Heute am Mikrophon Wertlose Dinge und Worte: Designer Miro Pistek über seine frühen Jahre in der Tschechoslowakei
Miro Pistek ist Designer in Bayreuth. Seit der Wende engagiert er sich beruflich immer wieder auch in Tschechien. So hat er zum Beispiel Golfklubs oder Hotels mit seinen Designmöbeln ausgestattet. Doch Tschechien ist für Miro Pistek mehr als nur ein Markt. Denn der Siebenundfünfzigjährige ist im nordböhmischen Teplice / Teplitz geboren und aufgewachsen. Die Unterdrückung der künstlerischen Freiheit und die Umweltzerstörung in Nordböhmen veranlassten ihn 1980, mit Frau und Tochter nach Bayern auszuwandern. Maria Hammerich-Maier hat mit Miro Pistek über seine frühen Jahre in der Tschechoslowakei gesprochen.
Herr Pistek, Ihre Familie lebte im nordböhmischen Teplice. Ihr Großvater hat dort ein traditionsreiches Handwerk ausgeübt, die Glasschleiferei. Haben die nachfolgenden Generationen Ihrer Familie die Kunst des Glasschleifens weitergeführt?
„Opa war tatsächlich Glasschleifer. Die meisten Männer in meiner Familie haben mit Glasblasen oder Glasschleifen zu tun gehabt. Die Frauen wiederum waren in der Textilindustrie beschäftigt. Meine Mama und auch die Oma waren Meisterinnen in einem Textilbetrieb.“
Sie selbst sind dann einen Schritt über das Fach der Gravur hinausgegangen. Sie wollten den Glasschliff nicht nur ausführen, sondern auch die Idee, den Entwurf selber liefern. Daher studierten Sie in Prag an der Hochschule für angewandte Kunst und wurden Designer…
Miro Pistek (Foto: Autorin)
„Ja, das war ein langer Weg. Ich habe mein ganzes Leben lang immer
irgendetwas gestaltet. Es war so, dass ich vor dem Studium zunächst eine
Graveurlehre machte. Die tschechische Glasindustrie hat sich nach dem Krieg
unter anderem auch auf große Serienproduktionen von geblasenem Glas und
Verpackungsglas, wie Flaschen, ausgerichtet. Sie bekam auch viele
Exportaufträge. So zum Beispiel kamen damals Coca Cola-Flaschen aus Dubí
(früher deutsch auch Eichwald, Anm. d. Red.) bei Teplice. Und diese drei
Lehrjahre fand ich sehr interessant, die waren wirklich toll. Doch ich
wollte die Dinge, an denen ich arbeitete, am liebsten auch selber
gestalten. Der Weg dorthin führt aber über eine höhere Bildung, und
diesen Weg bin ich dann gegangen.“
Und wie ging Ihre Berufslaufbahn nach dem Abschluss des Studiums weiter? Was haben Sie danach gemacht?
Botel Golf Yacht
„Dann kam ich erst einmal zum tschechischen Militär. Dort war dann vor
allen Dingen Schluss mit lustig. Ich habe dort aber sehr schnell begriffen,
dass man auch in extremen Bedingungen gestalten kann. Ich schuf also frei,
nur so für mich, verschiedene Dinge. Das wurde bemerkt, und man bat mich,
Objekte für das Militär zu gestalten. Und so kam ich für einige Zeit in
ein Atelier nach Prag, das das Verteidigungsministerium betrieb. Der Leiter
war ein Bildhauer, also ein Künstler, aber im Rang eines Generals mit
einem Stern. – Das sind interessante Sachen! Irgendwann schreibe ich noch
einmal ein Buch darüber. – Wir arbeiteten dort unter anderem an
Staatsgeschenken. Das bedeutet: Wenn ein Präsident, Verteidigungsminister
oder anderer Minister in ein befreundetes Land fuhr, dann wurde im Vorfeld
dieses Staatsbesuchs eine Büste in Auftrag gegeben. Zum Beispiel eine
Büste von Lenin oder Gottwald oder einem anderen führenden Kopf. Und wir
waren diejenigen, die diese Geschenke unter Anleitung unseres obersten
Chefs ausführten. Es wird Sie vielleicht interessieren, wie wertlos diese
Büsten waren. Meistens waren es nämlich bloß Abgüsse. Sie waren
tatsächlich nur ein Guss, und zwar nicht in wertvoller Bronze, sondern aus
Gips! Damit die Büste aber ein entsprechendes Gewicht hatte, haben wir
Metallteile dazugemengt und sie so patiniert, als wäre sie aus Bronze und
wertvoll. Man sieht also: Die Herren beschenkten sich mit wertlosen Dingen,
so wie Sie uns oft auch Wertloses erzählten.“
Sie waren kreativ und wollten in der Tschechoslowakei als Künstler eigene Ideen umsetzen. Wie haben Sie die politischen Zustände dort erlebt?
Botel Golf Yacht, Möbeldesign von Miro Pistek
„Dieses Atelier hat mir viel bedeutet. Erstens kam ich aus dem
Kampfverband heraus. Das war schon einmal sehr gut. Zweitens konnte ich
mich technisch und technologisch weiterbilden und leistete vernünftige,
professionelle Arbeit, wenn auch mit zweifelhaften Inhalten. Gleichzeitig
konnte ich aber nach der offiziellen Arbeitszeit mit den Werkstoffen, die
wir zur Verfügung hatten, eigene Objekte schaffen. Selbstverständlich
habe ich in der Freizeit gemalt und modelliert. Und diese Werke, die frei
entstanden sind, die stellte ich auf Ausstellungen aus. Und hier liegt
einer der Gründe, warum ich heute nicht mehr in Tschechien lebe. Wir
leisteten gute Arbeit und brachten als Künstler viel Idealismus in unsere
schöpferische Arbeit ein. Doch am Vorabend einer Vernissage kamen
plötzlich ein oder zwei Herren in Trenchcoats. Sie schauten sich die
Ausstellung an, zeigten mit dem Finger auf Bild A und Skulptur B und
sagten: Bitte entfernen Sie diese Stücke! Wir führten mit ihnen
Diskussionen oder versuchten dies zumindest. Doch danach hieß es: Wenn Sie
nächstes Mal überhaupt noch zu eingeladen werden wollen auszustellen,
dann entfernen Sie jetzt bitte sofort alle Ihre Werke und verlassen Sie
diese Räumlichkeiten. Manchmal begründeten die Herren ihre Entscheidung
damit, dass ein Bild zu dunkel sei oder zu wenig rote Farbe enthielte. Dann
wieder argumentierten sie, das Objekt sei nicht positiv genug oder es
entspreche dem Geist des Sozialismus nicht. Das war schon sehr bitter.“
Botel Golf Yacht, Möbeldesign von Miro Pistek
Also eine Art willkürlicher Machtausübung über Künstler, bei der gar
nicht deutlich zu erkennen war, nach welchen Kriterien entschieden wurde.
„Das kann man so sagen. Diese Herren stellten sich auch nie vor. Wir wussten nicht, ob sie vom Staatssicherheitsdienst kamen oder Vertreter von Kulturbehörden waren. Auf keinen Fall handelte es sich um gebildete Künstlerkollegen oder Kunstkritiker. Es waren keine Fachleute.“
Und da lief das Fass für Sie über und Sie flohen 1980 zusammen mit Ihrer Frau und ihrer damals noch kleinen Tochter nach Bayern. Wie sind Sie nach Bayern gekommen?
Botel Golf Yacht, Möbeldesign von Miro Pistek
„Also wir sind nicht plötzlich eines Tages über den Zaun geklettert,
sondern der Entschluss, die Tschechoslowakei zu verlassen, reifte längere
Zeit. Neben der künstlerischen Unfreiheit und persönlichen Belangen war
die Umwelt ein weiterer Grund. Heute kann man sich das kaum mehr
vorstellen. Doch die Stadt Teplice ist nach Größe und Anlage mit Bayreuth
vergleichbar. Sie hat ebenfalls etwa 70 000 Einwohner. In der Umgebung von
Teplice ist das Erzgebirge, ähnlich wie hier das Fichtelgebirge. Die
Gipfel beider Gebirge erreichen ungefähr die gleichen Höhen. Teplice ist
außerdem eine Kulturstadt und ein Kurbad. Man hat aber Nordböhmen zu
einer Industrielandschaft und zu einem Energie- und Chemiegebiet gemacht.
Braunkohlereviere erstreckten sich über viele Kilometer weit, und zwar mit
offenen Schächten. Dort bildete sich sehr viel Smog. Die Chemie-Industrie
siedelte sich nahe den Energiebetrieben an, also entstanden Gebiete mit
geballter Industrie. Und im Ergebnis all dessen waren die ökologischen
Lebensbedingungen dort so schlecht, dass bei kleinen Kindern, die ihre
ersten Zähne bekamen, der Zahnschmelz beschädigt war. Wir bekamen damals
keine handfesten Daten, die gab es erst später. Doch wir erlebten mit,
dass Kinder – nicht nur unsere Tochter, sondern auch die Kinder von
Freunden, abwechselnd eine Woche die Schule oder die Kinderkrippe besuchten
und dann wieder eine Woche krank zu Hause waren. Denn die Belastung durch
die Umwelt war enorm hoch. Das war eine schwerwiegende Sache, zumal wir
innerhalb der Tschechoslowakei nicht einfach umziehen durften. Ich hatte
mir einmal eine Stelle in České Budějovice / Budweis gesucht. Und
nachdem ich mich mit dem Arbeitgeber geeinigt hatte, entschuldigte er sich
und sagte: Ach, Sie kommen aus Nordböhmen. Da darf ich Sie ja gar nicht
einstellen. Da würden doch alle aus den nordböhmischen Gebieten
wegziehen. Das war ein entscheidender Grund auszuwandern, der auch eine
politische Dimension hatte.“
Botel Golf Yacht, Möbeldesign von Miro Pistek
Als Sie in Bayern angekommen waren, befanden Sie sich in der Situation,
dass Ihre Mutter Sudetendeutsche war. Das machte den Neubeginn für Sie
leichter als für viele andere Emigranten, nicht wahr?
„Das habe ich später erkannt, und ich war sehr glücklich darüber. Meine Frau und ich dachten eigentlich, wenn wir es in den Westen schafften, sei noch immer nicht klar, ob wir in Bayern und Deutschland bleiben dürfen. Wir hatten jedoch das große Glück, dass die deutschen Behörden den Reisepass meiner Mama dahingehend deuteten, dass auch ich Deutscher sei. Damit war die Angelegenheit erledigt. Deshalb sprechen Sie also jetzt mit einem Deutschen.“







