Blick in die Presse Ein vergessener Jahrestag – Oberösterreich verliert einen Waffenbruder
Beim täglichen Blick in die tschechischen Kommentarspalten geht es zum einen um einen vergessenen Jahrestag. Vor 65 Jahren ging nämlich mit dem ersten offiziellen Transport die organisierte Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei los. Außerdem schaut man in den Kommentaren nach Österreich.
Radko Pavlovec
Ein Tscheche ist nämlich aus österreichischen Diensten abgetreten. Radko
Pavlovec war jahrelang als Anti-Atom-Beauftragter des Bundeslandes
Oberösterreich tätig. Er wird bis Ende Juni 2011 nur noch als
selbständiger Berater des Landes tätig sein. Ein Vorschlag von
Landesseite, seinen Vertrag als Anti-Atom-Beauftragter um ein Jahr zu
verlängern, sei für ihn „inakzeptabel“ gewesen. Er habe nicht mehr
die „volle Rückendeckung“ gehabt, erklärte der gebürtige Tscheche
Pavlovec. Pavlovec, der sich vor allem gegen das tschechische Akw Temelín
eingesetzt hat, kritisierte eine „völlige Demontage der
Anti-Atom-Politik auf Bundesebene“, die sich auch auf die Landespolitik
ausgewirkt habe.
Atomkraftwerk Zwentendorf (Foto: Werner Hölzl, Wikipedia)
Kommentator Zbyněk Petráček, weint dem Landsmann in österreichischen
Diensten keine Träne nach und schreibt über Pavlovec:
„Sein fanatischer Kreuzzug gegen Temelín musste geradezu wirken, wie der Kampf irgendwelcher Adamiten, die man nicht ganz für voll nehmen kann. Dafür sei Pavlovec gedankt! Er ist deswegen zurückgetreten, weil ihm die österreichischen Politiker zu wenig anti-Atom eingestellt waren. Sie lesen richtig. Ein Land, das vor 30 Jahren das fertig gestellte Atomkraftwerk Zwentendorf eingemottet hat und vor zehn Jahren ein Anti-Atom-Verfassungsgesetz angenommen hat, ist angeblich zu wenig anti-Atom.“
Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei
Themenwechsel. In dieser Woche jährte sich der Beginn der organisierten
Vertreibung der Sudetendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei zum 65.
Mal. Am 25. Januar 1946 ging der erste offizielle Transport mit
Sudetendeutschen in die amerikanische Besatzungszone. In Tschechien sei
dieser Jahrestag kein Thema, beklagt der Prager Kommentator Luboš Palata
in einem Gastbeitrag für die liberale slowakische Tageszeitung Sme:
„Es gibt ein eigenartiges Schweigen um diesen Jahrestag. Am 25. Januar 1945 endete ein fast tausendjähriges Zusammenleben zweier Nationen. (...) Wir blieben als Volk auf unserem Gebiet nahezu allein. Dem voraus ging nicht nur das Münchner Abkommen, der Verrat durch die Sudetendeutschen, sondern vor allem die nazistische Okkupation mit dem Ziel, die Tschechen teilweise auszuradieren. Die Reaktion der Tschechen war nahezu einhellig: sofortiges Ende des Zusammenlebens mit den Deutschen. (...) Mit dem Bemühen, heute deutsche Massengräber zu öffnen und die Massaker aufzuklären, durchlaufen wir eine weitere nötige Katharsis. Wir kommen aber nicht um die Frage herum, ob die Abschiebung der Deutschen nötig war. Dass wir noch immer nicht bereit sind, diese Frage zu stellen, erklärt das heutige Schweigen.“







