Blick in die Presse Vorschlusslorbeeren für Chalupa: Seine Unbedarftheit muss kein Nachteil sein

11-01-2011 16:02 | Lothar Martin

Wie wir bereits berichtet haben, neuer Umweltminister wird der ODS-Politiker und Bürgermeister des sechsten Prager Stadtbezirks Tomáš Chalupa. Eine Personalie, die auch die Kommentarspalten der tschechischen Presse am Dienstag füllt.

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Petr Nečas und Tomáš Chalupa (Foto: ČTK)Petr Nečas und Tomáš Chalupa (Foto: ČTK) Daniel Kaiser beginnt seinen Kommentar in der Lidové noviny mit einer Frage:

„Wie kann ein studierter Anwalt, ein ehemaliger Journalist und Kommunalpolitiker ein Ressort leiten, wenn ihm dafür jegliche fachliche Vorkenntnis fehlt?“

Diese Unerfahrenheit berge aber auch eine gewisse Unvorgenommenheit in sich, und das müsse gegenüber den so genannten Experten nicht unbedingt ein Nachteil sein, meint der Autor. Zur Begründung zählt Kaiser einige „Sünden“ der Experten auf:

„Nach und nach haben sie sich eingereiht in die Unterstützung von Biokraftstoff, auch wenn das zu einer Zerstörung des Ökosystems geführt hat, in die Unterstützung der Sonnenkollektoren, auch wenn die Solarparks schon eine größere Fläche abdecken als alle Großlager zusammen, und in die Unterstützung der Windräder, auch wenn diese die Umwelt schon aus der Ferne verschandeln. Da ist es wohl besser, diesem Expertentum die Unbedarftheit Chalupas vorzuziehen.“

Gebäude des Umweltministeriums (Foto: Wikipedia)Gebäude des Umweltministeriums (Foto: Wikipedia) Auch die Mladá fronta Dnes sieht in der Besetzung des Ministerpostens mit Tomáš Chalupa mehr eine Chance als ein Risiko. Kommentator Martin Komárek benennt zudem die drei Pluspunkte, die Premier Nečas mit der Personalie Chalupa gewinnt:

„Zum einen stellt er die Prager Parteiorganisation zufrieden. Sie hat beim letzten ODS-Parteitag den Posten des ersten Vizechefs verloren und ist in der Partei isoliert. Zum zweiten holt sich Nečas ´seinen´ Mann ins Kabinett. Und nicht zuletzt ist Chalupa ein neuer, unbefleckter Politiker. Also einer, nach dem die Öffentlichkeit ruft.“

Ehemaliger Umweltminister Pavel DrobilEhemaliger Umweltminister Pavel Drobil Komárek verteilt deshalb bereits Vorschlusslorbeeren und prophezeit, dass Chalupa ein guter Minister werden wird. Andererseits verweist Komárek nochmals darauf, dass die ODS gerade mit dem Umweltressort so ihre Probleme hat:

„Das Umweltministerium ist für jedes ODS-Mitglied ein heißes Pflaster. Kann Tomáš Chalupa nahezu Unmögliches vollbringen? Kann er den Finanzskandal lösen und das Ressort führen? In die hohe Politik zieht aber ohne Frage ein Mann mit einem modernen Stil und einer reinen Weste ein.“

In der Hospodářské noviny moniert Petr Honzejk allerdings die Auffassung von Premier Nečas, dass Chalupa die „unideologische und undemagogische“ Linie seines Vorgängers Pavel Drobil fortsetzen werde. Das sei eine unglückliche Sichtweise, schreibt Honzejk und ergänzt:

„Der Minister sollte wenigstens ein bisschen Fundamentalist sein. Nicht im Sinne eines Fanatismus oder sogar des Ökoterrorismus. Aber in dem Sinne, fähig und bereit zu sein, das Fundament zu halten – den Schutz der Umwelt.“

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