„Licht, Wärme und Einsamkeit“

Neujahrswünsche, Aufwachsen als Dissidentenkind und das Schreiben als Hobby – Jáchym Topol im Gespräch.

Jáchym Topol (Foto: Luděk Kovář, CC BY-SA 3.0)Jáchym Topol (Foto: Luděk Kovář, CC BY-SA 3.0) Vorsätze für das neue Jahr hat Jáchym Topol eigentlich keine:

„Ich versuche mich dem zu widersetzen, gegen die Atmosphäre insgesamt kommt man jedoch nicht an. Und damit meine ich die Sehnsucht nach Veränderung, jedoch nicht unbedingt der politischen. Vielmehr geht es darum, dass sich der Mensch insgesamt immer wieder verändern und wiedergebären will. Ich als Schriftsteller im Besonderen habe die Möglichkeit, wie Phönix aus der Asche aufzusteigen, und das ist überwältigend. In uns lebt ja diese Hoffnung, dass die Welt besser wird, dass wir besser werden, dass einfach alles besser wird.“

Naja, das Rauchen sollte er dann doch irgendwie lassen, fügt Topol hinzu. Insgesamt empfindet der Schriftsteller und Journalist den Jahresbeginn als eine sehr merkwürdige Zeit:

„Der 1. Januar ist eigentlich ein sehr zweifelhaftes Datum, da es voller Erwartungen ist. Es gibt da eben all die Vorsätze und Vorhaben – alles besser zu machen, die Wohnung neu zu streichen, abzunehmen, nicht mehr zu fluchen, sich gut zu benehmen. Das alles erfüllt uns mit solch einer seligen Erwartungshaltung, aber auch mit einem Grauen davor, dass wir nichts davon durchziehen.“

Man gewöhnt sich an alles

Josef Topol (Foto: Archiv des Instituts der Künste – Theaterinstituts)Josef Topol (Foto: Archiv des Instituts der Künste – Theaterinstituts) Jáchym Topol wurde 1962 in Prag geboren, und zwar als Sohn des Dramatikers und Shakespeare-Übersetzers Josef Topol und Jiřina Topolová, der Tochter des katholischen Schriftstellers Karel Schulz. Sein familiärer Hintergrund bot ihm nicht unbedingt die besten Startbedingungen, sein Vater Josef war bei den Kommunisten in Ungnade gefallen und als späterer Unterzeichner der Charta 77 eine Persona non grata. Auch für den jungen Jáchym hatte das Konsequenzen, wie er sich erinnert:

„Ich war auf einem ganz besonderen, aber auch lustigen und im Großen und Ganzen wunderbaren Gymnasium – und zwar auf dem Gymnasium Prag-Radotín. Nach 1977 kamen dort viele Kinder von Eltern hin, die damals die Charta 77 unterschrieben hatten. Bei denen stand dann in der Akte, dass sie nicht weiter hätten studieren dürfen. Auf der Schule waren dann Milena Grušová, die Tochter von Jiří Gruša, Veronika Bartošková, also die Tochter des Dissidenten Karel Bartošek, David Pithart, Jáchym und Filip Topol und viele andere Kinder aus Familien, die unter dem Stiefel des Regimes standen. Sie waren dort unter der Lupe und gut bewacht.“

Psí vojáci (Foto: Archiv der Band)Psí vojáci (Foto: Archiv der Band) Man habe sich dennoch irgendwann an die Repressalien gewöhnt, so Topol. Immer sei da der Hintergedanke gewesen, dass es die Menschen beispielsweise in den 1950er Jahren viel schlimmer gehabt hätten. Insgesamt glaubt Jáchym Topol, dass er und sein Bruder Filip, der 2003 viel zu früh verstorbene Frontmann der Progressiv-Band Psí vojáci, die Staatssicherheit besonders oft auf der Matte hatten. Das könnte auch einen ganz bestimmten Grund gehabt haben:

„Da ich wahrscheinlich die längsten Haare von allen hatte, holte mich die Staatssicherheit am häufigsten ab. Aus dem Lautsprecher hieß es dann immer: ‚Topol ins Rektorat!‘ Meine Mitschülerinnen gaben mir dann immer ihre Butterbrote oder einen Apfel und winkten mir wehmütig hinterher. Denn da war immer klar, dass ich eine Zeitlang in die Zelle wandern werde.“

Eine Schulzeit in Grautönen

Plastic People of the Universe (Foto: Tschechisches Fernsehen)Plastic People of the Universe (Foto: Tschechisches Fernsehen) Alles in allem sieht Jáchym Topol seine Schulzeit in Grautönen. Trotz der Schattenseiten war es für den Autor eine wichtige Zeit, und einigen Lehrkräften hatte er viel zu verdanken:

„Unsere Schuldirektorin, Frau Irglová, war eine ganz feine und elegante Dame, und sie wusste ganz genau, wer wir waren. Sie stand unter dem Druck jener Zeit – da sie und auch andere Lehrer uns in gewisser Weise schützten, musste sie halt mit den Leuten von Staatssicherheit ab und zu einen Kaffee in ihrem Büro trinken. Einerseits verpfiffen uns die Lehrer, auf der anderen Seite tolerierten sie aber auch, was wir machten. Ich meine damit, dass wir Samisdat-Literatur oder Kassetten von verbotenen Bands wie DG307 oder den Plastic People of the Universe austauschten. So hat das funktioniert. Ich will also nicht aus einer Schwarz-Weiß-Sicht heraus sagen, dass alle Lehrer dort schrecklich waren. Ganz im Gegenteil, viele von ihnen haben uns geschützt und waren wunderbar.“

„...ein Schwarm Melonen...“ (Illustrationsfoto: PublicDomainPictures, Pixabay / CC0)„...ein Schwarm Melonen...“ (Illustrationsfoto: PublicDomainPictures, Pixabay / CC0) Jáchym Topol war als Dissidentenkind gebrandmarkt. So brach er die Schule ab, eine Perspektive sah er für sich sowieso nicht. Bis zur Wende von 1989 verdingte er sich als Heizer und Lagerist, bis er wegen seiner angeschlagenen Gesundheit in Frührente geschickt wurde. Nach der Samtenen Revolution setzte er sich schließlich an den Schreibtisch und wurde der wohl erste Berufsautor Tschechiens. Die Wurzeln für seine Literatur, und ebenso für seine eigenwillige Sprache, liegen aber weit in seiner Schulzeit:

„Eigentlich weiß ich nicht, wo mein besonderer Stil herkommt. Ich kann mich aber an eine bestimmte Szene erinnern, als ich so in der zweiten Klasse war. Der Mathe-Lehrer hat in die Runde gefragt, was denn eine Menge sei. Ein Mitschüler hat dann geantwortet: eine Schwarm Melonen. Das fand ich so lustig, dass ich vor Lachen mit dem Kopf gegen die Schulbank gehauen habe. Die Sprachkomik oder aber nur, wie sich die Sprache entwickelt oder wie sie jeden Tag einfach passiert, das finde ich interessant. Manchmal ist das schlicht angeboren.“

Foto: Verlag SuhrkampFoto: Verlag Suhrkamp Aus jener Zeit stammen auch die ersten literarischen Entwürfe – und die ersten Enttäuschungen:

„Ich kann mich erinnern, wie ich meine ersten schriftstellerischen Versuche in meine Schulhefte kritzelte. Einmal habe ich statt einer Mathearbeit eines dieser Schmierblätter abgegeben – und bekam es natürlich mit einer Fünf zurück. Drunter stand dann auch noch: unverständlich. Ich bin dann heimgeschlichen, und in meinem Kopf tobte das Wort herum: unverständlich, unverständlich.“

Sein Roman „Die Schwester“, ein drastisches Psychogramm der Wendezeit, wurde zu einem der wichtigsten Bücher der tschechischen Gegenwartsliteratur. Man sagt Topol nach, dass er der Erste war, der die tschechische Umgangs- und Vulgärsprache salonfähig gemacht hat. Und das mit Erfolg – seine Werke wurden in rund 20 Sprachen übersetzt, ins Deutsche wurden sie unter anderem von Eva Profousová übertragen. Dennoch will sich Topol nicht unbedingt als „Berufsschriftsteller“ sehen:

„In den letzten Jahren nenne ich das Schreiben mein Hobby. Denn jeder echte Kerl braucht ein Hobby. Und ich kann leider keine Schiffe in Whisky-Flaschen stecken und bin auch sonst handwerklich nicht so begabt, wobei es eigentlich so schlimm auch wieder nicht ist. Deshalb ist halt das Schreiben mein Hobby. Eigentlich ist es aber wie eine Rutsche: Wenn man schnell hinuntersaust, dann ist man begeistert. Haut man sich dann während der Fahrt aber an, ist man fix und fertig. So ist das auch bei der Literatur: Schreiben ist einfach furchtbar, und Nicht-Schreiben ist schier entsetzlich. Das ist auch so ein Spruch von mir.“

Licht, Wärme und Einsamkeit

Foto: Verlag TorstFoto: Verlag Torst Für sein jüngstes Werk „Citlivý člověk“, zu Deutsch in etwa: Der sensible Mensch, hat Topol im vergangenen Jahr den tschechischen Staatspreis für Literatur erhalten. Beim Schreiben des Buches, immerhin ein Prozess von sieben Jahren, ist ihm eine Sache besonders bewusst geworden:

„Mein letztes Werk habe ich in einem Raum geschrieben, in dem es nur einen Kamin gab und immerhin einen richtigen Fußboden. Sonst war das Haus ziemlich heruntergekommen. Ich musste also mit Holz heizen – und gerade das war für mich ein Mysterium. Ich musste Holz und Reisig aus dem Wald holen, zwar ist das nicht ganz legal, aber das ist mir jetzt auch egal. Dann musste ich es zu Scheiten hacken und tatsächlich eigenhändig heizen. Dabei merkt man eigentlich, wie abhängig man beim Schreiben von diesen grundlegenden Dingen ist: Licht, Wärme und Einsamkeit.“

Mit dem Staatspreis für Literatur sei er nun richtig berühmt geworden, meint Topol mit bescheidener Ironie. Aus seiner Art literarischem Underground will er aber nicht wirklich ausbrechen, er will nicht Mainstream sein. Dabei lastet ihm jedoch seine Biographie, die mittlerweile schon Geschichte ist, zu sehr auf den Schultern. In Zukunft will sich Jáchym Topol deshalb an ein anderes Genre wagen, um dessen „Leichtigkeit“ er beispielsweise die Franzosen beneidet:

Jáchym Topol (Foto: Jana Přinosilová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Jáchym Topol (Foto: Jana Přinosilová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Ich würde wahrscheinlich am liebsten einen historischen Roman schreiben. Zwar lobe ich mich, dass ich es im Gegensatz zu anderen Schriftstellern in Tschechien geschafft habe, einen echten Gegenwartsroman zu schreiben. Trotzdem lastet auch auf mir, wie auf allen tschechischen Schriftstellern, unsagbar schwer der Fluch der Geschichte. Ich beneide die Franzosen und Holländer ein bisschen darum, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Totalitarismus mehr erfahren mussten und weit weg waren von diesem despotischen und imperialen Riesen Russland. Man kann in dieser Gegend nicht einfach eine Geschichte vom Lande aus den 1950er oder 1960er Jahren schreiben, ohne diese Politik, diesen Trotz und diese Spitzeleien. Und das macht mich wütend. Ich würde deshalb am liebsten einen Roman über die Landnahme der Tschechen hier schreiben, als die Horden unserer Urväter hierhergekommen sind.“