Symbol der Öffnung statt „Grenzbau“ – Schirnding stellt sich der Pegida entgegen

Foto: Annette Kraus

Ausgerechnet Schirnding. Diesen Ort, der für die europäische Einigung steht, hatte sich Pegida am vergangenen Wochenende ausgesucht. Gemeinsam mit tschechischen Islamgegnern wollten sie am ehemaligen Eisernen Vorhang Stimmung gegen Flüchtlinge machen. Viel mehr Zulauf hatten aber am Ende die Gegendemonstranten – 1.500 Personen versammelten sich unter dem Motto „Für offene Grenzen“.

Foto: Annette Kraus
Die Kirchenglocken läuten. Nichts Ungewöhnliches an einem Sonntag in Schirnding. Davon abgesehen ist wohl eher gar nichts normal. Der Marktplatz des 1.200-Seelen-Ortes ist voll. Menschen halten Luftballons und Schilder mit Aufschriften wie „Wir sind bunt“. Auslöser für die Zusammenkunft ist eine andere Demonstration, die zeitgleich und von der Polizei streng abgeschottet am Ortsrand von Schirnding über die Bühne geht. Bürgermeisterin des Ortes ist Karin Fleischer von der SPD:

„Wir haben vor etwa drei Wochen eine Anmeldung für eine Versammlung im Freien bekommen. Weil sie im Freien stattfinden sollte, haben wir sie ans Landratsamt weitergeleitet. Dann kam der Stein ins Rollen. Wir haben dann erst erfahren, welche Leute das sind, die sich angemeldet haben.“

Gegner der sogenannten „Islamisierung“  (Foto: Annette Kraus)
„Wir helfen beim Grenzbau“ heißt die Aktion, die alles ausgelöst hat. Organisiert hat sie Michael Viehmann vom Pegida Ableger Kagida aus Kassel. Die Gegner der sogenannten „Islamisierung“ wollen eine Menschenkette bilden – direkt auf dem einstigen Grenzstreifen. Warum sich Pegida dafür Schirnding ausgesucht hat – an der Grenze zu Tschechien, über die heute fast gar keine Flüchtlinge nach Deutschland kommen? Das fragt sich Jörg Nürnberger, SPD-Politiker aus der Region:

„Das erschließt sich uns überhaupt nicht. Uns gelten diese Grenze und insbesondere der Grenzübergang in Schirnding als Symbol der Öffnung. Hier war im Oktober 1989 der erste Punkt am Eisernen Vorhang, wo Leute aus der DDR direkt nach Westdeutschland ausreisen konnten. Dass Menschen aus der gleichen Region, aus der damals andere geflüchtet sind, nun diese Grenze wieder zumachen wollen, ist ein Anachronismus. Falscher Ort, falsche Zeit, und falsche Ideologie.“

Jörg Nürnberger  (Foto: Annette Kraus)
Nürnberger hat sich mit der Gemeinde zusammengetan. Gemeinsam haben sie diese Gegenveranstaltung organisiert. Das Motto heißt „Für offene Grenzen - Grenzenlos glücklich“. Dass die Einwanderungsgegner ausgerechnet an der Grenze zu Tschechien auflaufen, um für die Abschottung Europas zu werben, das ist für Nürnberger fast eine persönliche Beleidigung:

„Für uns im Grenzland ist es ganz selbstverständlich, dass diese Grenze jetzt offen ist. Wir möchten uns von niemandem von außen vorschreiben lassen, dass diese Grenze wieder geschlossen werden soll. Sie sehen an der Beteiligung bei dieser Demonstration – die Leute in der Region stehen hinter uns. Wir leben diese offene Grenze. Wir haben 25 Jahre dafür gekämpft, die Zusammenarbeit mit Tschechien auf die Füße zu stellen. Wir wollen uns das nicht wieder nehmen lassen.“

Karel Schwarzenberg  (Foto: Annette Kraus)
Nürnberger hat darum nicht nur auf deutscher Seite Unterstützer aus allen Parteien zusammengetrommelt. Als Stargast aus Tschechien ist Fürst Karel Schwarzenberg angereist. Mit Pfeife im Mund unterhält sich der Präsidentschaftskandidat von 2013 vor seinem Auftritt als Redner mit Demonstranten und örtlichen Politikern. Warum ist er nach Schirnding gekommen?

„Weil ich finde, wir sind alle Europäer, alle in der Europäischen Union und infolgedessen müssen diejenigen, die für Menschenrechte, für Freiheit und Demokratie eintreten, zusammenstehen. Unabhängig vom Ort.“



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Auch in Tschechien tritt der Ex-Außenminister gegen den weitverbreitete Ängste und anti-islamische Stimmungsmache ein. Laut einer Umfrage aus der vergangenen Woche befürchten 80 Prozent der Bevölkerung die Verbreitung des Islam in Tschechien. Das Rezept von Schwarzenberg:

„Klar sein – das ist der Vorteil mancher deutscher Politiker. Einfach die Wahrheit sagen, gegen die Demagogie und Verbreitung der Furcht. Das Ärgste ist, dass sich hüben wie drüben, bei uns stärker, manche Politiker zu profilieren glauben, wenn sie die Furcht verbreiten. Ich kann Ihnen nur eines sagen, und ich bin schon ein älteres Semester: Furcht ist stets der ärgste Ratgeber. Wir müssen einfach die Leute überzeugen, dass sie keine Angst haben müssen.“

Matěj Žaloudek und Jan Trnka  (Foto: Annette Kraus)
Neben Schwarzenberg sind auch jüngere Semester aus Tschechien gekommen.

„Mein Name ist Matěj Žaloudek, ich bin von den Grünen. Es ist eine Schande, dass heute nur wenige Tschechen hier sein werden. Als wir das festgestellt haben, sagten wir uns, wenn wenigstens wir drei kommen, ist das besser als nichts.“

Jan Trnka gehört zu den dreien, und steht wie Schwarzenberg in Schirnding als Redner auf dem Programm:

„Diese Idee von Pegida, die Grenze wegen der Flüchtlinge zu schließen, das ist für uns völliger Unsinn. Europa ist aufgebaut auf offenen Grenzen. Eine Menge von uns kann sich noch erinnern, wie das hier aussah, als die Grenzen geschlossen waren. Die Flüchtlinge, die jetzt in Europa sind, die sind natürlich real. Aber die Angst, die geschaffen wird ist imaginär, und sie führt dazu, dass die Menschen wieder in die alten Zeiten zurückkehren wollen. Das finden wir schrecklich, und darum sind wir heute hier her gekommen.“

Kundgebung gegen die Pegida  (Foto: Annette Kraus)
Um zwei Uhr nachmittags bei Sonnenschein beginnt am Marktplatz von Schirnding die Kundgebung gegen die Pegida. Zur Besonnenheit mahnt dabei als einer der Hauptredner Karel Schwarzenberg, der sich auf Deutsch an die Demonstranten wendet.

„Es wurde mit Recht darauf hingewiesen, dass der wesentliche Grund aller Leute, die Pegida oder einer ähnlichen Organisation nachlaufen, die Angst ist. Und deswegen bin ich der Ansicht, dass wir uns mit deren Anhängern etwas mehr beschäftigen müssen. Um nämlich die Angst zu zerstreuen. Es hilft wenig, wenn wir sie nur aburteilen. Abgeurteilt gehören die Politiker, die daraus einen Nutzen ziehen, die die Hetze betreiben, die Angst verbreiten.“

Marek Černoch  (Foto: Filip Jandourek,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
In Schirnding sind es schließlich knapp 300 Pegida-Anhänger, die an diesem Tag am Ortsrand zusammenkommen. Wesentlich weniger als erwartet - obwohl mit Chef Lutz Bachmann und Rednern wie Götz Kubitschek und Jürgen Elsässer Prominenz aufgefahren wird. Es sind am Ende die bekannten Pegida-Sprüche, die mit ein paar rhetorischen Verrenkungen auf grenzübergreifend getrimmt werden. Aus Tschechien sind aber nur ein paar Dutzend nach Schirnding gekommen, obwohl der tschechische „Block gegen den Islam“ sogar einen Bus aus Prag organisiert hat. Redner Marek Černoch von der rechtspopulistischen Úsvit-Partei wird als Gast aus der „Tschechoslowakei“ angekündigt. Als zum Abschluss der Kundgebung noch die Nationalhymnen gespielt werden, muss Černoch die tschechische Hymne selbst singen – die Organisatoren haben die Tonaufnahme vergessen. Und aus der angekündigten Menschenkette wird schließlich nur ein löchriges Band.

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Zur Gegendemo „Grenzenlos glücklich“ sind mit 1.500 Demonstranten dagegen mehr Leute nach Schirnding gekommen, als der Ort Einwohner hat. Als am Abend wieder Ruhe in Schirnding einkehrt, ziehen die Organisatoren Bilanz. Bürgermeisterin Karin Schreier:

„Es waren sehr viele vom Ort da, aber es war schon fast unüberschaubar. Sehr viele Bürgermeisterkollegen, politische und kirchliche Vertreter. Es war ganz toll.“

Jörg Nürnberger:

„Ich bin überwältigt. Es ist, als würde ein kleiner Fußballverein in einem Pokalspiel gegen einen übermächtigen Gegner antreten, und der kleine Verein gewinnt dann 4:1. Das Signal: Die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter unserer Idee von offenen Grenzen.“