Spaziergang durch Prag Die Mumie kehrt zurück – ins Náprstek-Museum
Eine von ihnen ist 3300 Jahre alte, die anderen sind um ein paar Jahrhunderte jünger. Wenn auch hoch betagt, ziehen sie die Aufmerksamkeit nicht nur von Experten auf sich. Die Rede ist von Mumien aus dem alten Ägypten, die aus den Sammlungen des Prager Nationalmuseums stammen. Einige von ihnen sind in einer Ausstellung zu sehen, die am vergangenen Mittwoch im Náprstek-Museum eröffnet wurde.
Mumienausstellung
Das Museum, das im Haus „U Halánků“ in der Prager Altstadt
untergebracht ist, trägt den Namen seines Gründers, des tschechischen
Patrioten, Ethnografen und Mäzenen, Vojta Náprstek. Das Náprstek-Museum
der asiatischen, afrikanischen und amerikanischen Kulturen, wie das Museum
richtig heißt, ist die einzige Institution in Tschechien, die sich
systematisch auf das Vermächtnis der nicht europäischen Kulturen
konzentriert. Das Náprstek-Museum ist Bestandteil des Prager
Nationalmuseums. Sein Leiter Michal Lukeš sagte bei der Eröffnung der
Mumienausstellung, die ägyptologische Sammlung des Nationalmuseums gehöre
im internationalen Maßtab zur Spitze.
Michal Lukeš
„Bestandteil dieser Sammlung sind zehn menschliche Mumien sowie mehrere
Tiermumien. In diesem Jahr entschieden wir uns, eine der tragenden
Ausstellungen eben dieser Mumiensammlung zu widmen. Viele der Exponate
werden überhaupt zum ersten Mal ausgestellt. In der Ausstellung geht es
aber nicht nur um die Mumien. Aufmerksamkeit wird zudem der Geschichte und
Kultur des alten Ägypten geschenkt. Die Öffentlichkeit möchten wir zudem
mit den Resultaten der Mumienforschung bekannt machen. Ich hoffe, dass die
Ausstellung die Atmosphäre des alten Ägypten gut vermitteln kann.“
Neben mumifizierten Menschen und Tieren wird zum Beispiel auch ein 2000
Jahre altes mumifiziertes Ei gezeigt. Im ersten Saal ist die traditionelle
Ausstattung zu sehen, mit der die Menschen im alten Ägypten bestattet
wurden, einschließlich Särgen, kleinen Plastiken und Papyri. In der
Ausstellung wird des Weiteren der Kult heiliger Tiere im Alten Ägypten
beschrieben. Das Museum stellt Krokodil- Falken-, Fisch-, Schlangen-,
Katzen- und Hundemumien aus. Bestattungen von Kindern sind das Thema eines
weiteren Teils der Ausstellung. Am wichtigsten und ausführlichsten ist
aber der vierte Teil, in dem sieben Mumien von Erwachsenen ausgestellt
sind. Wie gelangten die Mumien nach Böhmen? Kurator Pavel Onderka:
Pavel Onderka
„Die ersten ägyptischen Mumien tauchten schon in der rudolfinischen
Zeit in Prag auf. Sie sind aber nicht erhalten geblieben. Unter den hier
ausgestellten Mumien ist eine, die sich nachweisbar bereits 1794 in Prag
befand. Ihre Geschichte kennen wir aber leider nicht. Eine Mumie im Sarg
und ein paar Antiquitäten – das war das Typische, was vermögende
Reisende in den vergangenen Jahrhunderten aus Ägypten üblicherweise mit
nach Hause brachten. Auf diese Weise ist auch die einzige repräsentative
Sammlung ägyptischer Kunst in Tschechien entstanden, die eben im
Nationalmuseum und im Náprstek-Museum untergebracht ist. Die Mehrheit der
Mumien wurde im 19. Jahrhundert nach Böhmen geholt. Einige von den hier
ausgestellten Mumien waren schon in der überhaupt ersten ägyptologischen
Ausstellung in den Böhmischen Ländern zu sehen, die 1819 stattfand. Die
Geschichten der einzelnen Mumien sind im Begleittext in der Ausstellung
geschildert.“
Die älteste der ausgestellten Mumien stammt aus der Zeit um das Jahr 1300
vor Christus, die jüngste aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Die
Mumifikation war im alten Ägypten eine Angelegenheit der
Gesellschaftselite gewesen, erzählt der Kurator:
„Auch hier in der Ausstellung handelt es sich um Mumien von Angehörigen der obersten Gesellschaftsschicht. Denn ein Durchschnittsägypter konnte sich eine Mumifizierung nicht leisten.“
Auf eine ägyptologische Ausstellung hat man lange gewartet, meint der Kurator. Die Mumien sowie weitere Gegenstände, die mit ihrer Bestattung zusammenhängen, werden nach 40 Jahren wieder ausgestellt:
Foto: ČT24
„Eine Mumienausstellung wurde im Museum 1971 kurz nach der Entstehung
einer selbständigen ägyptologischen Sektion des Museums veranstaltet. Mit
der Erforschung der Mumien begann man Anfang der 1970er Jahre. Die Mumien
wurden damals in der Nacht in die Uni-Klinik auf dem Karlsplatz gebracht,
um sie mit dem Röntgenapparat untersuchen zu können und dabei den Betrieb
der Klinik nicht zu stören. Wir setzten die Forschungen - allerdings mit
modernen Methoden - seit 2009 fort. In unserem Team sind neben
Ägyptologen, Anthropologen und Ärzten auch Restauratoren.“
Die Mumien wurden im diagnostischen Zentrum Mediscan unter anderem mit der Computertomographie untersucht. Dabei seien einige überraschende Tatsachen festgestellt worden, so der Arzt Jiří Bučil:
Foto: ČT24
„Es geht um Erkrankungen, die Spuren am Skelett der Mumien
hinterließen. Denn wir hatten bei den Untersuchungen nichts anderes als
Skelette zur Verfügung. Das übrige Gewebe ist mit der Zeit schon so stark
verändert, dass es uns kaum mehr Informationen über die
Krankheitsgeschichte liefern kann. Überraschend war für uns, dass wir an
einem der Skelette das Non-Hodgkin-Lymphom identifiziert haben. Dies ist
die Bezeichnung für mehrere bösartige Erkrankungen des lymphatischen
Systems. Eine weitere Erkrankung, mit der wir bei den Ägyptern gar nicht
rechneten, ist die Struma oder im Volksmund der Kropf. Denn in Ländern,
die an der Meeresküste liegen, kommt diese Erkrankung selten vor. Sonst
fanden wir an den Skeletten Beweise dafür, dass die Leute an ganz
üblichen Krankheiten litten und auch mal das Bein- oder die Hand gebrochen
hatten.“
Foto: ČTK
Die Mumien liegen in Vitrinen, in denen die notwendige Feuchtigkeit und
Temperatur aufrechterhalten wird. Bei der Installation der
Mumienausstellung habe er sich nach dem ethischen Kodex des Internationalen
Museumsrates ICOM gerichtet, erzählt Pavel Onderka.
„Am wichtigsten war es für uns, die sterblichen Überreste pietätvoll auszustellen und sie in einem Milieu zu präsentieren, das ihrer Bedeutung gerecht wird. Ich glaube, dass die architektonische Gestaltung der Ausstellung gelungen ist, dass der Respekt gegenüber den Toten gewahrt wird. Die alten Ägypter wünschten sich, dass ihr Name nicht vergessen wird. Und diese Ausstellung macht es möglich.“
Foto: ČTK
Neben den Mumien sind auch 150 Gegenstände aus den ägyptologischen
Sammlungen des Nationalmuseums ausgestellt. Im Rahmen des Begleitprogramms
organisiert das Museum Vorträge unter anderem über die
Mumifizierungsverfahren sowie den aktuellen Stand der Mumienforschung in
Tschechien.
Die Veranstalter dachten aber auch an die jüngsten Museumsbesucher: Für Kinder sind künstlerische Werkstätten bestimmt, in denen sie sich beispielsweise mit altägyptischen Hieroglyphen vertraut machen können. Die Ausstellung ist bis Ende September im Náprstek-Museum zu sehen. Das Museum befindet sich im Haus „U Halánků“ auf dem Platz Betlémské náměstí in der Altstadt und ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.






