Ende einer deutsch-tschechischen Institution

Die Brücke/Most-Stiftung ist seit 20 Jahren wichtig für die tschechisch-deutsche Verständigung. Nun muss sie schließen. Zuvor haben schon weitere Institutionen mit grenzüberschreitender Ausrichtung aufgeben müssen. Doch die Politik handelt bisher nicht.

Es ist beängstigend ruhig in der Villa in Dresden, in der die Brücke/Most-Stiftung ihren Sitz hat. Normalerweise ist das Tagungszentrum dort ausgebucht. 5000 Übernachtungen im Jahr waren es zuletzt. Doch es fehlt das Geld, um das Personal zu bezahlen – und damit auch die vielen Projekte zu organisieren. Der Politikwissenschaftler Helmut Köser war 1997 einer der Gründer der Stiftung.

„Wir können unsere operative Tätigkeit leider nicht mehr finanzieren. Wegen der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank hat die Zinsrendite aus dem Stiftungskapital in den letzten Jahren erheblich abgenommen. Jetzt fehlen uns beträchtliche Mittel, um diese operative Arbeit zu finanzieren.“

Kein Zinsertrag, keine Einnahmen

Es ist ein Problem, das viele Stiftungen derzeit quält. Die Familie Köser hat insgesamt vier Millionen Euro als Grundkapital in die Stiftung eingebracht. Vor Ausbruch der Finanzkrise (2007) kamen jährlich 210.000 Euro an Zinserträgen zusammen. In diesem Jahr sind es nur noch 95.000 Euro. Und die weiteren Aussichten sind schlecht: Denn langfristige Anleihen, die wenigstens noch etwas Ertrag bringen, laufen aus. Alles das auch noch im Jubiläumsjahr…

Helmut Köser (Foto: Brücke/Most-Stiftung)Helmut Köser (Foto: Brücke/Most-Stiftung) „Es ist bedauerlich, dass wir gerade im 20. Jahr unseres Bestehens die operative Tätigkeit einstellen müssen. Wir beenden zwar nicht die Tätigkeit der Stiftung insgesamt, sondern nur die operative Tätigkeit. Aber wir müssen leider unser Brücke/Most-Zentrum in Dresden schließen, und wir müssen die Projektarbeit beenden“, so Helmut Köser.

Peter Baumann ist Geschäftsführer der Stiftung und hat derzeit einen undankbaren Job. Er muss den Kollegen kündigen, mit denen er seit vielen Jahren zusammengearbeitet hat. Mit ihnen verschwindet aber auch wichtige Expertise, mahnt Peter Baumann:

„Fehlen wird eine Begegnungs- und Bildungsstätte in Form des Brücke-Most-Zentrums in Dresden. Das war für alle da, die sich mit interkultureller Arbeit grenzüberschreitend beschäftigen. Wir waren nicht nur ein Ort für unsere eigenen Seminare und Tagungen, sondern auch viele andere Einrichtungen haben bei uns gerne getagt. Hier gab es eine inhaltliche Kompetenz und eine gleiche ideelle Ausrichtung.“

Dabei hat die Brücke/Most-Stiftung in den vergangenen 20 Jahren viele wichtige Projekte und Veranstaltungen initiiert. Sie ist zu einer Institution herangewachsen, die sich schwer aus der tschechisch-deutschen Verständigung wegdenken lässt. Deswegen zieht Helmut Köser eigentlich eine sehr positive Bilanz:

„Zu den großen Erfolgen unserer Arbeit gehören an erster Stelle in jedem Fall die Tschechisch-Deutschen Kulturtage, die wir seit 18 Jahren veranstalten. Der 19. Jahrgang in diesem Herbst wird leider der letzte in eigener Regie sein. Des Weiteren haben wir viele Veranstaltungen im Rahmen der politischen Bildungsarbeit gemacht sowie der Jugendarbeit, da insbesondere gemeinsame deutsch-tschechische Jugendbegegnungen. Wir haben ein großes Projekt durchgeführt, bei dem tschechische Zeitzeugen der nationalsozialistischen Besatzung in Böhmen und Mähren mit Schülern in Deutschland in Kontakt kamen. Insgesamt wohl 20.000 Schüler haben dabei noch lebende Zeitzeugen getroffen. Und diese Schüler haben mir berichtet, dass es für sie unglaublich eindrucksvolle Veranstaltungen waren. Das sind nur einige Beispiele unser praktischen Projektarbeit.“

Wer rettet die Tschechisch-Deutschen Kulturtage?

Vieles davon wird nun wegfallen. Die Tschechisch-Deutschen Kulturtage sind für diesen Herbst zumindest gesichert. Ob diese Großveranstaltung in Dresden, Ústí nad Labem / Aussig an der Elbe und der Euroregion Elbe/Labe aber ganz gerettet werden kann – das ist noch offen. Peter Baumann:

Peter Baumann (Foto: Archiv Radio Prag)Peter Baumann (Foto: Archiv Radio Prag) „Es gibt ein sehr hohes öffentliches Interesse daran, dass das Projekt Tschechisch-Deutschen Kulturtage weiterhin stattfindet. Das haben alle wichtigen Sponsoren auf deutscher und auf tschechischer Seite gesagt – vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds über das tschechische Kulturministerium bis zur Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Die Förderung soll weitergeführt werden, aber einer muss dafür den Antrag stellen und die Arbeit übernehmen. Deshalb sind momentan Überlegungen in Gange, einen anderen Träger zu finden.“

Wer könnte aber der Träger sein? Laut Baumann kommen nur wenige Institutionen im Dreiländereck Deutschland-Tschechien-Polen infrage. Angefragt wurde bereits die Euroregion Elbe/Labe. Doch die kämpft mit eigenen Schwierigkeiten. So hat der Landrat der Sächsischen Schweiz den Antrag gestellt, aus der Euroregion auszusteigen. Nun fängt laut Peter Baumann das Rechnen an: Reichen die Gelder der Euroregion überhaupt für ein Projekt wie die Kulturtage – oder nicht?

Das Schlimme ist: Die Politik schaut einfach zu, was da passiert. Stiftungsgründer Helmut Köser:

„Wir haben in den letzten Jahren zahlreiche Gespräche geführt, als die Finanzkrise schon erkennbar und deutlich spürbar war. Vertreter der tschechischen und sächsischen Seite sitzen im Kuratorium, dem obersten Gremium unserer Stiftung und haben die Entwicklung mitverfolgen können. Wir haben daraufhin viele Gespräche auf ministerialer Ebene in beiden Ländern geführt. Die Politiker haben uns deutlich gemacht, dass eine finanzielle Unterstützung der Stiftung nicht möglich sei, auch wenn sie unsere Arbeit sehr würdigen“, so.

Risse im grenzüberschreitenden Netz

Dabei ist die Brücke/Most-Stiftung bei Weitem nicht die erste Institution, die es erwischt hat

Foto: Brücke/Most-StiftungFoto: Brücke/Most-Stiftung „Es gibt eine richtige Erosion. Das Netz deutsch-tschechischer Einrichtungen in Sachsen, das deutschlandweit einmalig war, ist schrittweise einfach zerrissen. Die Prager Zeitung musste auch einstellen, was sehr bedauerlich ist. Das Tschechische Zentrum in Dresden wurde vor Jahren geschlossen. Auch das Sächsisch-Böhmische Festival hat schon längst seine Tätigkeit beendet, ebenso das Festival Mitte Europas. Und jetzt die Brücke/Most-Stiftung. Es ist mir ein Rätsel, dass man einfach zuschauen kann, wie dieses Netzwerk schlichtweg verschwindet“, so Köser.

Dabei gibt es durchaus Gelder für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Sie werden vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds bereitgestellt. Und Helmut Köser betont, wie wichtig der Fonds auch für die Arbeit der Brücke/Most-Stiftung immer gewesen sei. Doch den Leitern des Zukunftsfonds sind die Hände gebunden. Sie können den Gesetzen nach nur Projekte fördern, aber nicht eine Organisation als solches. Auch die Ministerien scheitern an ihren Richtlinien. Politologe Köser fordert daher die Politiker auf, zu handeln.

„Von Schulterklopfen und Verdienstorden können wir nicht leben. Es ist ein wichtiger Kulturbereich weggebrochen, und man sollte nun auf politischer Ebene überlegen, wie die Zukunft der deutsch-tschechischen Kulturarbeit aussehen könnte.“

Menschen voller Engagement

Denn die Menschen, die sich über die Grenzen hinweg engagieren, wollen weitermachen. Das wird gerade bei Pragkontakt bewiesen. Unter diesem Namen fingiert ein Büro für Jugendbegegnungen, das die Brücke/Most-Stiftung in Prag betreibt. Ehemalige Mitarbeiter, Freiwillige und Freunde haben sich nun zusammengetan, um eine eigene Trägerinstitution zu gründen. Um Pragkontakt zu retten, fehlen aber noch 10.000 bis 20.000 Euro pro Jahr. Peter Baumann:

„Hier bedarf es vielleicht einer Crowdfunding-Aktion oder privaten Engagements auf tschechischer Seite. Vielleicht gibt es den ein oder anderen wohlhabenden Tschechen, der das Projekt gerne unterstützen möchte.“

Derweil liegen die Zukunfts-Aussichten für die Brücke/Most-Stiftung eher im Nebel. Alles hänge von der Zinspolitik der Europäischen Notenbank ab, sagt Helmut Köser und fügt an:

„Ich will aber nicht vollständig ausschließen, dass die Stiftung – weil sie ja weiter existiert – irgendwann einmal das ein oder andere Projekt wieder aufnehmen wird.“