Städtepartnerschaft mit besonderer Note

Chöre und Orchester aus Jablonec und Zwickau haben gemeinsam das Oratorium „Jan Hus“ von Carl Loewe aufgeführt.

Zwickauer Konzert- und Ballhaus Neue Welt (Foto: Maria Hammerich-Maier)Zwickauer Konzert- und Ballhaus Neue Welt (Foto: Maria Hammerich-Maier) Einen glanzvollen Höhepunkt hat die Städtepartnerschaft zwischen Jablonec nad Nisou / Gablonz an der Neiße und Zwickau erlebt. Gemeinsam wurde das Oratorium „Jan Hus“ von Carl Loewe nach einem Libretto von Johann August Zeune aufgeführt. Anlass für das musikalische Großereignis waren der 900. Stadtgeburtstag von Zwickau und der 100. Gründungstag der früheren Tschechoslowakei.

Carl Loewe war ein Zeitgenosse Robert Schumanns, des berühmtesten Sohnes der Stadt Zwickau. Die Premiere dieser jüngsten Einstudierung von Loewes Oratorium für Soli, Chor und Orchester „Jan Hus“ (Anm. d. Red.: der ursprüngliche Titel lautet „Johann Huss“) fand am 26. Mai im Zwickauer Konzert- und Ballhaus Neue Welt statt.

Fast 200 Sänger und Orchesterspieler musizierten auf der Bühne. Die Solisten kamen aus Deutschland, Tschechien, Belgien und Großbritannien. Es sind Dana Zahrádková, Nathalie Senf, Falk Hoffmann, Martin Häßler und Bravo Orroi. Tragende Säule des Projektes war die langjährige Partnerschaft zwischen der Chorvereinigung Sachsenring Zwickau und dem Janáček-Chor aus Jablonec nad Nisou. Beide Chöre entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg und sind über ihre Landesgrenzen hinaus bekannt.

Reinhold Stiebert, Olga Fröhlichová und Simon Fröhlich (Foto: Maria Hammerich-Maier)Reinhold Stiebert, Olga Fröhlichová und Simon Fröhlich (Foto: Maria Hammerich-Maier) „Dieses Projekt haben wir ganz bewusst gemeinsam mit dem Janáček-Chor aus Jablonec durchgeführt, weil natürlich das Thema Jan Hus sowohl für die Stadt Zwickau als Reformationsstadt als auch im Hinblick auf den böhmischen Nationalhelden Jan Hus von besonderer Bedeutung ist“, so Reinhold Stiebert, Vorsitzender der Chorvereinigung Sachsenring Zwickau. Schüler der Pestalozzi-Oberschule Zwickau verstärkten die Chöre, begleitet wurden die Sänger vom Philharmonischen Orchester Plauen-Zwickau.

Carl Loewe und Johann August Zeune beschreiben in ihrem Werk die Reise des böhmischen Reformators von Prag zum Konzil in Konstanz, wo ihn der Feuertod erwartet. Der erste Teil des Oratoriums spielt in Prag, der zweite Teil zeichnet die Reise nach Konstanz nach. Im dritten Teil verteidigt sich Hus in Konstanz gegen die Klagepunkte des Konzils. Doch das Urteil zum Feuertod steht fest. Hus geht seinen letzten Gang zum Scheiterhaufen. Das Oratorium endet mit dem Chor der Flammengeister: „Ungetrübt rein leuchtet der Menschheit ewig sein Schein“.

Emotionale Aufführung

Falk Hoffmann und Dana Zahrádková (Foto: Maria Hammerich-Maier)Falk Hoffmann und Dana Zahrádková (Foto: Maria Hammerich-Maier) Bei den Konzertbesuchern kam die groß angelegte Vorstellung ausgesprochen gut an, wie dieser Mann gegenüber Radio Prag sagte:

„Es war ein großes Werk, sehr emotional, und es hat bestimmt viel Mühe und Arbeit gemacht für die Chöre. Es war schön.“

Andere Besucher fanden übereinstimmend, dass solch eine musikalische Kooperation öfters zustande kommen sollte. Für die Solisten war die Einstudierung eine besondere Herausforderung, weil das Oratorium selten aufgeführt wird. Der Tenor Falk Hoffmann aus Leipzig, der Jan Hus gesungen hat, betonte:

„Carl Loewe kannte ich bisher nur als einen Komponisten von Balladen. Und wenn man eine Hauptpartie verkörpern kann, ist das immer eine spannende und kribbelige Angelegenheit, man möchte sie natürlich so ausfüllen, dass die Zuhörer davon möglichst viel mitnehmen können.“

Gemeinsame Chorprobe im Vogtland (Foto: Michael Buschmann)Gemeinsame Chorprobe im Vogtland (Foto: Michael Buschmann) Die Sopranistin Dana Zahrádková aus Jablonec führte gleich zwei Partien aus –Sophia, die Gemahlin König Wenzels von Böhmen, und Barbara, die Gemahlin Kaiser Siegmunds:

„Ich würde sagen, dass das ein wundervolles Werk ist, und zwar sowohl der Text als auch die Musik. Mir steht dieses Werk sehr nahe, weil ich Protestantin bin. Es weckt bei mir nur die schönsten Gefühle.“

Die zwei Partnerstädte haben mehr als nur ihre zwei renommierten Chöre gemeinsam. Beide Städte sind bedeutende Wirtschaftsstandorte: Zwickau ist Automobilstadt, in Jablonec dominieren Bijouterie und Glas. Auch der Sport und die Musikpädagogik haben eine starke Tradition. Die freundschaftlichen Beziehungen seien schon lange gereift, betont die Zwickauer Oberbürgermeisterin Pia Findeiß:

Pia Findeiß (Foto: André Karwath, CC BY-SA 2.5)Pia Findeiß (Foto: André Karwath, CC BY-SA 2.5) „Die Partnerschaft existiert schon seit Jahrzehnten. Sie lebt von der Freundschaft, den Kontakten zwischen den Menschen, so wie wir es heute auch erlebt haben, dass zwei Chöre sich zusammengetan und ein wunderbares Werk für uns aufgeführt haben. Diese Verbindung setzt sich im Sport, bei den Musikschulen und anderen Chören fort, das ist schon über Jahrzehnte eine gelebte Partnerschaft.“

Gegen die Beliebigkeit

Oberbürgermeisterin Findeiß findet, dass die Gestalt des Jan Hus auch heute noch aktuell sei. Hus wird als Persönlichkeit dargestellt, die nicht voller Ressentiments gegen einen Feind, sondern aufrichtig für eine Idee kämpft.

Partnerchöre (Foto: Tommy Konrad)Partnerchöre (Foto: Tommy Konrad) „Diese Haltung kann uns durchaus inspirieren. Denn was ich heute erlebe, ist oftmals auch Beliebigkeit. Ich suche mir das aus, was am Einfachsten ist, was für mich am Wichtigsten ist, und denke zu wenig daran, wie es den Menschen neben mir geht“, so die Politikerin.

Im Oktober wird das Oratorium in Jablonec aufgeführt, und zwar ebenfalls in der Originalsprache Deutsch. Dabei blickt das nordböhmische Jablonec auf die schwierige Geschichte einer Stadt in den früheren Sudetengebieten zurück. Olga Fröhlichová, die Leiterin des Janáček-Chores, wird die Aufführung dirigieren. Wie kommen die tschechischen Sängerinnen und Sänger mit diesem Projekt zurecht?

Premiere im Konzerthaus Neue Welt (Foto: Tommy Konrad)Premiere im Konzerthaus Neue Welt (Foto: Tommy Konrad) „Ich denke, diese historischen Zusammenhänge spielen aktuell keine Rolle mehr. Wir haben die einzelnen Teile des Oratoriums so einstudiert, dass wir wussten, wovon wir singen, und das in einem entsprechenden Geist interpretiert. Unsere Dolmetscherin hat uns dabei beraten, und die gemeinsamen Proben mit dem deutschen Chor haben uns sehr geholfen“, so Chorleiterin Fröhlichová.

 

In Jablonec nad Nisou wird das Oratorium „Jan Hus“ von Carl Loewe am 6. Oktober im Städtischen Theater aufgeführt.