Regionjournal Hultschiner Ländchen

07-02-2004 | Dagmar Keberlova

In der heutigen Ausgabe des Regionaljournals klärt Sie Dagmar Keberlova über die Problematik der doppelten Staatsbürgerschaft in der östlichen Region Tschechiens Hlucinsko/Hultschiner Ländchen auf. Auch kurz vor dem EU Beitritt beantragen die Menschen aus dieser Region die deutsche Staatsbürgerschaft. Welche Gründe sie dazu haben, erfahren sie jetzt in den folgenden Minuten von Dagmar Keberlova.

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Rathaus in Hlučín (Foto: Lasy, CC BY 3.0 Unported)Rathaus in Hlučín (Foto: Lasy, CC BY 3.0 Unported) Die Region Hultschin ist eine besondere im Rahmen der Tschechischen Republik. Im Jahre 1920 hat die damalige Tschechoslowakei einen Teil des historischen Gebietes von Schlesien erhalten, das Hultschiner Ländchen. Das Hultschiner Ländchen wurde wie fast ganz Schlesien von den Böhmischen Ländern getrennt und es war bis 1920 Bestandteil des Preußischen Königreichs, später gehörte es zum Deutschen Reich. Mehr dazu vom Historiker Erich Sefcik vom Schlossmuseum Kravare/Krawarn:

"Ein Problem war, dass die Bevölkerung, die in diesem Gebiet lebte, keine Gefühle zu Tschechien mehr hegte. Im Gegenteil, aufgrund der Bildung, politischen Spannungen und der wirtschaftlichen Situation ist immer mehr verloren gegangen. Zur Gänze dann im Jahre 1872 nach der Erklärung des Kulturkampfes. Als 1920 das Hultschiner Ländchen ohne jede Art von Referendum zur Tschechoslowakei angeschlossen wurde, schien es am Anfang, dass die Leute dies friedlich angenommen haben. Doch nur bis die große Wirtschaftskrise eingeschlagen hat und es zum Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft kam. Nicht nur in Hultschin, sondern überall auf der Welt richten sich die Menschen nach dem Sprichwort: Wessen Brot ich ess', dessen Lied ich sing'. Also haben sie Nazi-Deutschland schnell nachgegeben, unter anderem auch, weil die Tschechoslowakei ihnen damals das Wichtigste, nämlich Arbeit, nicht bieten konnte."

In den Kriegsjahren erlebte die Region ein Hin und Her, erzählt der Historiker Sevcik weiter:

Johannes-der-Taufer-Kirche in Hlučín (Foto: Lasy, CC BY 3.0 Unported)Johannes-der-Taufer-Kirche in Hlučín (Foto: Lasy, CC BY 3.0 Unported) "Im Jahre 1938 wurde das Hultschiner Ländchen zum Bestandteil des Dritten Reiches, aber nicht als das so genannte Sudetenland, sondern als Bestandteil des Altreiches. Daher konnten die Bewohner des Hultschiner Ländchens Bürger des Dritten Reiches werden. Im Jahre 1945 passierte genau das Gegenteil, der Hultschiner Bevölkerung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg flächendeckend die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft erteilt und die deutsche entzogen. Sie haben sich aber praktisch dem tschechoslowakischen Staat aus welchen Gründen auch immer angenähert."

Die historischen Gründe sind bis heute in der Region spürbar und spielen eine wichtige Rolle beim Ersuchen um die deutsche Staatsbürgerschaft, meint Hans Korbel, Leiter des Begegnungszentrum Opava/Troppau:

Über die heutige Situation der Bevölkerung im Hultschiner Ländchen sagte mir mehr Historiker Erich Sefcik:

Schloss in Hlučín (Foto: Lenka Bojdová, CC BY 3.0 Unported)Schloss in Hlučín (Foto: Lenka Bojdová, CC BY 3.0 Unported) "Die Bevölkerung in Hultschin ist heute ein fixer Bestandteil des tschechischen Staates. Sie nutzen nur die Möglichkeit, die ihnen historisch gegeben wird, und zwar, dass sie nach den Gesetzten der Bundesrepublik Deutschland um die deutsche Staatsbürgerschaft ersuchen können, um sich das Leben einfacher zu machen. Die Menschen von Hultschin nutzen dies in großem Maße. Ein Großteil von ihnen hat die deutsche Staatsbürgerschaft, die es ihnen ermöglicht, im Ausland zu arbeiten. Und sie arbeiten nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA oder in den Niederlanden."

Der Grund ist ausschließlich ein wirtschaftlicher, bestätigt Historiker Sefcik. Es gebe keine Schwierigkeiten im Zusammenleben von verschiedenen Nationalitäten in der Region, die Menschen wollen einfach nur besser bezahlte Arbeit und einfacher reisen können, dies vor allem die jungen Leute. Dies bestätigt auch Hans Korbel:

Bisher trauen die Menschen nämlich der Europäischen Union nicht allzu viel zu, viele Länder haben den Zugang zum Arbeitsmarkt für die Bürger aus den neuen Ländern für zumindest zwei Jahre versperrt, und so stellen die Bewohner vom Hultschiner Ländchen nach wie vor Anträge auf die deutsche Staatsbürgerschaft. Denn, sie wollen keine zweitklassigen Bürger im Rahmen der Europäischen Union sein, meint der Soziologe aus der Region, Jiri Siostrzonek.

Nach wie vor gehen die meisten Arbeitsuchenden aber nach Deutschland, sagte mir weiter Herr Korbel und auch dies ist historisch begründet:

Sie hörten das Regionaljournal, das wir heute der doppelten Staatsbürgerschaft im Hultschiner Ländchen gewidmet haben.

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