Schauplatz Entlassung von Justizminister Pospíšil wirft viele Fragen auf
Das tschechische Justizsystem gilt schon seit langem als stark reformbedürftig. Neben der langen Dauer Gerichtsverfahren wird auch die fehlende politische Unabhängigkeit der Staatsanwaltschaft bemängelt. In den letzten Jahren hat sich dennoch Einiges zum Besseren geändert, was größtenteils als Verdienst von Justizminister Jiří Pospíšil gewertet werden kann. Doch nun wurde er überraschend entlassen.
Jiří Pospíšil (Foto: ČTK)
Noch nie hat die Entlassung eines Regierungsmitglieds in Tschechien so hohe
Wellen geschlagen, wie die Abberufung von Justizminister Jiří Pospíšil
in der vergangenen Woche. In den Medien überwogen eindeutig negative
Kommentare, die Entscheidung von Premier Petr Nečas wurde scharf
kritisiert. In einigen großen Städten Tschechiens kam es sogar zu
spontanen Unterstützungskundgebungen für Pospíšil. Sie wurden, wie in
solchen Situationen fast schon üblich, über Facebook und Twitter
organisiert.
Petr Nečas (Foto: ČTK)
Die überraschende Abberufung des Justizministers wirft viele Fragen auf.
Fest steht aber, dass die offizielle, von Premier Nečas immer wieder
geäußerte Begründung, wonach Pospíšil nicht im Stande war in seinem
eigenen Ressort zu sparen, praktisch von niemandem geglaubt wird.
Nečas hat jedenfalls mehrfach dementiert, er habe Pospíšil deshalb entlassen, weil dieser die angesehene Staatsanwältin Lenka Bradáčová an die Spitze der Prager Oberstaatsanwaltschaft setzen wollte. Bradáčová soll dort den Kampf gegen die Korruption intensivieren.
Vor zwei Jahren galt Pospíšil noch als Hoffnungsträger seiner Partei. Petr Nečas wollte als frisch gewählter Chef der rechtsliberalen Bürgerdemokraten seine Partei von zwielichtigen Geschäftsleuten oder Lobbyisten befreien, welche die Politik der Partei häufig sogar bestimmt haben. Neue Gesichter in der obersten Parteiführung, wie eben Pospíšil, sollten diesen neuen Kurs auch nach außen hin symbolisieren. Pospíšil setzte dann als Justizminister einige wichtige Akzente bei den Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung und passte damit ideal in das neue Konzept. Was bedeutet aus dieser Sicht nun Pospíšils vorläufiges Ende in der Politik? Ist der neue Stil nicht mehr gefragt oder sind gar die Versuche einer Entflechtung der Partei gescheitert? Das sind einige der Fragen, die nun relativ oft gestellt werden. policie/justice
Miroslav Motejlek (Foto: JiriBackup2, Creative Commons 3.0)
Und wenn man keine Fakten zur Verfügung hat, gibt man sich auch mit
Spekulationen zufrieden. So soll angeblich bereits seit Wochen unter den
Abgeordneten von Pospíšils eigener Partei ein Gerücht die Runde gemacht
haben, wonach die Polizei auch gegen den Justizminister ermittle und - wie
das schon bei anderen Abgeordneten der Fall war - die Aufhebung seiner
Immunität beantragen werde.
War das also vielleicht der wahre Grund, warum Regierungschef Nečas den Justizminister so schnell entließ? Der Wirtschaftsjournalist Miroslav Motejlek hat als erster die Meldung über die angeblichen Ermittlungen gegen Pospíšil veröffentlicht:
„Ich denke, das ist nichts, was zwangsläufig zur Abberufung von
Minister Pospíšil hätte führen müssen. Wenn die Immunität eines
Abgeordneten aufgehoben wird, muss das noch lange nicht bedeuten, er habe
sich wirklich etwas zu Schulden kommen lassen. Der Vorwurf, der gegen
Pospíšil erhoben wird, hängt mit der Beschaffung einer Immobilie
zusammen, in der eine spezialisierte Justizanstalt für besonders schwere
jugendliche Straftäter errichtet werden soll.“
Justizminister Pospíšil soll persönlich Druck ausgeübt haben, so Motejlek weiter, damit der Staat diese Immobilie zu ungünstigen Konditionen kauft. Das sei aber im Vergleich zu den Verfehlungen anderer Ministerien eher eine Kleinigkeit und kein wirklicher Entlassungsgrund, findet Motejlek:
Gebäude des Justizministeriums
„Das Justizministerium scheint mittlerweile das wichtigste Ministerium
im Land zu sein, weil es die derzeit wichtigsten Themen behandelt –
Stichwort Kampf gegen die Korruption. Das bedeutet aber auch, dass in solch
einer Situation der Amtsinhaber zwangsläufig unter die Räder kommen muss.
Denn einer Gruppe von Unterstützern steht mindestens eine eben so große
Gruppe von Gegnern gegenüber, die auf einen Abgang von Minister Pospíšil
drängt.“
Der wichtigste Grund, der wohl letztlich das politische Aus für
Justizminister Jiří Pospíšil bedeutet hat, dürfte der stetige
Vertrauensverlust von Regierungschef Nečas gewesen sein. Dem Vernehmen
nach sollen beide schon länger zu vielen Fragen ganz unterschiedliche
Standpunkte vertreten haben und es gelang immer seltener, diese unter einen
Hut zu bringen. Nicht vergessen darf man dabei, dass Pospíšil nicht nur
Justizminister war, sondern auch einer der vier Stellvertreter von Petr
Nečas an der Spitze der Bürgerdemokraten ist. Unterschiedliche Ansichten
von Nečas und Pospíšil bestätigt auch die Enthüllungsjournalistin
Sabina Slonková von der tschechischen Internetzeitung aktualne.cz:
Sabina Slonková (Foto: Aktualne.cz)
„Der Vertrauensverlust zwischen beiden Politikern war tatsächlich
bereits seit längerem ein Problem, das reicht nicht nur Wochen oder
Monate, sondern Jahre zurück. Ganz besonders stark kamen die Spannungen in
der Frage der Besetzung der Spitze der Prager Oberstaatsanwaltschaft zum
Vorschein. Minister Pospíšil wollte den kontroversen Oberstaatsanwalt
Rampula loswerden, Nečas hingegen gab in seinen öffentlichen Erklärungen
zu erkennen, Rampula solle bleiben.“
Premier Nečas habe eine einsame Entscheidung getroffen, von der fast niemand vorher informiert war, so Sabina Slonková weiter.
Dass sich der entscheidende Meinungsstreit zwischen Nečas und Pospíšil rund um die Frage der Besetzung der Prager Oberstaatsanwaltschaft dreht, glaubt auch die frühere Politikerin Hana Marvanová zu wissen. Marvanová vertritt heute eine der vielen Plattformen für den Kampf gegen die Korruption:
Hana Marvanová
„Derzeit wird der Versuch unternommen, einige Fälle von Korruption
aufzudecken. Das hat ein großes Erdbeben in der politischen Landschaft des
Landes verursacht. Bei der gegenwärtigen Struktur des Justizsystems in
Tschechien heißt das, dass alle entsprechenden Ermittlungen nicht von der
Polizei geleitet werden, sondern von der Staatsanwaltschaft. Deshalb ist es
auch so wichtig, wer an der Spitze der Staatsanwaltschaft steht. Entweder
garantiert diese Person, dass die Ermittlungsfälle zu Ende geführt werden
und in eine Anklage münden, oder es wird alles unter den Teppich
gekehrt.“






