David Černý: Auf den Spuren eines Aktionskünstlers in der Prager Innenstadt

Was haben Franz Kafka, der heilige Wenzel und Sigmund Freud gemeinsam? Der bekannte tschechische Aktionskünstler und Bildhauer David Černý hat alle diese Persönlichkeiten künstlerisch neu interpretiert. Seit einigen Jahren wird die historische Prager Innenstadt durch seine zeitgenössischen Kunstwerke durchbrochen und liefert den Bewohnern genug Stoff zum Diskutieren. Zusammen mit Petr Prokopík – Stadtführer und Gründer von prague4gay – geht der Hörer nun auf eine kleine Reise zu den ausgefallenen Skulpturen durch das Zentrum.

Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio PragFoto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag Die Lucerna-Passage am Wenzelsplatz verbindet Kaufhaus mit Unterhaltung. So baute der Großvater des damaligen Präsidenten Václav Havel etappenweise die erste Großstadtpassage in Prag Anfang des 20. Jahrhunderts. Innovativ war seine Idee, alle Elemente der Moderne architektonisch zu verarbeiten. Noch heute spürt der Besucher beim Betreten des Gebäudes einen Hauch von vergangenen Zeiten. Seit 2000 hängt nun dort an der Glaskuppel inmitten der Passage der Heilige Wenzel mit seinem Pferd. Nur sitzt der Heilige Wenzel nicht wie gewohnt auf den Rücken seines Tieres, sondern auf dessen Bauch. Der Kopf des Pferdes baumelt leblos herunter, seine Beine sind gefesselt und die Seile dienen zur Befestigung dieses abstrusen Monuments. Es wirkt eher, als hätte der Heilige Wenzel sein Pferd erlegt. Es handelt sich dabei um eine Kunststoffstatue von David Černý.

„Insgesamt erscheint diese Statue ziemlich extrem. Doch für den gewöhnlichen Tschechen war das reine Blasphemie. Wie konnte man das mit dem heiligen Wenzel machen? Dieses Kunstobjekt wurde teilweise scharf kritisiert und jeder sprach damals darüber.“

Foto: Archiv Prag 5Foto: Archiv Prag 5 Bekannt wurde der damals 20 jährige Künstler durch das Anstreichen eines sowjetischen Panzers mit rosa Farbe. Prokopík weist daraufhin, dass dieser Panzer angeblich den geschichtsträchtigen Tag symbolisieren sollte, als die Rote Armee die Tschechoslowakei 1945 befreit hat. So stand dieser Koloss bis in die 90er Jahren auf dem Kinsky-Platz. Doch war es ein Tank, gesteuert von sowjetischen Soldaten im Jahre 1968.

Die Verwandlung eines glitzernden Franz K.

Foto: Jindřich Nosek, CC BY-SA 4.0Foto: Jindřich Nosek, CC BY-SA 4.0 Neben der Wenzel Statue ist es nicht das einzige Kunstobjekt, welches David Černý in der Prager Innenstadt hinterließ. In der Nähe der Metro Station Nationalstraße, am Eingang eines Kaufhauses, erwartet den Kunstinteressierten eine weitere Überraschung. Von weitem wirkt dieser Gegenstand eher wie eine riesige Diskokugel.

„Hier ist wieder eine Installation von David Černý. Es ist auch eines seiner jüngsten Objekte – der Kopf von Franz Kafka. Um eine Achse herum sind einzelne bewegliche Metallplatten befestigt. Zusammen ergeben sie den Kopf Kafkas. Durch einen speziellen Mechanismus können diese Platten sich dann unabhängig voneinander bewegen. Dadurch ergeben sich verschiedene Variationen. Diese Installation nennt sich ‚Metamorphose‘ nach dem bekannten Roman von Franz Kafka.“

David Černý (Foto: Marián Vojtek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)David Černý (Foto: Marián Vojtek, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Das Buch ist besser bekannt unter dem Titel die Verwandlung. Der Hauptprotagonist Gregor Samsa verwandelt sich über Nacht in einen Käfer und wird vom Versorger der Familie zu einem Hilfsbedürftigen. Zwar mutiert die Kafka-Büste nicht zu einem Tier, dennoch halten Besucher ihre Kameras oder Smartphones länger darauf gerichtet. Denn mit einem Foto ist es hier nicht getan. Immer wieder drehen sich die reflektierenden Platten in verschiedene Richtungen. So ist es nur selten möglich, das komplette Antlitz von Franz Kafka zu erhaschen.

Der schmale Grat zwischen Leben und Tod des Sigmund Freud

Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio PragFoto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag Unweit der Nationalstraße in der Nähe der Bethlehemskapelle hängt ein Mann vom Dach herab. Er hält sich nur noch mit einer Hand an einem Balken fest. Ihm droht der Absturz. Warum bisher noch kein Rettungswagen in Sicht ist und wohl auch keiner kommen wird, erkennt der Betrachter erst auf den zweiten Blick. Vom Haus herab baumelt eine Statue und wieder ist es ein Kunstwerk von David Černý. Diese suizidgefährdete Figur soll den berühmten Psychoanalytiker Sigmund Freud darstellen.

„Als Sigmund Freud drei Jahre alt war, zog die Familie nach Wien. Doch er betrachtete sich stets als bedeutender Tscheche. Er sprach kein Tschechisch und war österreichischer Staatsbürger. Fakt ist aber, er ist im mährischen Příbor / Freiberg geboren und das Kunstwerk wurde für ihn gemacht.“

Deutsche Botschaft (Foto: Tmv23, CC BY-SA 3.0)Deutsche Botschaft (Foto: Tmv23, CC BY-SA 3.0) David Černý erklärt seine Werke nicht langatmig. So bleibt die Frage im Raum, warum gerade Sigmund Freud in der Husova Straße seinem Leben ein Ende setzen will. Eine mögliche Antwort könnte sein, dass diese Skulptur die Rolle der Intellektuellen Anfang des 21. Jahrhundert spiegelt. Der schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn kann genauso schmal sein wie der zwischen Leben und Tod.

Auf der anderen Seite der Moldau in der Nähe des Petřín-Hügels befindet sich die Deutsche Botschaft. Gerade für die ehemaligen Bürger der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ist sie ein geschichtsträchtiger Ort, der für viele Menschen einen neuen Lebensabschnitt einleitete. Als normaler Besucher ohne Anmeldung kann man nicht einfach durch die Tore der Botschaft schreiten. Davon sollte sich allerdings keiner abhalten lassen. Denn es ist möglich, um das Palais Lobkowitz herumzugehen und durch den Zaun die Aussicht auf den berühmten Balkon zu genießen. Dort ermöglichte der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher am Abend des 30. September 1989 die Ausreise zahlreicher Menschen in die Bundesrepublik Deutschland. Doch was befindet sich unterhalb des Balkons im Garten? Ein Trabi auf Beinen, das sogenannte Quo Vadis – Wohin gehst du? – von David Černý.

Foto: Wegmann, CC BY-SA 3.0Foto: Wegmann, CC BY-SA 3.0 „Hier ist etwas für unsere deutschen Freunde. Wir befinden uns nun an der deutschen Botschaft. Die Unruhen in der damaligen DDR im Jahr 1989 wurden geschürt durch die hohe Anzahl der Flüchtenden aus der DDR nach Prag in die westdeutsche Botschaft. Als sie hier mit ihren Trabis ankamen, versuchten sie die Autos so schnell wie möglich loszuwerden. Sie überließen die Trabischlüssel den Tschechen und bekamen dafür Geld oder etwas anderes. Danach versuchten die damaligen Bürger der DDR Zuflucht auf dem Gelände der deutschen Botschaft zu finden, um weiter nach Westdeutschland zu gelangen. Der laufende Trabi von David Černý ist ein Symbol für die Flüchtenden. Der Trabi hat es geschafft uns über die Grenzen zu bringen. Dieses Kunstobjekt wurde zudem als Geschenk an die deutsche Botschaft überreicht.“

Die tschechische Männlichkeit im Teich

Straße U Lužického semináře (Foto: ŠJů, CC BY-SA 3.0)Straße U Lužického semináře (Foto: ŠJů, CC BY-SA 3.0) Ein wahrhaft eigenartiges Kunstobjekt. Dem Trabi fehlen alle Reifen, diese wurden ausgetauscht durch Beine. Ein Auto, das buchstäblich über alle Grenzen gehen könnte. Doch diese Statue wird sich nicht mehr vom Fleck rühren. So sollte der Besucher sich von dem prunkvollen Garten des Palais Lobkowitz verabschieden und sich Richtung Karlsbrücke bewegen. Vorbei an den Menschenmassen geht es in die Straße U Lužického semináře. Dort ist das Kafka Museum, das angestrebte Ziel.

Foto: YouTubeFoto: YouTube „Hier sind zwei Männer, die in einem Teich in Form der Tschechischen Republik pinkeln. Der Eine steht im Norden und der andere im Süden. Als Černý gefragt wurde, wie er auf diese Idee kam, so antwortete er: ‚Stell dir vor du bist ein tschechischer Mann und trittst an einem verschneiten Abend aus einer Kneipe. Du musst zudem wirklich dringend pinkeln. Dann nutzt du die Situation und versuchst deinen Namen in den Schnee zu urinieren.‘ Eigentlich war hier noch ein kleines Schild mit einer Telefonnummer. Man konnte eine SMS an die Nummer schicken, und dann pinkeln die Männer diese Nachricht. Was mich daran so schockiert hat, ist nicht, dass die Männer auf die Tschechische Republik pinkeln, sondern dass es in Ordnung ist. Es ist lustig und niemand protestiert dagegen. Da sind zwei Männer, die wirklich Stolz ihr männliches Glied zeigen und in den Teich urinieren. David Černý zeigt mit dieser Statue viel mehr, als es auf den ersten Blick erscheint. Es ist eine Angewohnheit des tschechischen Mann-Seins und das geht in Ordnung. Bist du ein tschechischer Mann, dann bist du auch stolz darauf. Wenn du einen Streit mit einer intelligenten Frau hast, und dir als Mann keine Argumente mehr einfallen, ist es vermutlich in Ordnung, deinen Penis zu zeigen.“