Die tschechischen Wälder – ein Krankenbericht

Der Borkenkäfer frisst sich in diesem Jahr in ganz besonders großer Zahl durch die Wälder Mitteleuropas. Hauptursache für die Plage ist laut den Experten der Klimawandel. In Tschechien kommt aber noch ein weiterer wichtiger Grund hinzu: die schlechte Baumartenmischung, vor allem der hohe Anteil der Fichten. Über die Lösung des Problems sind sich dabei Förster, Umweltschützer und Politiker nicht einig.

Forstkatastrophe (Foto: Jan Langer, ČT24)Forstkatastrophe (Foto: Jan Langer, ČT24) Anfang April schockierte ein Bericht die tschechischen Fernsehzuschauer: Gezeigt wurden Bilder von braungrauen Hängen im Altvatergebirge, die noch vor einiger Zeit grün gewesen waren. An manchen Orten waren sogar nur noch kahle Flächen zu sehen. Einige Experten sprechen von der größten Forstkatastrophe in der Geschichte der böhmischen Länder. Der Borkenkäfer ist dort in Nordmähren über die Fichtenbestände hergefallen, die seit einigen Jahren unter Wassermangel und schweren Stürmen leiden – und nun sterben die Bäume großflächig ab.

Laut den Fachleuten ist die Lage sehr ernst, weil auch das Wetter weiter schlechte Voraussetzungen bietet. Das Umweltministerium glaubt, dass binnen drei Jahren die Fichtenbestände in der Region komplett zerstört sein dürften. Der staatliche Forstbetrieb „Lesy ČR“ bewirtschaftet die meisten Wälder in der Gegend. Er hat die Regierung aufgefordert, den Katastrophenfall auszurufen. Dieser würde dann für alle Waldbesitzer gelten. Tomáš Pospíšil leitet die staatliche Forstverwaltung:

Tomáš Pospíšil (Foto: Archiv Lesy ČR)Tomáš Pospíšil (Foto: Archiv Lesy ČR) „Wir bemühen uns, den Zerfall der Bestände zu bremsen, um Zeit für eine Veränderung der Artenstruktur zu gewinnen. Dabei ist es wichtig, die beschädigten Bestände wegzuschaffen. Sobald wir einen erkrankten Baum finden, müssen wir ihn so schnell wie möglich fällen und aus dem Wald karren. Unsere LKWs fahren dann durch Orte, über private Grundstücke und über Äcker, sie beschädigen dabei auch Straßen. Das Holz müssen wir zudem mancherorts zwischenlagern. Die Ausrufung des Katastrophenfalls würde den Betroffenen ermöglichen, Geld für die Ausbesserung von beschädigten Straßen und die Beseitigung weiterer Schäden zu erhalten. Und wir könnten Eisenbahnwaggons für den Abtransport des Rundholzes anfordern. Diese Maßnahmen würden unsere Lage erleichtern.“

Zu viele Fichten – und am falschen Ort

Illustrationsfoto: Malene Thyssen, CC BY-SA 3.0Illustrationsfoto: Malene Thyssen, CC BY-SA 3.0 Mögliche Lösungen stoßen aber auf mehrere Hindernisse. Der staatlichen Forstverwaltung fehlen etwa 6000 Mitarbeiter, die Regierung will diese im Ausland anwerben. Die Industrie ist aber ohnehin nicht in der Lage, die große Menge an Holz mangelhafter Qualität zu verarbeiten. Und da die Lage in den Nachbarländern ähnlich ist, entfällt auch die Variante, das Material ins Ausland zu verkaufen. In den vergangenen Jahren wurden immer jeweils etwa 20 Prozent der Holzproduktion Tschechiens exportiert. Das Landwirtschaftsministerium schätzt, dass etwa zwei Millionen Kubikmeter Holz aus den Lagern unverkäuflich sind. Und wenn etwas abgesetzt werden kann, dann zu einem schlechten Preis.

Die derzeitige Borkenkäferkatastrophe sei aber nur die Spitze eines Eisbergs, sagen manche Experten. Sie weisen darauf hin, dass sich der Wald in Tschechien schon seit langem in einem schlechten Zustand befindet. Die aktuellen Probleme seien also zu erwarten gewesen. Petr Čermák ist Dozent an der Landwirtschafts- und Forstuniversität in Brno / Brünn.

„Um den Zustand des Waldes zu bestimmen, wird am häufigsten der Blatt- oder Nadelverlust verglichen. Der Wert aus Tschechien gehört zu den höchsten in Europa. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zwei sind meiner Meinung nach aber am wichtigsten: der zu hohe Anteil an Fichten an ungeeigneten Standorten und die hohe Beschädigung durch die Industrieemissionen in der Vergangenheit. Darunter leiden unsere Wälder seit Jahrzehnten. Und nun kommen dazu noch die Folgen des Klimawandels, also höhere Temperaturen und ungleichmäßige Niederschläge. Das alles spielt eine große Rolle.“

Fichtenwald (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Fichtenwald (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Rund 60 Prozent der tschechischen Nadelbäume verlieren ihr Grün, das ist fast das Dreifache des europäischen Durchschnitts. Bei Nadelbäumen über 60 Jahren sind es sogar 75 Prozent, wie aus der internationalen Studie ICP Forest hervorgeht. Am schlimmsten ist die Lage in den Niederungen, sie sind am meisten von der Trockenheit betroffen. Mittlerweile dringt das Problem aber auch in die Mittelgebirge vor, vor allem in Mähren, aber auch in Südböhmen und auf der Böhmisch-Mährischen Höhe. Und genau dort wurden einfach zu viele Fichten gepflanzt.

„Wir haben im Rahmen eines Projektes die Klimabedingungen in den letzten 20 Jahren ausgewertet und in einer gleich langen Periode davor. Aus den gesammelten Daten haben wir ein Modell geschaffen, wie sich die Klimabedingungen für unterschiedliche Holzarten in den kommenden 20 und 40 Jahren entwickeln. Unser Ergebnis ist, dass sich schon jetzt die Hälfte der Fichtenbestände, in denen Fichten mehr als 75 Prozent der Bäume ausmachen, an ungeeigneten oder nur wenig geeigneten Standorten befindet“, sagt Petr Čermák.

Kiefernwald (Foto: ClémentGodbarge, CC BY-SA 3.0)Kiefernwald (Foto: ClémentGodbarge, CC BY-SA 3.0) Oder anders gesagt: Auf der Hälfte der Flächen, an denen jetzt Fichten dominieren, werden künftig Probleme auftreten. Laut Čermák bedeutet das jedoch nicht, dass die Fichten dort komplett verschwinden müssten. Aber ihr Anteil müsse sinken, und das je nach jeweiligem Standort.

Exoten oder einheimische Arten?

Es geht aber nicht nur um die Fichten. Selbst Laien können erkennen, dass genauso Kiefern, Ulmen oder Eschen beschädigt sind. Während die Kiefer unter dem Wassermangel leidet, werden die anderen beiden Baumarten von Parasiten-Pilzen angegriffen. Auf der anderen Seite herrschen hierzulande nun für einige exotische Baumarten günstige Wachstumsbedingungen. Das Landwirtschaftsministerium will demnächst empfehlen, diese Bäume vor allem entlang von Gewässern zu pflanzen. Dafür möchte man sogar Fördergelder bereitstellen. Petr Čermák hält dies jedoch für problematisch:

Eichenwald (Foto: Ksarasola, CC BY-SA 4.0)Eichenwald (Foto: Ksarasola, CC BY-SA 4.0) „Eine der Lösungen könnte sein, heute vermehrt seltene Baumarten zu pflanzen – und zwar sowohl exotische, als auch einheimische, die bisher am südlichen Rand Tschechiens beheimatet waren. Was die fremden Hölzer betrifft: Einige könnten auch für die Wirtschaft interessant sein, zum Beispiel als Energiepflanzen. Zugleich sind sie ein gewisses Risiko, weil sie unter Umständen Fauna und Flora in ihrer Umgebung negativ beeinflussen. Anders ist das bei heimischen Hölzern, die bisher nur im warmen Südmähren wachsen und infolge des Klimawandels künftig auch in nördlicheren Gegenden gedeihen dürften. Dazu gehören bestimmte Arten von Eichen. Auf diese Bäume zu setzen, könnte sich lohnen.“

Jaromír Bláha (Foto: Jan Sklenář, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Jaromír Bláha (Foto: Jan Sklenář, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Ökologen und auch einige Forstwissenschaftler vermissen schon seit langem eine Änderung in der Artenstruktur der tschechischen Wälder. Der Umweltverband Hnutí Duha (Bewegung Regenbogen) fordert bereits seit den 1990er Jahren auch entsprechende Gesetzänderungen. Bisher sei das alles jedoch vergeblich gewesen, sagt der Waldfachmann des Verbandes, Jaromír Bláha:

„Der Anteil an Laubbäumen oder Tannen bei der Erneuerung des Waldes wächst, aber das geschieht zu langsam. Die Fichte ist ein Bergholz und gedeiht ab einer Meereshöhe von 1000 Metern. Wenn man sie ins Tiefland pflanzt, gerät sie in Stress und ist durch viele Gefahren bedroht. Derzeit wird über den Borkenkäfer geredet, das ist aber nur einer der Schädlinge, die das Fichtensterben verursachen. Viele dieser Bäume fallen zum Beispiel dem Pilz Hallimasch zum Opfer. Laut einer Studie sind bis 2040 rund 80 Prozent der Fichten hierzulande bedroht. Doch das Tempo bei der Pflanzung von Laubbäumen reicht nicht aus. Man könnte zum Beispiel die Fichtenmonokulturen mit Setzlingen passender Baumarten verdünnen. Diese wären bei einem Absterben der Fichten dann bereits die Grundlage für einen neuen Wald. Dies wird aber nur selten gemacht. So pflanzt die staatliche Forstverwaltung weiter durchschnittlich zu 40 Prozent Fichten, bei Privatbesitzern liegt der Anteil sogar noch höher. Von Natur aus sollten Fichten in Tschechien aber nur 10 Prozent des Bestandes ausmachen. Mit einer gewissen Toleranz lassen sich auch noch 20 Prozent akzeptieren.“

Foto: Magdalena KašubováFoto: Magdalena Kašubová In einem sind sich jedoch alle einig: In Zukunft werden die Wälder anders aussehen als heute. Wie schnell dieser Wandel vonstatten geht, das hängt von der Natur ab – und auch von den politischen Entscheidungen. Naturschützer würden gerne erreichen, dass bestimmte heimische Baumarten beim Aufforsten stärker berücksichtigt werden. Dazu gehören etwa Buchen und Tannen.