Schauplatz Koalition der Konflikte: Regierung streitet weiter wegen Vondra
Dass in Regierungen, die aus mehreren Parteien bestehen, oft gestritten wird, gehört zum politischen Alltag. Dass aber amtierende Minister von Vertretern des Regierungslagers öffentlich zum Rücktritt aufgefordert werden, kommt selten vor. So vergangene Woche in Tschechien geschehen. Damit wurde gleichzeitig ein neues Kapitel in der Causa Promopro eröffnet, in die Verteidigungsminister Alexandr Vondra verwickelt ist.
Petr Gazdík, Kristýna Kočí und Petr Tluchoř (Foto: ČTK)
Was als Reformbündnis begann, entwickelt sich immer stärker zu einem
Konfliktbündnis. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die drei tschechischen
Regierungsparteien nicht in aller Öffentlichkeit ihre Konflikte austragen.
Der parlamentarischen Opposition fällt dabei nur eine Statistenrolle zu.
Wie gestern am Sonntag in der Diskussionsrunde im öffentlich-rechtlichen
Tschechischen Fernsehen. Dort saßen zwar die Fraktionschefs der
rechtsliberalen Bürgerdemokraten (ODS), Petr Tluchoř, und der
liberal-konservativen Partei TOP 09, Petr Gazdík, nebeneinander, doch den
Eindruck, dass sie im gleichen Team sitzen, hatten die Zuschauer nicht
gerade.
Alexandr Vondra
Jüngster Stein des Anstoßes war eine Eskalation rund um die Causa
Promopro, in die der jetzige Verteidigungsminister Alexandr Vondra
verwickelt ist. Vondra soll als damaliger Vizepremier für Europafragen
dafür verantwortlich gewesen sein, dass während des tschechischen
EU-Vorsitzes ein überteuerter Auftrag für Beschallungstechnik und
Konferenzdienste ohne Ausschreibung an die Firma Promopro vergeben wurden.
Seit Wochen bestreitet der Verteidigungsminister etwas davon gewusst zu
haben und erklärt, er hätte keinen entsprechenden Auftrag unterschrieben.
Miroslav Kalousek
Vergangene Woche nahm Vondra dazu im Parlament Stellung, doch seinen
Regierungspartnern platzten daraufhin die Kragen. TOP-09-Fraktionschef Petr
Gazdík forderte Vondra vor allen Abgeordneten zum Rücktritt auf. Sein
Parteikollege, Finanzminister Miroslav Kalousek, legte später noch einmal
nach. Premier Petr Nečas, der gerade beim EU-Gipfel in Brüssel weilte,
richtete Kalousek danach aus, er möge sich doch um seine eigenen
Angelegenheiten kümmern.
Petr Tluchoř
Auch wenn sich während des vergangenen Wochenendes die Gemüter zu
beruhigen schienen, war die Anspannung im Regierungslager am Sonntag auch
im Fernsehen zu spüren. So wandte sich der ODS-Fraktionsvorsitzende
Tluchoř fast flehendlich an den neben ihm sitzenden Petr Gazdík:
„Ich möchte unseren Koalitionspartner bitten, dass er seine Angriffe auf uns einstellt. Wir sind die Hauptkraft dieser Regierung, und ich würde es begrüßen, wenn uns und unserem Regierungschef, der eine große Verantwortung für das Land trägt, der nötige Respekt entgegen gebracht würde.“
Dem entgegnete TOP-09-Fraktionschef Gazdík:
Petr Gazdík
„Wir wollen nicht die Regierung zu Fall bringen, aber wir können nicht
jemandem vertrauen, der uns am Mittwochabend bei einem Treffen der
Koalition etwas verspricht, dann aber etwas völlig anderes macht. Wir
unterstützen weiterhin diese Koalition, haben allerdings kein Vertrauen in
Alexandr Vondra.“
Für die Opposition ist der anhaltende Streit im Regierungsbündnis natürlich eine Steilvorlage. In den Umfragen profitiert sie schon seit langem von den Konflikten im Regierungslager. Die Kommunisten sammeln im Parlament bereits eifrig Unterschriften, um eine Sondersitzung mit anschließender Vertrauensabstimmung abzuhalten. Sie bräuchten dafür allerdings noch die Unterstützung der Sozialdemokraten. Die lassen allerdings ihre Strategie noch offen, wollen aber die Kritik der kleinen Koalitionsparteien nutzen:
Petr Nováček
„Wenn auch Vertreter der Koalition Minister Vondra zum Rücktritt
aufgefordert haben, dann werden wir den Druck erhöhen. Ich will nicht
ausschließen, dass wir eine weitere Sondersitzung des Parlaments
einberufen werden, um zu sehen, ob die kleineren Regierungsparteien ihren
Standpunkt nicht geändert haben und ob sie weiterhin eine Meinung
vertreten, die den Sozialdemokraten sehr nahe kommt.“
Die Koalition stolpert also von Krise zu Krise. Wie ernst ist der jüngste Konflikt? Petr Nováček vom Inlandsprogramm des Tschechischen Rundfunks mit einer Einschätzung:
Pavel Blažek
„Das ist ein weiterer Konflikt innerhalb der Regierungskoalition und
zwar ein relativ ernster, den die Regierungsparteien werden lösen müssen.
Andernfalls werden sie nicht die Kraft haben, die geplanten Reformen
anzupacken. Der Verteidigungsminister ist nicht nur ein wichtiges
Regierungsmitglied, sondern auch ein führender Vertreter und Vizechef der
Demokratischen Bürgerpartei. Und man darf nicht vergessen, dass Premier
und ODS-Chef Nečas schon auf zwei seiner Stellvertreter verzichten musste
– auf Pavel Drobil, der als Umweltminister wegen einer Affäre in seinem
Ministerium zurücktreten musste, und auf den etwas weniger bekannten Pavel
Blažek. Würde nun auch Vondra seinen Hut nehmen, wäre das für die
Partei ein heftiger Schlag.“
Petr Nečas (Foto: Archiv des Regierungsamtes der Tschechischen Republik)
Für Premier Nečas ist die Sache umso prekärer, als er im Rahmen seines
Versuchs die Strukturen seiner Partei zu erneuern und ihre alten
Verbindungen zu dubiosen Geschäftsleuten zu kappen, gerade auf Alexander
Vondra gesetzt hat. Es war übrigens Vondra, der kurz vor dem Parteitag der
Bürgerdemokraten, auf dem Petr Nečas zum Vorsitzenden gewählt wurde, ein
parteiinternes Treffen mit so genannten unbelasteten ODS-Politikern
organisierte, um deren Rückhalt für die Wahl von Nečas zu sichern.
Wie wahrscheinlich ist es, dass die gegenwärtige Regierung unter diesen Voraussetzungen die gesamte Legislaturperiode im Amt bleiben wird? Dazu noch einmal Petr Nováček vom Inlandsprogramm des Tschechischen Rundfunks:
Regierungskoalition (Foto: Archiv des Regierungsamtes der Tschechischen Republik)
„Es wird immer schwieriger diese Frage positiv zu beantworten. Es
scheint sogar, dass die beiden kleineren Regierungsparteien - TOP 09 und
die Partei der Öffentlichen Angelegenheiten – sich gegenseitig
aushelfen, wenn es um die Angriffe gegen die ODS geht. Die
Bürgerdemokraten sind nicht mehr die führende Kraft im
Regierungsbündnis, und die beiden kleineren Partner geben das auch
ziemlich deutlich zu erkennen. Man darf nicht vergessen, dass die Parteien
TOP 09 und die Partei der Öffentlichen Angelegenheiten zusammen über mehr
Abgeordnete verfügen als die Bürgerdemokraten. Ein Teil der ODS zeichnet
sich in diesem Zusammenhang schon seit längerem durch paranoide Züge aus:
Er sieht das Vorgehen der Koalitionspartner als Teil einer Verschwörung,
die dazu dienen soll, die Position der Bürgerdemokraten zu untergraben.“





