Das Politgespräch Otto Pick: Zeitzeuge und Diplomat
In der Politik, so sagte der verstorbene tschechische Außenminister Dienstbier gerne, geht es darum, was man gemeinsam tun soll und was nicht – und nicht darum, die Geschichte zu bewerten. Dennoch trüben die Schatten der Vergangenheit immer wieder auch die Debatten der Gegenwart. Wie jüngst im Vorfeld der tschechischen Präsidentschaftswahl, als die unmittelbare Nachkriegszeit in den Mittelpunkt der Diskussionen rückte, und das Verhältnis Tschechiens zu seinen deutschsprachigen Nachbarn plötzlich zum Wahlkampfthema wurde. Otto Pick ist nicht nur ein Zeitzeuge, sondern vor allem jemand, der als Diplomat die bilateralen Beziehungen bis heute aktiv mitgestaltet. Momentan in erster Linie jene zwischen Tschechien und Österreich.
Einer der sog. Winton-Züge
Otto Pick wurde 1925 in Prag geboren, als Sohn einer
tschechisch-jüdischen
Familie. 1939 konnte er als 14-Jähriger auf einem der so genannten
Winton-Züge vor den Nazis nach England fliehen. Der Brite Nicholas Winton
hatte noch vor Kriegsausbruch mehrere Transporte organisiert, mit denen er
über 600 jüdischen Kindern die Reise über die Niederlande nach
Großbritannien ermöglichte und damit das Leben rettete – unter anderem
auch Otto Pick. Vier Jahre später, er war mittlerweile 18, trat Pick in
die tschechoslowakische Auslandsarmee ein und kämpfte an der Seite der
Briten gegen Hitlerdeutschland. Nach dem Krieg kam Pick nach Prag zurück,
doch bereits 1948 flüchtete er erneut nach England. Diesmal vor den
Kommunisten, die in der Tschechoslowakei die Macht übernommen hatten.
Otto Pick (Foto: Gerald Schubert)
Pick studierte an der London School of Economics. Es folgte eine
akademische Karriere als Politikwissenschaftler, unter anderem in Bologna
und in München, wo er auch Direktor des tschechoslowakischen Programms
von
Radio Freies Europa war. 1991 schließlich kehrte Otto Pick abermals nach
Prag zurück, baute das politikwissenschaftliche Institut der
Karlsuniversität auf und begann eine diplomatische Laufbahn, unter
anderem
als Direktor des Instituts für Internationale Beziehungen und als
stellvertretender tschechischer Außenminister. Heute ist Pick
Vorsitzender
des akademischen Beirats der Diplomatischen Akademie und Sonderbotschafter
des Außenministeriums. Als solcher widmet er sich zurzeit der
Verbesserung
der tschechisch-österreichischen Beziehungen. Diese, so Pick, seien nach
dem Fall des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei zu lange
vernachlässigt worden:
„Wir haben uns damals ganz auf die Bundesrepublik konzentriert. Sie
hat
unseren Beitritt zur Nato sehr stark unterstützt, und dann auch unseren
Beitritt zur EU. Dazu gab es in Österreich ja verschiedene
Meinungen.“
Das Image, das Tschechen und Österreicher voneinander haben, sei dennoch viel besser, als es auf den ersten Blick vielleicht den Anschein hat, meint Otto Pick:
Illustrationsfoto: Archiv der Masaryk-Universität Brünn
„Das schwache Image existiert unter den Eliten, nicht im Volk.
Nicht
unter den jungen Menschen, die zum Beispiel in Brünn oder in Linz
studieren. Vor allem die grenzüberschreitenden Beziehungen zwischen
Südmähren und Niederösterreich sind sehr gut. Solche Beziehungen sind
überaus wichtig. Von oben nach unten kann man nämlich nur sehr wenig
tun,
die Dinge müssen sich von unten hinauf entwickeln. An der Südböhmischen
Universität gibt es zum Beispiel einen österreichischen Lehrer, der mir
gesagt hat, dass es in einigen Dörfern gemischte
österreichisch-tschechische Stammtische gibt. Ich hatte neulich ein
langes
Gespräch mit Außenminister Schwarzenberg und habe ihm davon erzählt.
Auch er hält diese Dinge für sehr wichtig.“
Dennoch: Die Beziehungen zu Deutschland finden günstigere strukturelle
Bedingungen vor als jene zu Österreich. Mit Bayern und Sachsen hat
Tschechien bilaterale Arbeitsgruppen. Auf der zwischenstaatlichen Ebene
gibt es den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der auf Basis der
Deutsch-Tschechischen Erklärung aus dem Jahr 1997 errichtet wurde und
jährlich eine Vielzahl an grenzüberschreitenden Projekten unterstützt.
Mit Österreich gibt es bis heute keine vergleichbare Einrichtung:
„Die Österreicher sagen immer: ‚Wenn wir nur einen Zukunftsfonds hätten!’ Aber wir haben keinen. Und so etwas zustande zu bringen ist in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage nicht möglich. Meine Idee ist deshalb, eine Stiftung zu gründen, die die grenzüberschreitenden zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die Beziehungen bestimmter Elitengruppen beider Länder fördern und individuelle Projekte finanzieren kann. Daran arbeiten wir momentan, das ist jetzt meine Aufgabe.“
Jiří Schneider (Foto: Jindřich Rambousek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Die ersten konkreten Schritte wurden bereits unternommen. Im vergangenen
Sommer gab es ein Treffen zwischen Jiří Schneider, dem ersten
Stellvertreter des tschechischen Außenministers, und Johannes Kyrle, dem
Generalsekretär des österreichischen Außenministeriums.
„Das war ein sehr positives Treffen, auf dem einige Beschlüsse gefasst wurden. Einer davon sieht etwa die Zusammenarbeit der Diplomatischen Akademien beider Länder vor. Das ist nicht leicht, weil keine Symmetrie besteht. Die Wiener Akademie ist eine wirkliche Hochschule und ganz anders als die Akademie hier in Prag.“
Dennoch gibt es bereits ein Abkommen zwischen beiden Einrichtungen, insbesondere im Bereich des Austausches von Studenten und Lektoren. Im März wird es eine gemeinsame Studentenkonferenz zum Thema Mitteleuropa geben. Außerdem geplant sind eine Debatte über die Haltung zur Wirtschaftspolitik der EU im südmährischen Brünn und eine Konferenz über die europäische Energiepolitik, die voraussichtlich im oberösterreichischen Linz stattfinden wird.
Miloš Zeman (Foto: ČTK)
Die deutsch-tschechischen und die österreichisch-tschechischen
Beziehungen haben kürzlich auch die tschechische Präsidentschaftswahl
überschattet. Insbesondere die Debatten vor der Stichwahl Ende Januar, in
der Außenminister Karel Schwarzenberg und Expremier Miloš Zeman
gegeneinander antraten. Schwarzenberg hatte in einer Fernsehdiskussion die
Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg als
menschenrechtswidrig kritisiert. Insbesondere das Prinzip der
Kollektivschuld, dem auch Deutsche zum Opfer gefallen sind, die sich
während der Naziherrschaft nichts zuschulden kommen ließen. Das
Wahlkampteam Zemans hatte daraufhin nationale Töne angeschlagen, die die
Schlussphase des Wahlkampfs prägten. Ein taktischer Fehler
Schwarzenbergs?
Otto Pick:
Karel Schwarzenberg (Foto: Kristýna Maková)
„Das Wiederaufflammen des tschechischen Chauvinismus hat ihn
bestimmt
fünf Prozent der Stimmen gekostet. Es gibt noch immer Leute, die
Chauvinisten sind. Überall!“
Doch wie beurteilt Pick die Aussage Schwarzenbergs inhaltlich?
„Die Dekrete wären heute nicht möglich, weil das europäische Recht und die Frage der Menschenrechte heute ganz anders aussehen. Die Vertreibung war schlimm, aber sie ist schon mehr als ein halbes Jahrhundert her. Die Debatte wird wieder abflauen, denn politisches Kapital ist da wirklich für niemanden drin.“
Staatsoper (Foto: Oleg Fetisow)
Das Verhältnis zu den deutschsprachigen Nachbarn der Tschechen ist eines
der großen Themen im Leben des Otto Pick. Schließlich hat er noch
Erinnerungen an die Zeit, als in Deutschland bereits Hitler an der Macht
war, die Tschechoslowakei jedoch noch ein freier demokratischer Staat.
Stellvertretend für die Komplexität dieser Beziehungen mag ein Bild
stehen, das sich Otto Pick fest ins Gedächtnis gebrannt hat – ein
Erlebnis, das er 1938 gemeinsam mit seinem Vater hatte:
„Wir gingen einmal spazieren und standen irgendwann vor der jetzigen Staatsoper, dem damaligen Neuen Deutschen Theater. Dort haben tschechische Studenten gegen die Deutschen und gegen Deutschland demonstriert. Die Oper, die an diesem Tag gespielt wurde, war ‚Die Meistersinger von Nürnberg’, wohl die deutscheste aller Opern. Mein Vater sagte zu mir: ‚Sieh dir die Leute an, die da fein gekleidet ins Theater gehen. Das sind lauter Prager Juden.’ Das war eine ganz bizarre Situation: Die tschechische Polizei hat hoch zu Ross diese Leute vor den tschechischen Studenten geschützt, damit sie als Juden ins Neue Deutsche Theater gehen können. Das habe ich nie vergessen.“









