Jürgen Serke: „Kafka, Werfel und Rilke habe ich ausgelassen“

Der tschechische Literaturpreis Magnesia Litera wurde 2002 neu gegründet. Gleich im ersten Jahr ging die Auszeichnung an die Übersetzung eines deutschen Buches: „Böhmische Dörfer. Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft“. Sein Autor ist der Journalist Jürgen Serke.

Foto: Verlag Paul ZsolnayFoto: Verlag Paul Zsolnay „Böhmische Dörfer. Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft“: Wann entstand die Idee, die Schicksale von 47 deutschsprachigen Autoren aus Böhmen und Mähren in einem Buch zusammenzubringen?

„Das war nach dem Ende des Prager Frühlings. Da fing ich an, erst einmal unsere eigenen verfolgten Schriftsteller in dem Buch ‚Die verbrannten Dichter‘ 1977 zu beschreiben. Dann habe ich das Buch über ‚Die verbannten Dichter‘ im Exil geschrieben, über Kohout, Kundera und all die Schriftsteller, die der Kommunismus rausgeschmissen hat. Und dann sagte ich mir, Mensch, da gab es in der Geschichte doch eine deutsche Literatur, und habe das recherchiert. Ich habe über 47 Autoren geschrieben. Drei habe ich ausgelassen, Kafka, Werfel und Rilke, die kannte man. Die 47 waren unbekannter. Das war eine Wahnsinnsarbeit. Einige Autoren lebten noch, aber die meisten waren schon tot. Ich besuchte Zeitgenossen dieser Autoren, in allen möglichen Ländern. Denn diese deutschsprachigen Schriftsteller wurden ja erst einmal von den Nazis vertrieben. Wenn sie den Nazis entkamen, dann in das westliche Ausland. Dort sind sie geblieben, weil sie nach 1945 nicht den Vorstellungen der Kommunisten entsprochen haben. Also konnten sie auch nicht zurück. Deswegen habe ich das alles in der Welt recherchiert. Ich kam aber schnell an die Grenze meiner physischen Möglichkeiten. Eigentlich müsste man dafür ein Literaturinstitut an seiner Seite haben, aber ich habe das allein gemacht. Es ist dann auch fertig geworden, und zwar zwei Jahre vor der Wende. In dem Buch habe ich auch gesagt, dass erstmals Prag der Mittelpunkt Europas ist, was ja auch schon Robert Musil gesagt hatte: ‚wo die Weltachsen sich schneiden, das ist Prag‘. Und dass Prag einmal ein Mittelpunkt der freien Welt werden wird.“

Jürgen Serke (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Jürgen Serke (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Wie haben Sie diese 47 Autoren ausgewählt, war das nacheinander, im Laufe Ihrer Recherchen? Haben Sie dabei immer neue Persönlichkeiten gefunden?

„Ich habe erstmal wahllos gelesen. Aber diese Bücher gab es ja nicht mehr, die musste man in Antiquariaten suchen. Bei dem einen Autor tauchte dann immer wieder der nächste Autor auf. Ich habe die ganzen uralten Erstausgaben zusammengetragen und auf meinen Reisen bin ich zu Dokumenten gekommen, Briefe und alles Mögliche. Dann habe ich ausgewertet, ich hätte über 80 Autoren schreiben können. Das wäre dann ein Lexikon geworden, ich wollte aber eher exemplarische Schicksale zeigen. Da brauche ich nicht einen dritten Autor, der dieselbe oder eine ähnliche Geschichte erlebt hat. Und so habe ich das ausgewählt. Als das Buch 1987 in Österreich und in Deutschland herauskam, war das Geschrei groß. Viele unsere westdeutschen Kritiker waren der Meinung, dass ich dort zu rigoros mit den Kommunisten umgehe. Das durfte man nicht, es gab bei uns so eine linke Empathie, ganz egal, was man da im Osten machte, das Linke war immer richtig. Und dann gab es also eben hier in Prag alle möglichen Reaktionen: laut der Wochenzeitung Rudé právo da stimmte alles nicht, das Wochenblatt Tvorba hat vier Literaturwissenschaftler angesetzt, um mein Buch als unglaubwürdig darzustellen. Das Schöne war, es rief mich Ludvík Vaculík in Hamburg an und sagte, du Jürgen, du bist verrissen worden. Ich sagte, das ist nicht toll. Doch, sagte er, wunderbar. Sie zitieren dich immer sehr lange bei dem Verriss, und wir alle, die das lesen, wissen, dass du da Recht gehabt hast. Ich kann dir nur gratulieren.“

Bohumil Hrabal (Foto: Hana Hamplová, CC BY-SA 3.0)Bohumil Hrabal (Foto: Hana Hamplová, CC BY-SA 3.0) Das war nicht so üblich, dass man hierzulande auf ein Buch so stark reagiert hätte, das im Westen erschienen ist…

„Na ja, offensichtlich hat es einen Nerv getroffen. Die Auseinandersetzung war eigentlich hart. In der Tschechoslowakei durfte keiner das Buch kaufen. Gestern habe ich erfahren, dass Bohumil Hrabal sich dieses Buch besorgt und es gelesen hat. Er hat es dann einem Freund als Geschenk nach Amerika geschickt. Das hat mich unglaublich gefreut, dass dieser Bohumil Hrabal von meinem Buch eine so hohe Meinung hatte und dass er es gut und notwendig fand. Beispielsweise Milan Kundera hat geschrieben, als er das Buch in Händen hatte, es ginge um die deutschen Brüder der tschechischen Schriftsteller. Es sei eine wunderbare Welt gewesen, die leider untergegangen ist. Also die beiden fand ich in dieser Kombination sehr gut.“

Eine weitere Welle Reaktionen kam nach der Übersetzung ins Tschechische, was ganze 15 Jahre dauerte. Seit wann wurde darüber verhandelt?

„Schon seit der Wende 1989 ging das immer hin und her, weil es ja auch teuer war, so etwas zu produzieren. Aber andererseits war es auch so, dass natürlich alle tschechischen Schriftsteller auch wieder in den tschechischen Markt drängten mit ihren Ausgaben. In den ersten Jahren wurde die tschechische Literatur wiederentdeckt. Und irgendwann gab es einen winzigen Verlag hier in Prag, Triáda, der das machen wollte. Zunächst konnte ich das gar nicht glauben, nach all den Versuchen. Und dann haben sie mich nach Prag eingeladen. Ich bin durch die Verlagsräume gegangen, das waren 3 mal 4 Meter. Ich habe mir gesagt, 12 Quadratmeter, das könnte gut werden. Und die haben das wunderbar gemacht. So dass wir dann diesen neugegründeten Nominierungspreis dafür bekommen haben. Die Zeitungen waren voll des Lobes, und ich habe mich gefreut. Es ist auch eine Ausgabe, die vom Graphischen her noch viel schöner ist, als die deutsche Ausgabe. Die Tschechen haben natürlich die alten Fotos nicht geschnitten. Sie haben unten immer das Foto-Studio drin gelassen, so dass der authentische Eindruck viel stärker geworden ist. Und ich bewundere die Übersetzer: Ich glaube, es waren vier Menschen, die dieses Buch übersetzt haben, das ist ja auch eine Wahnsinnsleistung. Andererseits konnte ich sehen, dass auch ich viel geleistet habe, indem ich völlig allein das ganze Ding geschrieben habe.“

Sie haben damals bewusst betont, dass dieser neugegründete Preis Magnesia Littera an einen ausländischen Autor verliehen wurde, und sogar an einen Deutschen. Wäre das heute noch etwas so besonderes, oder sind die deutsch-tschechischen Beziehungen schon weiter fortgeschritten?

„Die Beziehungen sind ganz gut heute. Damals war es eine Sensation, obwohl es schon über zehn Jahre nach der Samtenen Revolution war. Trotzdem gab es zu jener Zeit in diesen Gremien und Jurys immer noch viele der alten Genossen, die mitentschieden haben. Dieser Nominierungspreis war eingeteilt in verschiedene Kategorien. Zum Beispiel in der Kategorie Lyrik bekam diesen Preis mein Freund Jiří Gruša. Wir gingen runter zur Preisverleihung in die Stadtbibliothek, und Gruša sagte, du wir beide hätten nie eine Chance gehabt, wenn das vier oder fünf Jury-Mitglieder gewesen wären. Da wären drei davon alte Genossen gewesen. Aber es gab, glaube ich, damals 25 Jury-Mitglieder, und da hatten wir unsere Chance. Heute ist das akzeptiert, das ist ja das Tolle. Ich finde es wunderbar vom Außenministerium, dass es auf ein Buch hinweist, das in diesem Jahr gerade 30 Jahre alt geworden ist. Praktisch sagt es damit, ich hätte die deutschsprachige Literatur der Tschechoslowakei wieder in die tschechische Geschichte eingefügt. Dass man das heute im tschechischen Außenministerium gut findet, zeigt auch, was sich seit 1989 alles positiv gegenüber der sogenannten deutschen Sache verändert hat. Dass man also wieder weiß, dass es ein Teil der eigenen Kultur gewesen ist. So wie wir in Deutschland nach 1945 gelernt haben, die jüdische Kultur, die wir in Auschwitz und sonst in allen anderen Konzentrationslagern ja zerstört haben, wieder in die deutsche Geschichte einzufügen.“