Schauplatz Wahlkampf zu Kommunalwahlen beginnt – Machtwechsel in Prag möglich
Seit den letzten Parlamentswahlen sind erst zwei Monate vergangen. Frei nach dem Motto „Nach der Wahl ist vor der Wahl“ bereiten sich die Parteien in Tschechien nun schon auf eine neue politische Auseinandersetzung vor: auf die im Herbst anstehenden landesweiten Kommunalwahlen.
Unter ganz besonderem Augenmerk stehen die Kommunalwahlen in Prag. Nach
fast zwei Jahrzehnten könnte es dort zu einem Machtwechsel kommen. Die
derzeit regierende Demokratische Bürgerpartei (ODS), die bei den letzten
Wahlen zum Stadtparlament die absolute Mehrheit der Mandate erreichen
konnte, hat in jüngster Vergangenheit für eine Reihe von
Negativschlagzeilen gesorgt. Missmanagement in einigen Stadtbezirken, eine
zu geringe Distanz führender ODS-Politiker zu wichtigen Unternehmern, die
unter dem Verdacht stehen auf diese Weise an öffentliche Aufträge zu
gelangen, Kürzungen im öffentlichen Personen- und Nahverkehr zu Gunsten
des teueren und zahlreiche technische Mängel aufweisenden Tunnelprojekts
„Blanka“ - das sind nur die wichtigsten Punkte, die auch die ganze
Stadt in Verruf gebracht haben.
Zdeněk Tůma (Foto: Luděk Kovář, www.wikimedia.org)
Schon bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus von Ende Mai dieses Jahres
bekamen die Bürgerdemokraten einen Denkzettel verpasst, als sie erstmals
in der Geschichte in der Stadt nur Platz zwei belegten. Den Sieg trug die
neue Partei TOP 09 von Außenminister Karel Schwarzenberg davon. Und eben
diese Partei nominierte vergangene Woche mit dem früheren Gouverneur der
Tschechischen Nationalbank, Zdeněk Tůma, ihren Spitzenkandidaten für die
Kommunalwahlen. Die ODS, der diese Herausforderung wohl in erster Linie
gilt, muss jetzt versuchen ein ähnlich starkes Kaliber zu präsentieren.
Nur so würde sie in der öffentlichen Debatte wieder positive
Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Josef Tošovský
Tůma genießt, wie auch sein Vorgänger an der Spitze der Notenbank,
Josef Tošovský, großes Ansehen. Als erfahrener Banker und
Wirtschaftsfachmann wird er von der TOP 09 als genau der richtige Anwärter
auf das Oberbürgermeisteramt präsentiert. Er soll der in die Schlagzeilen
geratenen Prager Stadtverwaltung wieder zu neuem Ansehen verhelfen.
Wie stehen Tůmas Chancen auf einen Wahlsieg und darauf, im Herbst neuer Oberbürgermeister der tschechischen Hauptstadt zu werden? Dazu der Politologe Ladislav Mrklas von der privaten Hochschule CEVRO gegenüber dem Tschechischen Rundfunk.
Ladislav Mrklas
„Ich denke, dass die Chancen relativ gut stehen – nicht zuletzt auch
deshalb, weil die TOP 09 ein ausgezeichnetes Ergebnis in Prag erzielen
konnte. Angesichts der Schwierigkeiten der Prager ODS lässt sich annehmen,
dass diese neue Partei auch bei den Kommunalwahlen im Herbst entweder einen
Sieg oder zumindest ein sehr gutes Ergebnis erreichen kann. Das bedeutet
allerdings nicht zwangsläufig, dass sie dann auch den künftigen
Bürgermeister stellt. Es sieht so aus, dass im neuen Prager Stadtparlament
mindestens vier politischen Gruppierungen Sitze erhalten werden, und die
erforderlichen Koalitionsgespräche können so oder so ausfallen.“
Der Erfolg der Partei TOP 09 in der tschechischen Hauptstadt bei den Parlamentswahlen ging vor allem auf das Konto des Prager Spitzenkandidaten Karel Schwarzenberg. Er allein erhielt mehr als 40.000 so genannte Vorzugsstimmen. Mit der Popularität Schwarzenbergs kann es der Bürgermeister-Kandidat Tůma wohl nicht aufnehmen. Das müsse aber seine Chancen nicht unbedingt schmälern, glaubt der Politologe Mrklas:
Jan Fischer
„Die gegenwärtige Stimmung in der tschechischen Gesellschaft ist neuen
Köpfen in der Politik gegenüber sehr geneigt. Auch wenn Zdeněk Tůma
lange Jahre eine öffentlich wahrgenommene Persönlichkeit war, ist er in
der Parteipolitik ein Neuling. Aus diesem Grund kann ihm die jetzige
gesellschaftliche Stimmung entgegen kommen.“
Die Suche nach einem geeigneten Spitzenkandidaten für die Kommunalwahlen von Seiten der TOP 09 und die Nominierung Zdeněk Tůmas ließ Erinnerungen wach werden an die Zeit, als im Frühjahr vergangenen Jahres fieberhaft nach einem Premier für die Übergangsregierung Ausschau gehalten wurde. Damals fiel die Wahl auf den Chef des Statistikamtes, Jan Fischer.
Daniel Kaiser (Foto: Alžběta Švarcová, www.rozhlas.cz)
Dieser zuvor weitgehend unbekannte Beamte konnte in den folgenden Monaten
atemberaubende Popularitätswerte verbuchen. Auf der anderen Seite wurde er
aber mit der Zeit auch immer stärker kritisiert, dass er allzu vorsichtig
agiere, oder dass er in gewissen Angelegenheiten allzu stark dem Einfluss
von Lobbyisten unterlegen sei.
Kann einem möglichen Oberbürgermeister Zdeněk Tůma nicht etwas Ähnliches widerfahren? Schließlich ist auch der frühere Gouverneur der Nationalbank ein politisch unbeschriebenes Blatt. Ist also Tůma nicht vielleicht der zweite Fischer? Dazu Daniel Kaiser, Kommentator der Tageszeitung Lidové noviny:
„Das ist gerade die Frage, weil das Fischer-Modell objektiv gesehen
nicht besonders funktioniert hat. Bei manchen Dingen hatte Premier Fischer
entweder keinen Mut oder er traute sich einfach nicht, sich zu Wehr zu
setzen - zum Beispiel im Parlament oder gegenüber den Gewerkschaften. Die
Öffentlichkeit hat dies allerdings nicht gesehen, und der Premier war
ziemlich populär. Die gewöhnlichen Menschen sahen in Fischer einen
Fachmann und dasselbe erhofft sich die TOP 09 höchstwahrscheinlich auch
von Zdeněk Tůma, der als Banker nicht gerade eloquent ist, aber
offensichtlich traut sich die Führung von TOP 09 ihn besser zu
verkaufen.“
Unterdessen haben die Prager Bürgerdemokraten in den letzten Wochen
versucht ihre Macht in Prag abzusichern. Mit ihrer absoluten
Mandatsmehrheit im Stadtparlament änderte die ODS noch schnell die
Wahlordnung, um ihre Chance auf ein besseres Ergebnis, als vorausgesagt, zu
erhöhen. Während bis zu dieser Änderung die ganze Stadt ein einziger
Wahlkreis war, soll Prag nun in sieben Wahlkreise aufgeteilt werden. Dies
dürfte vor allem für kleine Parteien, die nicht flächendeckend auf dem
gesamten Gebiet der Metropole vertreten sind, zu Schwierigkeiten führen,
überhaupt ins neue Stadtparlament zu gelangen. Kein Wunder also, dass eine
breite Koalition kleinerer Parteien, unter anderem die Grünen, der
liberale Verband unabhängiger Kandidaten oder die Christdemokraten, gegen
das neue Prager Wahlgesetz eine Beschwerde beim Verwaltungsgericht
eingereicht haben.
Zdeněk Tůma (Foto: www.euroskop.cz)
Könnte die Neustrukturierung der Prager Wahlkreise wirklich
wahlentscheidend sein? Daniel Kaiser:
„Ja, das kann wirklich die Wahlen entscheiden, weil die ODS hier ein höchst gefährliches Spiel angefangen hat. Es sieht so aus, als ob sich die Generäle der ODS auf die Schlachten von gestern vorbereitet hätten und nicht gemerkt haben, dass die Zeit gekommen ist, wo nicht jeder von der Partei nominierte Spitzenkandidat automatisch siegt. Es könnte eventuell auch so kommen, dass ausgerechnet die TOP 09 mit Zdeněk Tůma dann alle diese sieben Wahlkreise für sich gewinnt und die ODS mit leeren Händen dasteht.“







