Beim Staubsaugen entdeckt: der gotische Christuskopf in der Salvatorkirche

Es ist der bedeutendste Fund eines mittelalterlichen Kunstwerks der letzten Jahre hierzulande: das gotische Fragment einer Christus-Plastik aus der Prager Salvator-Kirche. Gefunden wurde das Stück jedoch nicht bei archäologischen Grabungen, sondern bei einer weniger wissenschaftlichen Tätigkeit – nämlich beim Staubsaugen.

Salvatorkirche (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Salvatorkirche (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Die monumentale Salvatorkirche befindet sich am Kreuzherrenplatz in der Altstadt, gleich gegenüber der Karlsbrücke. Die Kirche gehört zum ehemaligen Jesuitenkolleg Klementinum, in dem sich auch die Tschechische Nationalbibliothek befindet. An gleicher Stelle befand sich aber bereits vorher ein Gotteshaus. St. Salvator wurde im 16. Jahrhundert nämlich auf den Ruinen einer mittelalterlichen Kirche erbaut. Diese war dem heiligen Clemens geweiht und gehörte zum Dominikanerkloster, das im 14. Jahrhundert eines der Intellektuellenzentren in Prag war. Heute hat die Akademische Pfarrei beim St. Salvator ihren Sitz. Deren Kaplan Petr Vacík zeigt in der Kirche einen kleinen Raum unter den Treppen des südlichen Turms:

„Vor ein paar Jahren haben mir die Küster diesen Raum zur Verfügung gestellt. Sie trugen die Kisten und die Staubsauger weg, die dort standen und sagten mir: ,Hier kannst du deinen Schäfchen die Beichte abnehmen, wenn du schon nicht im Beichtstuhl sitzen willst.‘ Ich habe mir dort eine Art Büro eingerichtet, wo ich meine, wie ich sage, Patienten empfangen kann. Zwischen den beiden Sesseln gibt es ein Loch, das durch ein kleines Brett verdeckt war. Darunter war es schmutzig und es lagen dort irgendwelche Scherben verstreut. Ich habe mich entschieden, dieses Loch mit einem Staubsauger zu reinigen. Als ich so saugte, stieß ich plötzlich auf einen größeren Stein. Ich habe ihn mir näher angeschaut und gleich gedacht: Das wird mir niemand glauben, aber das da stammt bestimmt aus dem gotischen Klementinum.“

Gefunden in einer Zeit der Gewalt

Fragment des Christuskopfes (Foto: Martina Schneibergová)Fragment des Christuskopfes (Foto: Martina Schneibergová) Petr Vacík zeigte das Fragment den Kunsthistorikern und sie waren begeistert. Denn das Fragment stammte tatsächlich aus dem 14 Jahrhundert. Darauf ist eine Abbildung von Christus auf dem Ölberg. Der Kunsthistoriker Jan Royt bestätigte schließlich, dass es das einzige erhalten gebliebene Figuralfragment aus dem mittelalterlichen Klementinum sei:

„Es ist ein großartiger Fund. Das Fragment eines gotischen Reliefs stammt aus den Jahren 1370 bis 1380. Das Werk stand unter dem Einfluss des Meisters von Wittingau, eines namhaften Vertreters der Böhmischen Malerschule der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit sind nicht viele Plastiken und Reliefs erhalten geblieben. Das Fragment steht in Beziehung zum internationalen Bildhauerstil der Zeit – aus der Epoche der Nachfolger von Petr Parler. Das Kunststück hat jedoch die Qualität eines Gemäldes: Es ist nicht monumental, hat aber einen geistlichen Inhalt. Ich nehme an, dass es von einem Epitaph, also einem Grabdenkmal stammt.“

Norbert Schmidt (Foto: Martina Schneibergová)Norbert Schmidt (Foto: Martina Schneibergová) Das Fragment wurde am Aschermittwoch feierlich der Öffentlichkeit vorgestellt. Es wird im Rahmen einer künstlerischen Installation bis zum Karfreitag vor dem Altar zu sehen sein. Dazu Architekt Norbert Schmidt:

„Wir machen in der Salvatorkirche jedes Jahr eine ‚Kunstintervention‘, meist am Aschermittwoch. Wir laden immer Künstler ein, die etwas Neues für den Raum schaffen, etwas Originelles. Es geht uns darum, kein Kunstwerk auszustellen, sondern etwas Neues, eine Intervention, einen Spiegel oder eine Provokation in den Raum zu stellen. Letztes Jahr hatten wir hier den Künstler Christian Helwing aus Deutschland, der hat hier ein 160 Meter großes Werk geschaffen. Ein anderes Mal hatten wir einen koreanischen Künstler, der 5000 Luftballons in die Kirche gehangen hat. Jetzt haben wir ein Fragment, das nur 14 Zentimeter groß ist. Ein gotisches Fragment ungefähr aus dem Jahr 1380. Aber auch das ist für diesen Ort geschaffen worden. Das Fragment entstammt dem ehemaligen Dominikanerkloster, das zerstört wurde. Es ist ein Stück Kunst, dass aus vergangenen Zeiten zu uns gekommen ist, als ein Fragezeichen oder ein Ausrufezeichen, eine Provokation, eine Mahnung. Also etwas Aktuelles. Und wir gehen mit diesem Fragment auch so um, genau wie mit der modernen Kunst. Und hierin liegt auch der Sinn. Sich näher anzuschauen, was hier am Ort war, was dieses Gethsemane-Fragment bedeutet und was es für uns bedeuten kann. Für mich ist es immer wieder verblüffend, welche Analogien man findet. Hier wurde auf einmal ein Fragment gefunden in einer Zeit, die schwer ist, die voller Gewalt und Terroranschläge ist und in der man alte Kunstgegenstände zerstört. Und dieses Fragment hatte dasselbe Schicksal.“

Impuls zur Meditation

Tomáš Halík (links). Foto: Martina SchneibergováTomáš Halík (links). Foto: Martina Schneibergová In den nächsten Wochen wird das Fragment in der Kirche ausgestellt. Nach Ostern soll das Kunstwerk dann weiter erforscht werden. Während der Fastenzeit kann es die Gläubigen zum Nachdenken inspirieren. Professor Tomáš Halík ist Pfarrer an der St. Salvator-Kirche.

„Dieses Fragment stammt aus dem Dominikanerkloster, das in den Hussiten-Kriegen zerstört wurde. Es wurde gerade jetzt in einer Zeit entdeckt, in der es wieder Gewalt im Namen Gottes auf der Welt gibt. Das Fragment zeigt eine biblische Szene, Jesus in Gethsemane. Dort hat Jesus Nein gesagt zur Gewalt. Ich glaube, das ist vielleicht ein Zeichen. Ein Signal aus der Vergangenheit für unsere Zeit, das uns sagt: Wir sollten auf Gewalt verzichten. Auf Gewalt im Namen Gottes oder einer Ideologie. Dass wir nicht das Böse mit Bösem vergelten sollten. Das ist eine Aufforderung zur Versöhnung und zum Frieden. Ich hoffe, dass dieses Fragment ein Impuls für eine solche Meditation sein kann.“