Die magischen Steinreihen von Kounov

Manche Forscher schreiben ihnen magische Kräfte zu. Doch die Steinreihen von Kounov / Kaunowa ziehen Forscher und Touristen schon allein deswegen an, weil ihr Ursprung Rätsel aufgibt. Wie, wann, von wem und wozu wurden diese Steinreihen angelegt? Vieles liegt auch heute noch im Dunkeln rund um die 1500 Steinblöcke aus Quarzit auf der Anhöhe Rovina bei dem mittelböhmischen Ort. Gewiss ist nur eines: Die Steinblöcke traten nicht auf natürliche Weise aus dem Boden hervor, sondern Menschen haben sie hingeschafft. Die Bürgermeisterin von Kounov, Dana Bechynská, führte Maria Hammerich-Maier durch das rätselhafte Steinfeld.

Dana Bechynská (Foto: Autorin)Dana Bechynská (Foto: Autorin) Die Steinblöcke sind in 14 Reihen angeordnet. Die Reihen folgen der Nord-Süd-Richtung. Die Steinreihen sind also auffällig, aber erst im vergangenen Jahrhundert wurden sie zum Gegenstand der Forschung. Bürgermeisterin Dana Bechynská aus Kounov:

„Der Erste, der auf die Steinreihen hinwies, war der Schullehrer Antonín Patejdl. Das war 1934. Patejdl, der die Steinreihen also entdeckt hat, begann sie dann zu beschreiben. Er vermaß die Steine und veröffentlichte den ersten Fachaufsatz über die Steine.“

Dieser erste Fachaufsatz über die Steinreihen von Kounov erschien in einer Sammelschrift des Museums Žatec / Saaz. Drei Jahre später trat Patejdl erneut mit seiner Entdeckung an die Fachöffentlichkeit heran, diesmal mit einem Artikel in der naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift „Vesmír“, deutsch „Das All“, die es bis heute gibt. Patejdl merkte an, dass in der Nähe der Steinreihen keine archäologischen Funde, etwa von Keramik, nachgewiesen worden seien. Dies hätte auf eine frühe Besiedlung, etwa der Kelten, hinweisen können. Deswegen zog der Schullehrer und Hobbyforscher den Schluss, dass es sich bei den Steinreihen um ein sehr altes Phänomen handle, das in ganz Mitteleuropa einzigartig sei.

Foto: Roman HartlFoto: Roman Hartl „Von da an haben sich eine ganze Reihe von Privatforschern und auch Institutionen mit den Steinreihen befasst und verschiedene Theorien aufgestellt. Keine dieser Theorien konnte aber bisher bewiesen werden, bis auf die These, dass die Steine von Menschen hierher geschafft worden sind. Für diese Annahme sprechen geologische Gründe. Der Untergrund der Anhöhe Rovina besteht nämlich aus Tonschiefer, die Steine sind aber aus Quarzit. Und diese Gesteinsart ist hier in unserer Gegend nirgends anzutreffen“, so Bürgermeisterin Bechynská.

Die Forscher sind sich einig darüber, dass eine so große Zahl von Steinen in solch regelmäßiger Anordnung nicht auf natürliche Weise entstanden sein kann. Der Spielraum für Hypothesen ist groß. Es wird nicht ausgeschlossen, dass es sich bei der auffälligen Konstruktion um Kultsteine handelt. Das Alter von solchen megalithischen Feldern aus aufrecht stehenden Kultsteinen, die auch als „Menhire“ bezeichnet werden, wird auf bis zu 3000 Jahre geschätzt. Pollenanalysen aus der jüngsten Zeit haben diese Hypothese immerhin nicht widerlegt. Sie ergaben, dass sowohl der Boden des Steinfelds, als auch die Steine selbst biologische Spuren aus dem Mittelalter aufweisen, wobei die Steine auch schon früher an ihrem Platz gelegen haben könnten.

Neben Archäologen, Geologen und Historikern ziehen die Steinreihen auch die Aufmerksamkeit von Astrologen, Psychotronikern und sogar Ufologen auf sich. Anlass zu Spekulationen geben besonders zwei auffällig große Steinblöcke. Dana Bechynská:

Stein Pegasus (Foto: Autorin)Stein Pegasus (Foto: Autorin) „Die zwei größten Steine sind der Pegas und der Gibbon. Jeder von ihnen wiegt mehrere Tonnen, und sie stechen aus den Reihen hervor. Interessant sind sie vor allem deswegen, weil zur Sommer- und Wintersonnenwende der Strahl der sinkenden und aufgehenden Sonne gerade durch sie hindurchgeht. Hieraus haben einige Forscher die Theorie abgeleitet, dass die Steinreihen eine Art prähistorischen Kalender darstellen.“

„Pegas“ nannte man den einen Steinblock, weil er Rillen aufweist, die an das Sternbild Pegasus am nördlichen Sternenhimmel erinnern. Und der Stein „Gibbon“ erhielt seinen Namen zu Ehren des englischen Historikers Edward Gibbon. Ein Forscher, der die Kalender-Hypothese vertrat, war Karel Hornof. Hornof lebte von 1905 bis 1975 und veröffentlichte seine Studien unter dem Pseudonym Ljuba Hornov-Karpatějev. Hornof hielt das Steinfeld für einen Sonnenkalender, mit dessen Hilfe heidnische Priester den Zeitpunkt für ihre Frühlings- und Herbstrituale bestimmt haben. Diese Rituale, so die Annahme, waren wohl auch mit Opferzeremonien verbunden. Der begeisterte Hornof verfasste sogar ein Gedicht über die Steinreihen mit dem Titel „Bei Kounov“. Zu Hornofs Lebzeiten waren die Steinreihen allerdings noch dichter und länger als heute.

„Früher waren es wesentlich mehr Steine als heute. Patejdl hatte von 2200 Steinen berichtet. Die heutigen Forscher führen dagegen Zahlen von 1500 bis 1700 Steinen an. In den über sieben Jahrzehnten seit der Entdeckung des Steinfelds sind also etliche Steine verloren gegangen. Wir nehmen an, dass Einwohner der umliegenden Orte sie beim Anlegen ihrer Gärten verwendet haben. Und einige Steine sind wahrscheinlich eingepflügt worden“, erläutert die Bürgermeisterin.

Stein Gibbon (Foto: Autorin)Stein Gibbon (Foto: Autorin) Die Steinblöcke sind nur roh behauen. Von den meisten sind bloß die oberen Kappen zu sehen, der Rest steckt in Bodenschichten, die sich nach und nach angelagert haben. Auch dies ist ein Hinweis auf ein beträchtliches Alter der Steinreihen. Die Steine sind in Schotterbetten gesetzt und annähernd parallel angeordnet. Sie sind bis zu 400 Meter lang und 13 bis 30 Zentimeter voneinander entfernt. Das Steinfeld bedeckt eine Fläche von elf Hektar. Der Boden ist heute mit einem Buchenwald bepflanzt. Entlang der Steinreihen wurden Schneisen in den Wald geschlagen und markierte Wanderwege geschaffen. Früher einmal war der flache Rücken des Hügels Rovina Ackerland. Manche Forscher sehen hierin einen Anhaltspunkt für die Herkunft der Steine. Sie vermuten, dass die Steinreihen angelegt wurden, um die Grenzen von Äckern zu markieren. Solch nüchterne Erklärungen finden allerdings nicht jedermanns Zustimmung, wie Bechynská ausführt:

„Auf den Steinen sind verschiedene Zeichen eingraviert. Zum Teil sind es Rillen in V-Form, deren Linien mit der Richtung der Sonnenstrahlen zur Sonnenwende übereinstimmen. Einige Steine haben Öffnungen. Einige Forscher glauben, dass die Rillen auf den Steinen Schriftzeichen sein könnten, die früher, als der Rücken des Hügels kahl war, aus dem Weltall zu sehen waren.“

Demzufolge wären die Steine Botschaften für außerirdische Wesen. Eine keltische Burganlage, die man in der Nähe vermutet, rief die These von einer Kultstätte der Kelten hervor, die viel Anklang fand, jedoch bislang nicht bewiesen werden konnte.

Foto: Roman HartlFoto: Roman Hartl Die Steinreihen haben auch Eingang in die Literatur gefunden. In František Markups Märchenroman „Vendulka und die armen Müller“ besucht das Prager Mädchen Vendulka während der Kriegsferien eine Mühle unweit von Kounov. Ein Lehrer führt sie zu den Steinreihen und erklärt ihr, dass die Steine Zeugnisse einer sehr alten slawischen Besiedlung seien.

Interesse an der Geschichte der Steine hat natürlich auch die Gemeindeleitung von Kounov. Doch sie will sich nicht auf die Steinreihen beschränken. So führt der Fußweg dorthin an der Sankt-Adalbert-Kapelle vorbei, um die sich eine hübsche Legende rankt. Auf Adalberts Gebete hin soll einst der Regen eine Dürrezeit beendet haben. Auch die Siedlungsgeschichte des Ortes, in dessen Umland früher Braunkohle abgebaut wurde, möchte man noch genauer kennen lernen, sagt Bürgermeisterin Bechynská:

„Die Bevölkerung dieses Gebiets hier war gemischt. In Kounov lebten Deutsche und Tschechen, und es wurden auch Mischehen geschlossen. Es gibt hier auf dem Friedhof deutsche Gräber. Ich habe bereits Kontakt zu verschiedenen Vereinen aufgenommen, um mit ihrer Hilfe mehr über die Siedlungsgeschichte herauszufinden. Bisher sind wir allerdings noch nicht sehr weit gekommen. Es wäre sehr interessant, mehr über die Geschichte zu wissen, und auch die eine oder andere Kooperation wäre vielleicht gut.“

Foto: AutorinFoto: Autorin Bechynská macht sich Gedanken darüber, wie sie die Steinreihen für den Fremdenverkehr attraktiv ausgestalten kann. Manche Wanderer, die in den Buchenwald bei Kounov aufbrechen, kämen enttäuscht zurück, sagt die Bürgermeisterin. Sie fänden, die grauen Zeugen der Vorzeit seien zu wenig spektakulär. Vor kurzem wurde in Kounov ein Museum eingerichtet, das die Geschichte der Steinreihen und deren Erforschung ausführlich dokumentiert. Andenken, wie Bildmagnete für den Kühlschrank, Abzeichen von Tourismusverbänden oder mit Gewinnspielen verbundene Infokarten betonen die Besonderheit der Steinreihen. Bechynská findet, dass die Anziehungskraft der Steine gerade in deren ungeklärtem Ursprung liege.

„Die Steine strahlen unzweifelhaft eine Magie aus. Das Spannendste an ihnen ist, dass niemand weiß, wozu sie eigentlich gedient haben“, findet Bechynská.

Die Steinreihen von Kounov haben im Übrigen in der heutigen Tschechischen Republik den Status eines geschützten Kulturdenkmals.