Schauplatz Ex-Premier Fischer als Präsidentschaftskandidat? „Sag‘ niemals nie!“
14 Monate lang stand er als Übergangspremier an der Spitze der tschechischen Regierung, nach seinem Rückzug aus der Politik im Sommer 2010 wurde er Vizepräsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London. Ende der vergangenen Woche präsentierte Jan Fischer in Prag ein Buch über sein bisheriges Leben und seine Erlebnisse als Premierminister. Aus diesem Anlass stand er auch dem Tschechischen Rundfunk Rede und Antwort.
Jan Fischer (Foto: ČTK)
Länger als ursprünglich geplant, nämlich über ein Jahr lang, stand Jan
Fischer als Premierminister an der Spitze einer Übergangsregierung. Doch
wie lange eigentlich genau? Kann sich der jetzige Vizepräsident der
Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung noch an das Datum
seiner Ernennung zum Regierungschef erinnern?
„Ich denke ja: Ich bin am 8. April 2009 von Staatspräsident Klaus zum Premier ernannt worden – ich, nicht die Regierung. Und das Regierungsamt verlassen habe ich am 13. Juni 2010.“
Nachdem die Regierung Topolánek Ende März 2009 über ein Misstrauensvotum im Abgeordnetenhaus gestürzt war, musste dringend ein neuer Regierungschef her, schließlich stand Tschechien mitten in der EU-Ratspräsidentschaft. Die Wahl fiel auf den Leiter des Tschechischen Statistikamtes, er sollte ein aus parteiunabhängigen Experten gebildetes Übergangskabinett leiten. Eine mehr als heikle Aufgabe. Warum hat Jan Fischer das Angebot eigentlich angenommen?
Ende der vergangenen Woche präsentierte Jan Fischer in Prag ein Buch über sein bisheriges Leben und seine Erlebnisse als Premierminister
„Na, das ist eine gute Frage, die ich mir auch heute noch immer
wieder
stelle. Das Angebot traf mich aus heiterem Himmel und noch dazu in Dublin.
Ich hatte damals ungefähr zwei, drei Stunden, um mich zu entscheiden.
Diese Zeit habe ich mir vorbehalten. Nach einem Gespräch mit meiner Frau
und meinem erwachsenen Sohn habe ich dann zugesagt. Ich wusste, dass das
mein Leben total verändern wird, aber ich habe mir in diesem Moment
gesagt: Du schaffst das.“
Die Arbeit als Regierungschef bedeutet eine große Herausforderung, erst recht, wenn Tschechien als EU-Ratspräsident, dessen Regierung gerade gestürzt worden ist, im Fokus des internationalen Interesses steht. Allerdings macht sich eine derartige Funktion auch gut im persönlichen Lebenslauf und ist mit Sicherheit kein Nachteil für die weitere Karriere. War das für Jan Fischer vielleicht der wichtigste Beweggrund, den Job als tschechischer Übergangspremier anzunehmen?
Mirek Topolánek und Jan Fischer (Foto: www.vlada.cz)
„Klar, das ist eine Herausforderung. An meinen Lebenslauf habe ich
in
diesem Moment aber ganz bestimmt nicht gedacht. Mir war natürlich sofort
bewusst, dass das kein Spaß werden wird. Ich kannte damals schon die
technisch-organisatorischen Abläufe in der Regierung: Als Chef des
Statistikamtes habe ich oft genug an Regierungssitzungen teilgenommen.
Diese technischen Dinge haben mir also nicht so großes Kopfzerbrechen
bereitet, aber was das Politische betrifft, war es natürlich ein großer
Schritt ins Ungewisse.“
Václav Klaus (Foto: www.vlada.cz)
Jan Fischer stand im Frühjahr 2009 vor der schwierigen Aufgabe, das mehr
als angeschlagene Image Tschechiens in der Europäischen Union wenigstens
halbwegs zu retten. Bereits vor dem Beginn der Ratspräsidentschaft musste
sich der damalige Premier Mirek Topolánek unangenehme Fragen stellen
lassen wegen der Weigerung von Präsident Klaus, den EU-Reformvertrag von
Lissabon zu ratifizieren. Bei einem Treffen von Präsident Klaus mit
Vertretern des Europäischen Parlamentes auf der Prager Burg war es kurz
vor Beginn der tschechischen Ratspräsidentschaft deswegen sogar zu einem
Eklat gekommen. Übergangspremier Fischer hatte also genug zu tun, um die
Wogen in Brüssel und den anderen EU-Hauptstädten zu glätten. Hatte der
tschechische Regierungschef beim ersten Treffen mit seinen 26 Amtskollegen
also dringenden Erklärungsbedarf?
Juan Barroso und Jan Fischer (Foto: www.vlada.cz)
„Ich habe die europäischen Regierungschefs ja nicht erst bei einem
EU-Gipfel zum ersten Mal gesehen. Ich habe die wichtigsten Politiker schon
vorab zu bilateralen Gesprächen getroffen: Präsident Sarkozy, Kanzlerin
Merkel, den britischen Premier. Das habe ich Anfang Mai erledigt, gleich
nachdem meine Regierung die Amtsgeschäfte übernommen hat. Damit habe ich
das Terrain vorbereitet, nicht nur für mich selbst, sondern vor allem
für
die tschechische Ratspräsidentschaft. Mit Erfolg, denn der Juni-Gipfel in
Brüssel war dann auch ein gelungener Abschluss und das trotz seiner
heiklen Agenda. Ich habe zuvor natürlich auch mit wichtigen Vertretern
der
EU verhandelt, vor allem mit Kommissionspräsident Barroso. Die
bilateralen
Treffen waren für den erfolgreichen Abschluss der Ratspräsidentschaft
äußerst wichtig. Ich bin dabei sehr freundlich empfangen worden, das hat
mich motiviert. Es war nicht so, wie es viele Medien vorausgesagt haben:
Mit dem wird keiner sprechen, nicht einmal das Telefon werden sie abheben,
wenn diese graue Maus, dieser Statistiker aus Prag anruft.“
Nicolas Sarkozy
Mit beigetragen zum späten Erfolg der tschechischen Ratspräsidentschaft
habe aber auch Mirek Topolánek, der mit seiner Regierung professionelle
Vorbereitungsarbeit geleistet habe, sagte Jan Fischer im Interview mit dem
Tschechischen Rundfunk. Aber auch mit seinem eigenen Regierungsteam und
den
Mitarbeitern im Regierungsamt habe er stets gut zusammengearbeitet,
versichert Jan Fischer:
„Ich habe die Arbeit aller Minister in meinem Kabinett sehr geschätzt. Natürlich gibt es in so einem Team immer Menschen, mit denen die Chemie einfach stimmt, und mit anderen ist das Verhältnis nicht so eng. Aber alle hatten überdurchschnittliche Managerqualitäten und man konnte mit ihnen gut arbeiten. Meine engsten Mitarbeiter habe ich sorgfältig ausgewählt, ich hatte ein kleines Team. Sie haben mich nicht enttäuscht und das waren keine Leute, die zu allem immer nur ‚ja, Herr Premierminister!’ gesagt hätten.“
Martin Bursík
Er sei stets froh über Kritik aus den Reihen seines Teams gewesen und
habe die Warnungen und Vorbehalte seiner Mitarbeiter sehr zu schätzen
gewusst, so Jan Fischer. Dennoch habe es auch Spannungen gegeben:
„Es gab Momente, in denen ich explodiert bin. Ich habe zwar immer versucht, meine Emotionen im Zaum zu halten, aber manchmal ist es mir nicht gelungen. Etwa, als man mir vorgeworfen hat, die nordböhmischen Kohlebarone hätten mich in der Hand und würden mich steuern. Der Grünen-Abgeordnete Martin Bursík hat dann später noch einen draufgesetzt und mich in dieser Angelegenheit der Korruption bezichtigt. Das war richtig hässlich und das hat mich wirklich aufgeregt. Das ist dann auch auf der Pressekonferenz deutlich geworden.“
Jiří Paroubek und Mirek Topolánek
Die Demokratische Bürgerpartei (ODS) und die Sozialdemokraten (ČSSD),
die die Übergansregierung gestützt hatten, und deren Parteichefs
Topolánek und Paroubek hätten wiederum zunächst geglaubt, Fischer als
ihre Marionette einsetzen zu können. Eine derartige Instrumentalisierung
habe er sich aber alsbald verbeten, so Jan Fischer. Trotz allem blicke er
mit Zufriedenheit auf die 14 Monate seines Premierminister-Daseins
zurück.
Einige Annehmlichkeiten des Amtes vermisse er natürlich auch, etwa den
ständigen Service seiner Mitarbeiter oder den Dienstwagen. Allerdings
lebe
es sich als Vizepräsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und
Entwicklung in London auch nicht schlecht, sagte Jan Fischer im Interview
mit dem Tschechischen Rundfunk. Fischer, der es innerhalb weniger Wochen
geschafft hat, zum beliebtesten Politiker Tschechiens zu werden, rechnet
auf jeden Fall mit einer Rückkehr nach Tschechien. Über eine Rückkehr
in
die Politik, vielleicht als Staatspräsident, meint er: „Sag’ niemals
nie“:
„Das ist ein großes Fragezeichen, denn die Präsidentschaftswahlen
sind
erst in zwei Jahren. Und wir wissen nicht, wie wir wählen werden
beziehungsweise ob wir überhaupt wählen oder ob wie bisher die 281
Abgeordneten und Senatoren den Staatspräsidenten wählen. Da ist noch
keine Entscheidung gefallen, danach wird sich aber jeder der Kandidaten
erst entscheiden. Also wird niemand heute sagen können und wollen, ob er
zu den Präsidentschaftswahlen antritt oder nicht.“
Außerdem, so Jan Fischer, habe er in London einen Vierjahres-Vertrag unterzeichnet und werde seine Amtszeit wohl erfüllen.






