Neues Leben auf Neu-Schloss

Petr Kučera, einst Journalist und Politiker, hat ein Schloss gerettet. Mit eigenen Händen und aus eigener Tasche.

Schloss Nové Hrady (Foto: Ondřej Tomšů)Schloss Nové Hrady (Foto: Ondřej Tomšů) Petr Kučera hat keine adeligen Vorfahren und hat sein Schloss weder geerbt, noch in Restitution bekommen. Nach dem Studium der Geschichte und Orientalistik arbeitete er als Journalist und nach der Wende von 1989 machte er Politik. Vor 20 Jahren hat er sich entschlossen, Prag zu verlassen. Er wollte ein historisches Denkmal auferstehen lassen und dort leben. Radio Prag hat ihn nun auf dem Schloss in Nové Hrady / Neu-Schloss in Ostböhmen besucht. Im Speisesaal im ersten Obergeschoss des orangenfarbigen Rokoko-Schlosses, das den Spitznamen „Klein-Versailles“ trägt, begrüßt uns der Schlossbesitzer. Bei einem Glas selbstgemachten Johannisbeerensaft erzählt er über seinen Lebensweg:

„Ende der 1990er Jahre haben meine Frau und ich uns entschlossen, dass wir einen symbolischen roten Strich unter unsere bisherige, aber dennoch ziemlich erfolgreiche, Existenz ziehen.“

Raus aus der Hauptstadt

Petr Kučera (Foto: Ondřej Tomšů)Petr Kučera (Foto: Ondřej Tomšů) Petr Kučera zog sich aus der Politik zurück. Seine Frau Magda gab ihre Arbeit bei verschiedenen japanischen Firmen auf. Sie führt nun Buch in ihrem Familienunternehmen und arbeitet als Ökonomin. Außerdem bäckt sie Kuchen für die Schlosskonditorei. Er wiederum ist der Spiritus rector des Schlossunternehmens, aber auch Maurer, Installateur, Dachdecker und Gärtner.

„Wir besaßen umfangreiche Grundstücke in Prag, die wir als Bauparzellen verkauft haben. Wir hatten also genug Bargeld. Wir haben uns entschieden, Prag zu verlassen und ein Denkmal zu retten. Ich habe Geschichte studiert. Es reizte mich, ein historisches Haus zu besitzen, das auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken kann und architektonisch interessant ist.“

Schloss Nové Hrady (Foto: Ondřej Tomšů)Schloss Nové Hrady (Foto: Ondřej Tomšů) Und so ist das Ehepaar Kučera durch ganz Tschechien gereist und hat nach einem passenden Baudenkmal gesucht. Gelandet sind sie in einem kleinen Dorf nahe der ostböhmischen Stadt Litomyšl. Heute stellt Kučera fest, die Wahl sei richtig gewesen:

„Die Wahl fiel auf Nové Hrady / Neu-Schloss. Das Schloss wurde im für Böhmen seltenen reinen Rokoko-Stil errichtet. Da das Gebäude erst Ende des 18. Jahrhunderts, genauer gesagt 1788, vom französischen Adeligen Harbuval Chamaré, fertiggebaut wurde, war es eigentlich modern. Es musste nie umgebaut werden und dient bis heute in seiner ursprünglichen Gestalt.“

1997 begann die Familie mit der vollständigen Renovierung des verwüsteten Palastes. Binnen zwei Jahren wurde das Schloss instand gesetzt.

Schloss Nové Hrady (Foto: Ondřej Tomšů)Schloss Nové Hrady (Foto: Ondřej Tomšů) „Dies ist das sechste Gebäude, das wir renoviert haben. Wir kamen hundertprozentig ausgestattet mit fachlichen Kenntnissen hierher. Ich habe hier eine kleine Bauhütte errichtet, wir haben Maurer aus dem Ort und weitere Menschen angestellt. Und inzwischen haben wir auch viel Neues gelernt. Von unseren vier Kindern lebt der älteste Sohn hier mit uns. Und wir machen alles selbst: Bodenarbeiten, Fliesenlegen, Dachrenovierung, Wärmepumpen. Was einem so einfällt. Das ist ein großer Vorteil.“

Ohne öffentliche Gelder

Für die Renovierung hat Petr Kučera nie öffentliche Gelder oder Subventionen beantragt. Er hat einen guten Grund dafür:

Foto: Ondřej TomšůFoto: Ondřej Tomšů „Wenn man die Erfahrungen, Fähigkeiten und Kenntnisse hat, die wir im Laufe der Jahre erlangt haben, so zeigen sich öffentliche Gelder als die teuerste mögliche Finanzquelle. Wenn ich die Kosten vergleiche, bei einer Arbeit, die ich selbst mache, und bei der Arbeit, die die Stadt mit Hilfe der EU-Förderung macht, liegen unsere Kosten bei einem Sechstel, Achtel oder sogar einem Zehntel des Preises.“

In der Vergangenheit habe zum Adelssitz ein Herrschaftsgebiet mit etwa zwanzig Dörfern gehört, die dafür gearbeitet hätten, sagt Kučera. Es habe dort viele Wirtschaftsbetriebe, Mühlen, Sand- und Steinbrüche, Ziegelbrennereien und eine umfangreiche Landwirtschaft gegeben. Das sei heute anders, betont der neue Schlossherr. Die Familie sucht vor allem bei Schlössern im Ausland nach Inspiration für ihr Wirtschaften.

Fahrrad-Museum (Foto: Ondřej Tomšů)Fahrrad-Museum (Foto: Ondřej Tomšů) „Heute ist nur das Schloss geblieben, dass inmitten eines kleinen Dorfes absurd auffällt. Und man muss einen Sinn, eine Bestimmung dafür finden. Für uns bedeutet das, das Schloss für die Öffentlichkeit zu öffnen. Wir bemühen uns, das Schöne zugänglich zu machen, das uns unsere Vorfahren hinterlassen haben, die ästhetische Schönheit, die mit dem Schloss in ihrer Zeit einen Höhepunkt erreichte.“

Um ein Schloss finanzieren zu können, müsse man aber mehrere Einnahmequellen zusammenfließen lassen, betont Kučera:

„Wir haben ein Restaurant, eine Konditorei, wir veranstalten Schlossführungen, Galerien, ein Fahrrad-Museum, eine Ausstellung englischer Hüte, eine große Hirsch- und eine Dammhirschherde und wir betreiben Landwirtschaft. Mit alledem sichern wir uns unsere finanzielle Selbständigkeit.“

Mehr als nur ein Schloss

Foto: Ondřej TomšůFoto: Ondřej Tomšů Außerdem müsse man nicht nur das eigentliche Gebäude im Auge haben, sondern auch dessen ganze Umgebung, so Schlosseigentümer:

„Deswegen haben wir heute zehn Gärten und planen noch weitere. Dieser Trend funktioniert schon seit langem in Westeuropa, ich meine vor allem in Frankreich und England. Er hat sich als der einzigmögliche Weg zur ökonomischen Stabilität von Denkmälern bewährt. Warum? Ein Denkmal wird von den Besuchern meist nur einmal besichtigt. Sie haben keinen Grund, mehrmals zu kommen. Bei den Gärten ist das anders. Für eine Familie im 21. Jahrhundert ist der Aufenthalt in einem Garten ein Erlebnis, das sie mehrere Male im Jahr wiederholen kann.“

Die umfangreichen Gärten rund um das Schloss sind der Stolz der Familie Kučera. Es gibt dort einen französischen, einen italienischen und einen englischen Garten, dazu aber noch einen Gemüsegarten, in dem Gemüse für das Schlossrestaurant angebaut wird. Es gibt da ein Gartentheater, ein Gartenlabyrinth und vieles mehr.

Foto: Ondřej TomšůFoto: Ondřej Tomšů Die Familie beschäftigt vier ständige Angestellte. In der Saison werden Studentinnen angestellt, die Führungen durch das Schloss machen oder in der Konditorei, dem Restaurant, Museum sowie in den Galerien arbeiten. Den größten Teil der Arbeit im Schlossunternehmen leisten die Familienmitglieder selbst.

„In unserem Alter, ich bin siebzig und meine Frau etwas jünger, sieht man die Sachen anders als früher. Es geht nicht darum, viel Geld zu verdienen. Was wir erwerben, investieren wir weiter, weil wir noch viele Pläne haben. Die Zusammenarbeit der Familie ist wichtig. Wir haben vier Kinder. Sie werden höchstwahrscheinlich unsere Arbeit in irgendeiner Form fortsetzen. Es geht darum, gemeinsam etwas zu leisten.“

Foto: Ondřej TomšůFoto: Ondřej Tomšů Für Petr Kučera ist die Arbeit im Schloss und um das Schloss ein Hobby. Er hat Lust und Freude an dem unaufhörlichen Prozess. Seine Familie habe nie bedauert, sich vor zwanzig Jahren für einen radikalen Umbruch entschieden zu haben:

„Keinesfalls. Nie. Ich sage, Prag ist schön. Wir haben dort ein schönes reichhaltiges Stück Leben verbracht. Für junge Menschen ist es wohl der beste Ort, wo sie Erfahrungen sammeln und sich durchsetzen können. Ich pflege gerne zu sagen, ich war schon dort. Ich kehre dorthin gerne zurück und suche nach den Erlebnissen. Aber ich würde nie mehr zurück nach Prag umziehen. Hier bin ich zu Hause.“