Erste Schritte: Kommunen proben die Energiewende

Mehr als 60 tschechische Städte und Gemeinden haben die Koalition für kommunale Nutzung von erneuerbaren Energien gegründet. Ihr Ziel ist es, die Politiker auf nationaler Ebene zu mehr Unterstützung für die Energiewende zu bewegen. Tschechien ist in dem Bereich bisher sehr konservativ.

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Die Zukunft der Energieversorgung sehen die meisten tschechsichen Politiker und Bürger im Atom. Nur bestehende und neue Kernkraftwerke seien in der Lage, den Stromverbrauch langfristig und stabil zu decken, heißt es. Erneuerbare Energien seien hingegen teuer und unzuverlässig.

Doch die Vertreter von immer mehr Kommunen kommen mittlerweile zu einem anderen Schluss: Ein solches Paradigma muss nicht wahr sein. Durch Kontakte zu ihren Partnern im Ausland erkennen sie, wie die Menschen und Firmen vor Ort von einer Energiewende profitieren können. Sie möchten kommunale Projekte zur Nutzung von erneuerbaren Energien ins Leben rufen. Die Bedingungen dafür finden sie jedoch sehr ungünstig. Tomáš Jagoš vom Umweltverein „Hnutí Duha“ hilft den Kommunen bei ihrem Engagement:

Windkraftanlage bei Ostružná (Foto: Martin Vavřík, Public Domain)Windkraftanlage bei Ostružná (Foto: Martin Vavřík, Public Domain) „Die Tschechische Republik ist ein Unikum in Europa, denn sie unterstützt zurzeit keine neu installierten Wind- und Fotovoltaik-Anlagen. Dabei würde nur eine geringe Förderung reichen, um die Errichtung dieser Anlagen rentabel zu machen. Es könnte so ähnlich funktionieren, wie bei älteren Projekten: der Betreiber bekommt für jede produzierte Kilowattstunde, die er ins Netz verkauft, einen so genannten grünen Bonus als Aufschlag zum marktüblichen Strompreis. Während aber dieser Bonus vor etwa 10 Jahren bis zu 20 Kronen (74 Eurocent) ausmachte, könnten es jetzt auch weniger sein. Es reichen umgerechnet ungefähr 10 Eurocent.“

Abkehr von alten Förderprogrammen

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Paradoxerweise wurden erneuerbare Energieträger noch vor wenigen Jahren großzügig unterstützt. Dies führte zum massiven Ausbau vor allem von Fotovoltaik-Anlagen, denn die Investoren sahen darin eine Goldgrube. Es entstanden auf der grünen Wiese große Solarkraftwerke, von denen nur wenige Menschen profitierten. Es ist so zu zahlreichen Skandalen gekommen und die Regierung strich die Förderung für neue Projekte und bereits laufende Anlagen mussten mit weniger Geld auskommen. Nun soll es laut Koalition anders sein: Bei der Fotovoltaik könnten nur Dachanlagen berücksichtigt werden, bei Windkraftanlagen müssten mindestens 30% der Investition örtlichen Anwohnern oder Firmen angeboten werden. Es herrscht nämlich großer Widerstand gegen die Windräder, die angeblich die Landschaft verunstalten. Dieser könnte aber geringer sein, wenn man die Bürger beteiligen würde, meint Tomáš Jagoš:

Windkraftwerk in Pchery (Foto: Miaow Miaow, Public Domain)Windkraftwerk in Pchery (Foto: Miaow Miaow, Public Domain) „Die Gesamtleistung der tschechischen Windkraftanlagen beträgt nun etwa 300 Megawatt, das macht nur 0,7% aller Kraftwerkskapazitäten. Nach einer Studie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften aus dem vergangenen Jahr kann man aus dem Wind hierzulande bis zu 20 Mal mehr bekommen. Die Windenergie kann der Studie zufolge 2030 bis 2500 ständige Arbeitsplätze schaffen. Die Bedingungen dafür seien eine vernünftige Förderung und der Abbau irrationaler Vorurteile, die mit den Windkraftwerken verbunden sind. Einige Kreisverwaltungen haben zum Beispiel bekannt gemacht, dass sie keine neue Turbine genehmigen würden, obwohl die Voraussetzungen auf ihrem Gebiet ideale wären. Auch wenn nur die Hälfte des Potentials genutzt würde, könnte Tschechien von der Windkraft stark profitieren.“

Große Nachfrage nach eigener Energie

Jaroslav Klusák (Foto: YouTube)Jaroslav Klusák (Foto: YouTube) Zum Beispiel Litoměřice / Leitmeritz gehört zu den Städten, die sich in der Koalition stark engagieren. Seit vielen Jahren bietet die Stadt ihren Bürgern eine Förderung von bis zu 40.000 Kronen (etwa 1400 Euro) für den Bau einer Warmwasser-Solaranlage. Jedes Jahr wird 12-15 Anträgen stattgegeben. Die Nachfrage ist viel größer, als der Stadthaushalt ermöglicht. Die Stadt betreibt auch drei eigene Solarkraftwerke und möchte noch weitere errichten. Jaroslav Klusák ist Energiemanager von Litoměřice.

„Die Stadt ist im Besitzt vieler Gebäude, auf deren Dächern sich Solaranlagen platzieren lassen. Unser Plan ist, so viel Energie wie möglich aus eigenen Quellen zu verbrauchen, damit wir das Geld für die Strom- und Wärmerechnungen nicht wegschicken müssen. Was wir auf diese Weise sparen, können wir in die Stadtentwicklung investieren. Bei den beabsichtigen kommunalen Solarkraftwerken wollen wir den Weg der Bürgerbeteiligung gehen, das heißt den Bewohnern und örtlichen Firmen die Anteile anbieten, die ihnen einen entsprechen Ertrag garantieren. Die Stadt ist natürlich auch bereit, einen relevanten Betrag anzulegen. Um die Investition noch attraktiver zu machen, haben wir einen Antrag zur Kofinanzierung in Brüssel eingereicht. Jeder Investor könnte die Anlage auch auf dem eigenen Dach anbringen, dann könnte er durch einen Speicher den Ökostrom direkt verbrauchen.“

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Bei der Verwirklichung des Plans steht den Leitmeritzern vor allem die Unsicherheit im Wege, die die Solarinvestitionen belastet. Die Dachanlagen seien laut Experten bereits auch ohne Förderung rentabel. Man kann aber nie sicher sein, dass der Staat die Bedingungen für die Betreiber der Solaranlagen ändert. Tomáš Jagoš nennt ein Beispiel:

„Anfang 2016 kam die Energie-Regulierungsbehörde mit dem Vorschlag, die Eigentümer von Solaranlagen mit einem speziellen Tarif zu belasten. Kurz gesagt: wer eine solche Anlage betreibt, sollte für den Strom mehr bezahlen, den er aus dem Netz speist. Der Grund: er würde weniger zur Wartung des Stromnetzes beitragen als derjenige, der seinen Strombedarf vollständig aus dem Netz deckt. Dies hätte für die Rentabilität der Anlagen gravierende Folgen. Der Vorschlag wurde nach Kritik auf Eis gelegt. Die Interessenten warten nun aber darauf, dass der Staat klare langfristige Bedingungen festlegt, damit sie ihre Investition zuverlässig berechnen können.“

Kněžice: ein energetisches Musterdorf

Milan Kazda (Foto: YouTube Kanal von Nano Energies)Milan Kazda (Foto: YouTube Kanal von Nano Energies) Dem stimmt auch Milan Kazda zu. Er ist Bürgermeister von Kněžice, einem kleinen Dorf nahe Hradec Králové / Königgrätz. Seit mehreren Jahren gilt es als die erste – zugleich aber auch einzige – energetische „Plusgemeinde“ Tschechiens. Strom und Wärme werden in einer Biogasanlage produziert, die nicht nur die Überschüsse der örtlichen Land- und Forstwirtschaft verarbeitet, sondern auch den Inhalt aller Senkgruben. Dank dessen konnte man in Kněžice auf den Bau einer Kanalisation und Kläranlage verzichten. Darüber hinaus stehen hier zwei Kessel für die Biomasse zur Verfügung, die nur bei erhöhtem Wärmebedarf im Winter oder bei einem Mangel an Futter für die Biogasanlage in Betrieb sind. Die Wärme wird komplett im Dorf verwendet, etwa 95% der örtlichen Haushalte nutzen sie. Der produzierte Strom wird ins Netz verkauft und tilgt die Schulden der Gemeinde.

Kněžice (Foto: Pavel Hrdlička, CC BY-SA 3.0)Kněžice (Foto: Pavel Hrdlička, CC BY-SA 3.0) Die eigene Energiewirtschaft bringt der Kommune klar Profit: die alte verlassene Mühle wurde zum Schulungszentrum umgebaut, im erneuerten ehemaligen Pfarrhaus hat das Gemeindeamt seinen Sitz. Kněžice konnte das marode Gasthaus kaufen und weiterbetreiben. Kein Wunder, dass sich jetzt auch die umliegenden Gemeinden beteiligen wollen. Gemeinsam mit Kněžice haben sie einen Aktionsplan ausgearbeitet, wie sie die CO2-Emissionen bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40% zu reduzieren. Milan Kazda:

„Der örtliche Aktionsplan bringt unsere Gemeinden zusammen und hilft uns, Erfahrungen auszutauschen. Rivalität oder Neid gibt es unter uns nicht. Ganz im Gegenteil: es überrascht mich, wie das alles funktioniert. Aktuell arbeiten wir an den Energiesparmaßnahmen, wie der Wärmedämmung oder dem Austauschen von Fenstern. Das ist heutzutage leider das einzige, was vom Staat gefördert wird. Wir beraten unsere Bewohner, wie sie die Anträge einreichen und wie sie die Förderung am effektivsten nutzen können. Wir sprechen zum Beispiel auch darüber, wie man Schimmel vorbeugen kann in Gebäuden, die gerade wärmegedämmt wurden. Es ist meiner Meinung nach wichtig, solche strategischen Pläne für mehrere Gemeinden zu machen, um ihre Bürgermeister und Bewohner zu motivieren.“

Die Initiative der Dutzende Kommunen, die die Energiewende zugunsten ihrer Bürger umsetzen wollen, könne laut Experten das Eis brechen. „Erneuerbare Energien“ gelten nicht mehr als Schimpfwort, wie noch vor wenigen Jahren. Immer mehr Politiker räumen ein, dass die tschechische Energiepolitik nicht abseits des europäischen Trends stehen kann.