„Nicht nur die üblichen Verdächtigen“

Die bayerisch-tschechischen Beziehungen sind breit gefächert. Dies sagt Kristina Larischová, die tschechische Generalkonsulin in München im Gespräch für Radio Prag. Das Interview entstand während der Marienbader Gespräche, die am Wochenende stattfanden.

Kristina Larischová (Foto: Archiv von Kristina Larischová)Kristina Larischová (Foto: Archiv von Kristina Larischová) Wir erleben in den letzten Jahren eine fast glänzende Zeit in den tschechisch-bayerischen Beziehungen. Was war der Grund dafür, dass sich die Beziehungen dermaßen verbessert haben?

„Vom heutigen Zeitpunkt betrachtet ist es eine längere Geschichte. Wir haben diese neue Qualität der bilateralen Beziehungen dank dem guten Willen auf beiden Seiten erreicht. Eine besondere Rolle würde ich hier dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer zuschreiben. Auch auf der tschechischen Seite gab es viel Mut in der Person des ehemaligen Ministerpräsidenten Petr Nečas, der im bayerischen Landtag mit einer Rede aufgetreten ist, die sehr gut aufgenommen wurde. Danach hat sich Schritt für Schritt mittels konkreter Projekte und beiderseitigen Initiativen die Atmosphäre auf der politischen Ebene deutlich verbessert. Es geht auch darum, dass die Sudetendeutschen als sozusagen der vierte Stamm Bayerns einen Teil der Arbeit geleistet haben.“

Wie tragen die kleineren Initiativen auf kommunaler und regionaler Ebene zur Verbesserung bei?

„Das ist eine wichtige Frage. Wenn wir über die Verbesserung der bilateralen Beziehungen zwischen Tschechien und Bayern reden, meinen wir sehr oft die höchste politische Ebene. Allerdings waren, wie so oft in den deutsch-tschechischen Beziehungen, die Öffentlichkeit und der bürgerliche Sektor einen Schritt voraus. Das normale nachbarschaftliche Verhältnis mit den Initiativen von unten, den Gemeindepartnerschaften und den Partnerschaften zwischen den Landkreisen funktionierte schon relativ gut. Man kann heute mit einer gewissen Genugtuung sagen, dass wir Beziehungen haben, die auf einer Basis von sehr breit gefächerten zwischenbürgerlichen Initiativen beruhen. Das ist sehr positiv.“

„Auf diesem Gebiet war, wie so oft auch bei den deutsch-tschechischen Beziehungen, die Öffentlichkeit und der bürgerliche Sektor ein Schritt voraus.“

Bei vielen dieser Begegnungen trifft man oft dieselben Leute, die die Initiatoren sind. Gelingt es auch, breitere Menschengruppen anzusprechen?

„Wie Sie wahrscheinlich wissen, bin ich selbst seit vielen Jahren ehrenamtlich aktiv im Verwaltungsrat des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Ich würde diese Institution sehr gerne hervorheben. Auf dem Gebiet der deutsch-tschechischen Verständigung hat der Fonds innerhalb der zwei letzten Dekaden wahnsinnig viel geleistet. Im Rahmen dieser Arbeit waren wir uns dessen bewusst, dass sozusagen die ,üblichen Verdächtigen‘ immer wieder zusammenkommen. Das sind diejenigen, die konkrete Projekte und neue Ideen entwickeln. Um eine breitere Basis für die Beziehungen zu gewinnen, muss man neue Leute und neue Kreise der Bevölkerung ansprechen. Deswegen haben wir immer großen Wert darauf gelegt, dass man die Quote der sogenannten Erstantragsteller im Auge behält. Dass nicht nur die Gemeinden auf beiden Seiten der bayerisch-tschechischen Grenze miteinander Freundschaft pflegen, sondern sich zum Beispiel auch jemand aus Zlín mit jemandem aus Hamburg trifft. Das war meiner Meinung nach relativ erfolgreich. Der Fonds hat jedes Jahr rund zehn Prozent Erstantragssteller verzeichnet. Das halte ich für einen Erfolg.“

Könnten die guten bayerisch-tschechischen Beziehungen vielleicht auch die Beziehung der Tschechen zur Europäischen Union positiv beeinflussen? Die Meinung über Brüssel ist ja nicht die beste…

„Ganz eindeutig zeigt sich, dass die direkte Nachbarschaft innerhalb der Europäischen Union eine ganz wichtige Rolle spielt. Vielleicht spielt sie sogar eine viel wichtigere Rolle, als wir früher gedacht haben. Man denkt bei der EU an Brüssel. Aber Europa findet nicht in Brüssel statt. Dort werden die Richtlinien beschlossen, aber Europa ist dort, wo sich Leute über die Grenze hinweg treffen. Daran sieht man die Bedeutung dieses bilateralen Verhältnisses. Wir haben auch anhand einer deutsch-tschechischen Umfrage, die anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Unterzeichnung der Deutsch-Tschechischen Erklärung in Auftrag gegeben wurde, genau ablesen können, wie wichtig die guten nachbarschaftlichen Beziehungen zu Deutschland für die Tschechen in Bezug auf die positivere Einstellung zur Mitgliedschaft in der EU ist.“

„Europa findet dort statt, wo sich Leute über die Grenze hinweg treffen.“

Sie haben in ihrem Vortrag auch eine interessante Frage zu den Sprachkenntnissen auf bayerischer Seite angesprochen. Vielleicht ist irgendwann ein Abitur auf Tschechisch möglich, das vergleichbar zu einer anderen Fremdsprache ist. Wie weit ist dieses Vorhaben?

„Im Prinzip erforschen wir gerade, wo es schon positive Beispiele dazu gibt. Wir wissen, dass an bayerischen Gymnasien das Interesse besteht, Tschechisch als zweite Fremdsprache neben dem Pflichtfach Englisch zuzulassen. Darauf wollen wir hinarbeiten. Wir hoffen, dass dies ein Schritt nach vorne sein könnte, wenn das entsprechende Ministerium zustimmt.“

Foto: Gerd Altmann, Pixabay / CC0Foto: Gerd Altmann, Pixabay / CC0 Auf tschechischer Seite wird manchmal auch geklagt, dass das Interesse für die deutsche Sprache doch nicht so groß ist, wie man sich das wünschen würde. Wie lässt sich dieses Interesse auf staatlicher Ebene unterstützen?

„Man hat einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht, indem man vor ein paar Jahren im tschechischen Bildungsministerium entschied, sich nicht mit einer Fremdsprache zufriedenzustellen. Jetzt gibt es auch die Pflicht, eine zweite Sprache hinzuzunehmen. Wir haben auch ganz dezidierte Unterstützung durch Institutionen wie dem Goethe-Institut, dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und der deutschen Botschaft, die sich mit ihrer Kampagne ,Šprechtíme‘ für die Förderung der deutschen Sprache einsetzen. ,Deutsch ist einfach‘ – das würde ich gerne noch einmal unterstreichen. Der Ruf des Deutschen als schwerer Sprache ist ein Klischee, das man entschieden bekämpfen muss.“