Schauplatz Der Montag danach: Reaktionen auf das politische Erdbeben vom Wochenende
Die Parlamentswahlen haben ein Ergebnis gebracht, das so nicht erwartet worden war: Zwar haben die Sozialdemokraten wie vorausgesagt die meisten Stimmen erreicht, doch mit 22 Prozent liegen sie um gut 10 Prozent hinter ihrem Ergebnis von 2006. Noch schlimmer erwischt hat es die Demokratische Bürgerpartei, die 2006 mit über 35 Prozent knapp voran lag. Vier Jahre später hat sie nicht weniger 15 Prozent der Wähler verloren. Die großen Gewinner der Wahl sind die neuen Parteien TOP 09 und die Partei der Öffentlichen Angelegenheiten, die aus dem Stand 17 beziehungsweise 11 Prozent erreicht haben. Gemeinsam mit ihrem ehemaligen Koalitionspartner ODS abgestraft wurden Christdemokraten und Grüne, die beide aus dem Abgeordnetenhaus geflogen sind. Nicht weniger als fünf politische Opfer hat dieses politische Erdbeben bereits gefordert.
Es geschieht nicht oft, dass der formelle Wahlsieger noch am Abend des Wahltages das Handtuch wirft. Nach zähen Beratungen der Parteigremien und zwischenzeitlich immer wieder dementierten Rücktrittsgerüchten setzte der Chef der Sozialdemokraten, Jiří Paroubek, am Samstagabend aber diesen ungewöhnlichen Schritt.
Die Sozialdemokraten hätten zwar die meisten Stimmen bekommen, hätten aber ein weit besseres Ergebnis erwartet. Daher werde er innerhalb der nächsten Tage sein Amt zur Verfügung stellen.
Bohuslav Sobotka (ČSSD), Petr Nečas (ODS), Karel Schwarzenberg (TOP 09), Vojtěch Filip (KSČM) und Radek John (VV). Foto: ČTK
Mit sofortiger Wirkung übernahm die Kommunikation nach außen Paroubeks
erster Stellvertreter, Bohuslav Sobotka. Er will auch für das Amt des
Parteichefs kandidieren
Doch der Rückzug des Sozialdemokraten Paroubek war nicht der einzige Rücktritt des Wahlsamstages. Nach dem verheerenden Ergebnis von weniger als drei Prozent stellte auch Grünen-Chef Ondřej Liška sein Amt zur Verfügung.
Das Wahlergebnis sei eine große Enttäuschung, und dafür trage der gesamte Parteivorstand und er persönlich die Verantwortung.
Ondřej Liška (Foto: ČTK)
Ihm gleich tat es der Vorsitzende der Christdemokraten, Cyril Svoboda,
dessen Partei ebenso wie die Grünen im neuen Abgeordnetenhaus nicht mehr
vertreten ist.
Svoboda sprach von einer schweren Niederlage, für die er persönlich die Verantwortung übernehme.
Und nach eigenen Worten in seine „Höhle in der Vysočina“ zurückkehren will Miloš Zeman.
Cyril Svoboda (Foto: ČTK)
Der ehemalige sozialdemokratische Premier bereut es, aus der Rente auf die
politische Bühne zurückgekehrt zu sein. Seine Partei der Bürgerrechte
(SPO) erreichte nur 4,3 Prozent der Stimmen und verfehlte damit knapp den
Einzug ins Abgeordnetenhaus.
Am Sonntag forderte das politische Erdbeben dann noch ein Opfer: Der Prager Oberbürgermeister Pavel Bém, der als neuer Abgeordneter ins Parlament einziehen wird, legte den Vorsitz der Prager ODS-Regionalorganisation zurück.
„Zum Leben gehören Siege, aber auch Niederlagen. Ich habe mir vor der Wahl das klare Ziel gesetzt, Platz eins zu erreichen. Das ist uns nicht gelungen und daher ziehe ich daraus die logischen Konsequenzen.“
Miloš Zeman (Foto: ČTK)
Die ODS konnte ihre traditionelle Hochburg Prag, deren Stadtsenat sie mit
absoluter Mehrheit dominiert, nicht halten und musste Platz eins an Karel
Schwarzenberg und dessen TOP 09 abgeben. Bém, der bereits vor einiger
Zeit
angekündigt hatte, bei den Kommunalwahlen im Herbst nicht mehr als
Oberbürgermeister kandidieren zu wollen, will sich in Zukunft der Arbeit
im Abgeordnetenhaus widmen.
ODS-Spitzenkandidat Petr Nečas zollte Pavel Bém für diesen seiner Ansicht nach „verantwortungsbewussten und logischen Schritt“ Respekt. Nečas, der nach Mirek Topoláneks Rücktritt Anfang April mitten im laufenden Wahlkampf als neuer Spitzenkandidat angetreten war, gestand aber auch selbst eine Niederlage ein:
Petra Paroubková und Jiří Paroubek (Foto: ČTK)
„Ich nehme dieses Signal der Wähler sehr ernst und begegne ihm mit
großer Demut. Die Wähler haben uns Bürgerdemokraten abgestraft und uns
die gelbe Karte gezeigt. Wir müssen sehr intensiv über diesen
Vertrauensverlust nachdenken. Die ODS muss eine Reihe von internen
Reformen
durchführen, um wieder eine glaubwürdige Partei und die klare Nummer
eins
im Mitte-Rechts-Spektrum zu werden.“
Dennoch werde er sich auf dem in Kürze stattfindenden ODS-Parteitag um das Amt des Vorsitzenden bewerben, so Nečas am Sonntag in einer Diskussionsrunde im Tschechischen Fernsehen. Seit Mirek Topoláneks Rücktritt führt Nečas die Partei kommissarisch als erster Parteichef-Stellvertreter. Trotz des knappen Vorsprunges der Sozialdemokraten und der schweren Niederlage seiner ODS hat Petr Nečas aber die besten Chancen, Tschechiens neuer Premierminister zu werden. Denn anders als die Sozialdemokraten verfügt er mit TOP 09 und der Partei der Öffentlichen Angelegenheiten über potenzielle Koalitionspartner. Dessen ist sich auch der stellvertretende Sozialdemokraten-Chef Bohuslav Sobotka bewusst:
Václav Klaus und Vojtěch Filip (Foto: ČTK)
„Wir sind Realisten. Vor den Wahlen hatten wir gehofft, dass unsere
Chancen, eine Regierung zu bilden, durch ein gutes Ergebnis gestützt
werden. Nun haben wir 22 Prozent, für die wir den Wählern zwar sehr
dankbar sind. Aber realistisch gesehen schränkt dieses Ergebnis der
Parlamentswahlen unsere Chancen auf die Teilnahme an einer
Koalitionsregierung ein.“
Eine Zusammenarbeit der Sozialdemokraten mit den Kommunisten erreicht mit nur 82 Mandaten nicht die Mehrheit von 101 Stimmen, außerdem verbietet ein gültiger Parteitagsbeschluss den Sozialdemokraten die Bildung einer solchen Koalition.
Miroslav Kalousek (Foto: ČTK)
Mit 109 Mandaten über eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus verfügt hingegen
eine große Koalition aus Sozial- und Bürgerdemokraten. Die Bildung eines
solchen Bündnisses hat ODS-Spitzenkandidat Nečas allerdings stets
kategorisch ausgeschlossen. Und daran habe sich auch nach der Wahl nichts
geändert, versicherte Nečas am Sonntag im Tschechischen Fernsehen:
„Eine große Koalition ist ausgeschlossen. Sie würde diesem Land nichts Gutes bringen. Es gibt einen klaren Auftrag der Wähler, die unter anderem auch gegen eine Politik der Staatsverschuldung gestimmt haben. Daher haben sie sich für eine klare Mitte-Rechts-Mehrheit entschieden.“
Er wolle nun rasch eine „Koalition der verantwortungsvollen Staatshaushalte“ bilden, sagte Nečas. Seine potenziellen Partner TOP 09 und Partei der Öffentlichen Angelegenheiten zeigen sich zu Gesprächen bereit.
Radek John (Foto: ČTK)
„Uns geht es nicht um Posten, uns geht es um die notwendigen
Maßnahmen,
die wir hier brauchen zur endgültigen Durchsetzung des Rechtsstaates und
zur Sanierung des Budgets. Das ist das, was wir in den
Koalitionsverhandlungen erreichen wollen. Alles andere ist
Nebensache“,
so TOP-09-Spitzenkandidat Karel Schwarzenberg gegenüber Radio Prag. Auch
der Chef der Partei der Öffentlichen Angelegenheiten, Radek John, nennt
den Kampf gegen die Korruption als eine der wichtigsten Aufgaben für die
künftige Regierung. Seine Partei spricht sich zwar ebenfalls für eine
restriktive Haushaltspolitik aus, warnt aber gleichzeitig vor zu scharfen
Maßnahmen bei den Sozialausgaben, die die einfachen Bürger zu stark
belasten könnten.
Karel Schwarzenberg (Foto: ČTK)
Es scheint sich also die Bildung einer Mitte-Rechts-Koalition
abzuzeichnen, die mit 118 Mandaten auch über eine bequeme Mehrheit im
Abgeordnetenhaus verfügen würde. Bevor aber offizielle
Koalitionsverhandlungen beginnen können, ist zunächst einmal
Staatspräsident Václav Klaus am Zug. Er hat für Montagvormittag alle
Parteichefs zu sich auf die Prager Burg bestellt.
Bohuslav Sobotka (Foto: ČTK)
Über den Stand der Gespräche hat Martina Schneibergová in der Sendung
mit Radio-Prag-Redakteur Daniel Kortschak gesprochen:
Daniel, ist denn von den Gesprächen, die Václav Klaus mit den Parteichefs führt, schon etwas nach außen gedrungen? Hat der Präsident schon einen neuen Premierminister ernannt?
„Nein, bisher gibt es noch keine Informationen. Die Gespräche laufen noch. Aber der geschäftsführende Chef der Sozialdemokraten, Bohuslav Sobotka, hat als Vertreter der stimmenstärksten Partei bereits seinen Anspruch auf den Regierungsauftrag angemeldet. Verpflichtet dazu ist Klaus zwar nicht, aber der politische Usus will es so.
Václav Klaus (Foto: ČTK)
Gut, aber die Sozialdemokraten scheinen ja selbst nicht unbedingt
davon
überzeugt zu sein, dass sie eine Regierung zustande bringen.
„Ja eben, und Präsident Klaus hat bisher immer eine Mehrheit von 101 Stimmen im Abgeordnetenhaus als Bedingung für die Ernennung zum Premierminister gefordert. So gesehen steht Klaus vor einer schwierigen Entscheidung. Die Parteichefs Karel Schwarzenberg und Radek John haben sich am Sonntag in der Fernsehdebatte jedenfalls für einen Regierungsauftrag an Sobotka ausgesprochen – eben, um den politischen Gepflogenheiten zu entsprechen. Aber selbst wenn Klaus tatsächlich Sobotka ernennen sollte – viel mehr als ein Formalakt wäre das wohl nicht.“
Petr Nečas und Petr Tluchoř (Foto: ČTK)
Gut, dann müssen wir wohl auf die Entscheidung des Präsidenten
warten.
Daniel, wie hat denn Staatspräsident Klaus allgemein auf das Wahlergebnis
reagiert?
„In einem Interview mit der Tageszeitung ‚Lidové noviny’ bezeichnet Klaus das schlechte Ergebnis für die beiden etablierten Volksparteien ODS und ČSSD als ‚erschütternd’. Schuld daran hat seiner Meinung nach das gespannte Verhältnis zwischen den beiden großen Parteien und auch das – wie Klaus es nennt – ‚eigenwillige’ Verhalten des ehemaligen Premiers und ODS-Chefs Topolánek. Jiří Paroubek zollt er Respekt für seinen ‚geräuschlosen’ Rücktritt, der den Sozialdemokraten nun einen Neustart ermögliche.
Erste politische Handlung zwischen ODS und TOP 09 (Foto: ČTK)
Und was sagt Klaus zum unerwartet großen Erfolg für die beiden
neuen
Parteien?
Der Präsident äußert er die Befürchtung, TOP 09 und Partei der Öffentlichen Angelegenheiten könnten sich als politische Leichtgewichte oder sogar als Eintagsfliegen erweisen. Er weist – wohl nicht ganz zu unrecht – darauf hin, dass die beiden neuen Parteien nun ein Problem haben könnten, genügend erfahrene Experten für das Parlament und eventuell zur Besetzung von Ministerposten zu finden.“
Das klingt ja fast so, als würde Václav Klaus einer großen Koalition den Vorzug geben.
Jiří Paroubek hat das Handtuch nach den Parlamentswahlen geworfen (Foto: ČTK)
„Ja, zu dieser Auffassung könnte man gelangen. Aber die hat Petr Nečas
kategorisch ausgeschlossen, wir haben es ja gerade im Beitrag gehört. Um
ein solches Bündnis zu ermöglichen, müsste sich also wohl an der
ODS-Spitze etwas ändern. Ausschließen kann man natürlich auch das
nicht.
Wie das eben so ist nach einem politischen Erdbeben.“






