etwa 25 Jahren dargestellt. Ein kleineres Bild zeigt Karel Kramář selbst.“

Vom Privatsitz zur Regierungsvilla

Foto: Ondřej TomšůFoto: Ondřej Tomšů Die Bücher, die heute in den Bücherschränken stehen, gehörten einst nicht Kramář. Seine Originalbibliothek und der Nachlass werden im Nationalmuseum aufbewahrt. Nach dem Tod des Politikers und seiner Frau fiel die Villa der Kramář-Gesellschaft zu. Nachdem diese im Februar 1948 aufgelöst worden war, wurde das Haus verstaatlicht.

Seit Anfang der 1950er Jahre wurde die Villa von der Regierung genutzt, vor allem als Unterkunft für Staatsgäste. Anfang der 1990er wurde das Gebäude saniert. Im ehemaligen Schlafzimmer und den anliegenden Räumen wurde die Residenz für den Regierungsvorsitzenden eingerichtet. Allerdings haben seitdem nur zwei der zehn Männer an der Spitze des tschechischen Kabinetts die Wohnung bezogen, und zwar Vladimír Špidla und Miloš Zeman.