Das Politgespräch Otto Pick: Zeitzeuge und Diplomat

04-02-2013 16:53 | Gerald Schubert

In der Politik, so sagte der verstorbene tschechische Außenminister Dienstbier gerne, geht es darum, was man gemeinsam tun soll und was nicht – und nicht darum, die Geschichte zu bewerten. Dennoch trüben die Schatten der Vergangenheit immer wieder auch die Debatten der Gegenwart. Wie jüngst im Vorfeld der tschechischen Präsidentschaftswahl, als die unmittelbare Nachkriegszeit in den Mittelpunkt der Diskussionen rückte, und das Verhältnis Tschechiens zu seinen deutschsprachigen Nachbarn plötzlich zum Wahlkampfthema wurde. Otto Pick ist nicht nur ein Zeitzeuge, sondern vor allem jemand, der als Diplomat die bilateralen Beziehungen bis heute aktiv mitgestaltet. Momentan in erster Linie jene zwischen Tschechien und Österreich.

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Einer der sog. Winton-ZügeEiner der sog. Winton-Züge Otto Pick wurde 1925 in Prag geboren, als Sohn einer tschechisch-jüdischen Familie. 1939 konnte er als 14-Jähriger auf einem der so genannten Winton-Züge vor den Nazis nach England fliehen. Der Brite Nicholas Winton hatte noch vor Kriegsausbruch mehrere Transporte organisiert, mit denen er über 600 jüdischen Kindern die Reise über die Niederlande nach Großbritannien ermöglichte und damit das Leben rettete – unter anderem auch Otto Pick. Vier Jahre später, er war mittlerweile 18, trat Pick in die tschechoslowakische Auslandsarmee ein und kämpfte an der Seite der Briten gegen Hitlerdeutschland. Nach dem Krieg kam Pick nach Prag zurück, doch bereits 1948 flüchtete er erneut nach England. Diesmal vor den Kommunisten, die in der Tschechoslowakei die Macht übernommen hatten.

Otto Pick (Foto: Gerald Schubert)Otto Pick (Foto: Gerald Schubert) Pick studierte an der London School of Economics. Es folgte eine akademische Karriere als Politikwissenschaftler, unter anderem in Bologna und in München, wo er auch Direktor des tschechoslowakischen Programms von Radio Freies Europa war. 1991 schließlich kehrte Otto Pick abermals nach Prag zurück, baute das politikwissenschaftliche Institut der Karlsuniversität auf und begann eine diplomatische Laufbahn, unter anderem als Direktor des Instituts für Internationale Beziehungen und als stellvertretender tschechischer Außenminister. Heute ist Pick Vorsitzender des akademischen Beirats der Diplomatischen Akademie und Sonderbotschafter des Außenministeriums. Als solcher widmet er sich zurzeit der Verbesserung der tschechisch-österreichischen Beziehungen. Diese, so Pick, seien nach dem Fall des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei zu lange vernachlässigt worden:

„Wir haben uns damals ganz auf die Bundesrepublik konzentriert. Sie hat unseren Beitritt zur Nato sehr stark unterstützt, und dann auch unseren Beitritt zur EU. Dazu gab es in Österreich ja verschiedene Meinungen.“

Das Image, das Tschechen und Österreicher voneinander haben, sei dennoch viel besser, als es auf den ersten Blick vielleicht den Anschein hat, meint Otto Pick:

Illustrationsfoto: Archiv der Masaryk-Universität BrünnIllustrationsfoto: Archiv der Masaryk-Universität Brünn „Das schwache Image existiert unter den Eliten, nicht im Volk. Nicht unter den jungen Menschen, die zum Beispiel in Brünn oder in Linz studieren. Vor allem die grenzüberschreitenden Beziehungen zwischen Südmähren und Niederösterreich sind sehr gut. Solche Beziehungen sind überaus wichtig. Von oben nach unten kann man nämlich nur sehr wenig tun, die Dinge müssen sich von unten hinauf entwickeln. An der Südböhmischen Universität gibt es zum Beispiel einen österreichischen Lehrer, der mir gesagt hat, dass es in einigen Dörfern gemischte österreichisch-tschechische Stammtische gibt. Ich hatte neulich ein langes Gespräch mit Außenminister Schwarzenberg und habe ihm davon erzählt. Auch er hält diese Dinge für sehr wichtig.“

Dennoch: Die Beziehungen zu Deutschland finden günstigere strukturelle Bedingungen vor als jene zu Österreich. Mit Bayern und Sachsen hat Tschechien bilaterale Arbeitsgruppen. Auf der zwischenstaatlichen Ebene gibt es den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der auf Basis der Deutsch-Tschechischen Erklärung aus dem Jahr 1997 errichtet wurde und jährlich eine Vielzahl an grenzüberschreitenden Projekten unterstützt. Mit Österreich gibt es bis heute keine vergleichbare Einrichtung:

„Die Österreicher sagen immer: ‚Wenn wir nur einen Zukunftsfonds hätten!’ Aber wir haben keinen. Und so etwas zustande zu bringen ist in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage nicht möglich. Meine Idee ist deshalb, eine Stiftung zu gründen, die die grenzüberschreitenden zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die Beziehungen bestimmter Elitengruppen beider Länder fördern und individuelle Projekte finanzieren kann. Daran arbeiten wir momentan, das ist jetzt meine Aufgabe.“

Jiří Schneider (Foto: Jindřich Rambousek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Jiří Schneider (Foto: Jindřich Rambousek, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Die ersten konkreten Schritte wurden bereits unternommen. Im vergangenen Sommer gab es ein Treffen zwischen Jiří Schneider, dem ersten Stellvertreter des tschechischen Außenministers, und Johannes Kyrle, dem Generalsekretär des österreichischen Außenministeriums.

„Das war ein sehr positives Treffen, auf dem einige Beschlüsse gefasst wurden. Einer davon sieht etwa die Zusammenarbeit der Diplomatischen Akademien beider Länder vor. Das ist nicht leicht, weil keine Symmetrie besteht. Die Wiener Akademie ist eine wirkliche Hochschule und ganz anders als die Akademie hier in Prag.“

Dennoch gibt es bereits ein Abkommen zwischen beiden Einrichtungen, insbesondere im Bereich des Austausches von Studenten und Lektoren. Im März wird es eine gemeinsame Studentenkonferenz zum Thema Mitteleuropa geben. Außerdem geplant sind eine Debatte über die Haltung zur Wirtschaftspolitik der EU im südmährischen Brünn und eine Konferenz über die europäische Energiepolitik, die voraussichtlich im oberösterreichischen Linz stattfinden wird.

Miloš Zeman (Foto: ČTK)Miloš Zeman (Foto: ČTK) Die deutsch-tschechischen und die österreichisch-tschechischen Beziehungen haben kürzlich auch die tschechische Präsidentschaftswahl überschattet. Insbesondere die Debatten vor der Stichwahl Ende Januar, in der Außenminister Karel Schwarzenberg und Expremier Miloš Zeman gegeneinander antraten. Schwarzenberg hatte in einer Fernsehdiskussion die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg als menschenrechtswidrig kritisiert. Insbesondere das Prinzip der Kollektivschuld, dem auch Deutsche zum Opfer gefallen sind, die sich während der Naziherrschaft nichts zuschulden kommen ließen. Das Wahlkampteam Zemans hatte daraufhin nationale Töne angeschlagen, die die Schlussphase des Wahlkampfs prägten. Ein taktischer Fehler Schwarzenbergs? Otto Pick:

Karel Schwarzenberg (Foto: Kristýna Maková)Karel Schwarzenberg (Foto: Kristýna Maková) „Das Wiederaufflammen des tschechischen Chauvinismus hat ihn bestimmt fünf Prozent der Stimmen gekostet. Es gibt noch immer Leute, die Chauvinisten sind. Überall!“

Doch wie beurteilt Pick die Aussage Schwarzenbergs inhaltlich?

„Die Dekrete wären heute nicht möglich, weil das europäische Recht und die Frage der Menschenrechte heute ganz anders aussehen. Die Vertreibung war schlimm, aber sie ist schon mehr als ein halbes Jahrhundert her. Die Debatte wird wieder abflauen, denn politisches Kapital ist da wirklich für niemanden drin.“

Staatsoper (Foto: Oleg Fetisow)Staatsoper (Foto: Oleg Fetisow) Das Verhältnis zu den deutschsprachigen Nachbarn der Tschechen ist eines der großen Themen im Leben des Otto Pick. Schließlich hat er noch Erinnerungen an die Zeit, als in Deutschland bereits Hitler an der Macht war, die Tschechoslowakei jedoch noch ein freier demokratischer Staat. Stellvertretend für die Komplexität dieser Beziehungen mag ein Bild stehen, das sich Otto Pick fest ins Gedächtnis gebrannt hat – ein Erlebnis, das er 1938 gemeinsam mit seinem Vater hatte:

„Wir gingen einmal spazieren und standen irgendwann vor der jetzigen Staatsoper, dem damaligen Neuen Deutschen Theater. Dort haben tschechische Studenten gegen die Deutschen und gegen Deutschland demonstriert. Die Oper, die an diesem Tag gespielt wurde, war ‚Die Meistersinger von Nürnberg’, wohl die deutscheste aller Opern. Mein Vater sagte zu mir: ‚Sieh dir die Leute an, die da fein gekleidet ins Theater gehen. Das sind lauter Prager Juden.’ Das war eine ganz bizarre Situation: Die tschechische Polizei hat hoch zu Ross diese Leute vor den tschechischen Studenten geschützt, damit sie als Juden ins Neue Deutsche Theater gehen können. Das habe ich nie vergessen.“

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