„Dann höre ich laut Pink Floyd…“

Saleem Ashkar konzentriert sich in den letzten Jahren auf die Klaviersonaten Ludwig van Beethovens. Der israelisch-palästinensische Pianist spielt sie in Konzerten und hat mit einer Gesamtaufnahme der Sonaten für den Label Decca begonnen. Den zweiten Teil eines Zyklus von Beethoven-Sonaten hat der Klaviervirtuose am Montag in Prag eröffnet. Im Folgenden ein Interview mit Saleem Ashkar über seine Musikerkarriere, seine Beziehung zu Prag und seine Zusammenarbeit mit tschechischen Künstlern.

Saleem Ashkar (Foto: Neda Navaee, Archiv der Agentur SMART Communication)Saleem Ashkar (Foto: Neda Navaee, Archiv der Agentur SMART Communication) Herr Ashkar, das fünfte Konzert des Zyklus von Beethoven-Sonaten in Prag ist soeben zu Ende. Sie haben zuvor die Sonaten nicht nur in der tschechischen Hauptstadt, sondern auch in Berlin oder in Israel gespielt. Wie wichtig sind für Sie die Orte und Säle, an denen die Konzerte stattfinden?

„Sie sind unter einigen Aspekten wichtig. Erst einmal muss es akustisch stimmen. Dann kommt dazu die Frage der Atmosphäre. Ich finde, dass in vielen modernen Sälen akustisch alles stimmt, aber manchmal die Seele oder die Atmosphäre fehlt. Aber hier in diesem wunderbaren Saal der Nationalgalerie Prag ist es einfach herrlich. Das historische Gebäude mit den hohen Wänden hat eine Ästhetik und vermittelt zudem das Gefühl einer Verbindung mit der Vergangenheit. Dies ist sehr inspirierend, das kann man nicht ignorieren.“

Sie haben sich für eine Gesamtaufnahme von Beethovens Sonaten entschieden. Aus welchem Grund? Denn es gab und gibt eine starke Konkurrenz, was die Aufnahmen betrifft…

„Beethovens Sonaten haben mich seit meiner Kindheit sehr fasziniert und gefesselt. Ich wollte sie schon immer als Zyklus spielen. Denn das ist eine bestimmte Herausforderung, man taucht in diese Welt von Beethoven ein.“

„Wenn man an die Konkurrenz denken würde, würde man nichts mehr im Leben zu machen versuchen. Man muss sich die Frage stellen, was man am liebsten machen möchte und was einen am stärksten anspricht. Und diese Sonaten haben mich seit meiner Kindheit sehr fasziniert und gefesselt. Ich wollte sie schon immer als Zyklus spielen. Denn das ist eine bestimmte Herausforderung, man taucht in diese Welt von Beethoven ein. Dies ist etwas ganz anderes als ein Soloabend mit ein bisschen Beethoven, ein bisschen Schumann, ein bisschen Liszt und Chopin. Das Erlebnis eines Sonatenzyklus´ ist auch für das Publikum etwas Besonderes. Das wollte ich auch erleben.“

Wie war Ihr Weg zur Musik? Stammen Sie aus einem musikalischen Umfeld oder eher nicht?

Saleem Ashkar (Foto: Jörgens.mi / CC BY-SA 3.0)Saleem Ashkar (Foto: Jörgens.mi / CC BY-SA 3.0) „Überhaupt nicht. Ich komme aus einer Gesellschaft und einer Stadt, in der es diese Musik gar nicht gab. Ich wollte die Musik für mich entdecken. Das war teilweise schwierig, aber auch faszinierend und aufregend. Es war eine Herausforderung. Ich musste dafür kämpfen, um eine Musikerlaufbahn machen zu können. Dass war nicht wie bei einem Kind, das aus Moskau oder aus Paris kommt. Ich musste dafür kämpfen, und das hat mich auch geprägt.“

Sie stammen aus Nazareth. Aber schon früh sind Sie nach Europa gereist. Was war der wichtige Moment? Waren es die Begegnungen mit namhaften Musikern wie Zubin Mehta oder Daniel Barenboim?

„Die Begegnungen mit den großen Musikern, die man zuvor nur von den CDs oder aus dem Fernsehen gekannt hat, sind natürlich unglaublich wichtig. Der Einfluss der Persönlichkeiten auf einen jungen Musiker ist kaum zu beschreiben. Ich merke das immer noch. Denn sie sagten mir etwas, und ich hatte das Gefühl, es verstanden zu haben. Zwei Jahre später habe ich mich wieder an den Satz erinnert und gesagt: ,Jetzt verstehe ich das erst richtig.‘ Diese Leute haben so viel zu geben, so viel Weisheit und Erfahrungen. Der Einfluss ist groß und bedeutend. Aber ich würde sagen, diese Begegnungen sind nicht der einzige Schlüsselmoment. Ein Schlüsselmoment ist manchmal auch das, wenn man allein nur mit dem Flügel oder mit einer Partitur ist. Es gibt auch die Aha-Momente, die sehr intim sind, wenn man allein mit der Musik ist.“

Ludwig van Beethoven (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Ludwig van Beethoven (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Seit wann leben Sie sozusagen intensiv im Zeichen der Beethoven-Sonaten?

„So intensiv seit drei, vier Jahren.“

Was fasziniert Sie an den Werken, die Pianist von Bülow einst als das „Neue Testament“ in der Musik bezeichnet hat?

„Das stimmt auch. Denn in den 32 Sonaten ist ein ganzes Universum enthalten: musikalisch im technischen Sinn, aber auch emotional. Es war eine große Entwicklung während Beethovens Lebens. Sie stellen eine Welt für sich dar. Was mich daran fasziniert, ist die Endlosigkeit. Man hat das Gefühl, dass man es nie richtig spielen kann, und man beherrscht es nie, denn das Werk ist immer größer als der Pianist selbst.“

Wie ist Ihre Beziehung zur tschechischen Musik?

„Ich halte die tschechische Musik für sehr wichtig. Smetana und Dvořák sind Komponisten, die die meisten kennen. Ich habe diese Musik geliebt und auch gespielt. Ich merke, wenn ich nach Prag komme, dass das Land und diese Stadt unglaublich musikalisch sind. Das Publikum ist so konzentriert und taucht in die Musik ein. Das findet man heutzutage nur selten. Ich bin sehr dankbar dafür, hier spielen zu können. Jedes Mal, wenn ich nach Prag komme, merke ich, dass es ein Ort ist, wo die Musik wirklich im Mittelpunkt des Interesses steht. Das ist für einen Musiker herrlich.“

„Ich merke, wenn ich nach Prag komme, dass das Land und diese Stadt unglaublich musikalisch sind. Das Publikum ist so konzentriert und taucht in die Musik ein.“

Sie sind zum ersten Mal vor vier Jahren in Prag aufgetreten, damals mit der Tschechischen Philharmonie. Sie spielten Beethovens viertes Klavierkonzert. Haben Sie inzwischen auch mit anderen tschechischen Musikern zusammengearbeitet?

„Ich habe mit Jakub Hrůša und auch mit Radek Baborák zusammengearbeitet. Sie sind beide hervorragende Musiker.

Wollen Sie sich eher auf die Karriere eines Solisten zu konzentrieren, oder möchten Sie auch in einem Kammerensemble spielen?

Saleem Ashkar (Foto: YouTube)Saleem Ashkar (Foto: YouTube) „Ich liebe es, viel auf einmal zu machen. Ich spiele viel Kammermusik. Ich liebe jedoch auch meine Freiheit als Solist. Es ist wunderbar, an einem Soloabend allein für sich zu sein – man hat die ganze Verantwortung, aber auch den ganzen Spaß. Ich spiele auch gern Begleitung bei Liederabenden. Ich finde, dass alles zusammengehört: Wenn man mit einem Orchester spielt, muss man wie ein Kammermusiker und nicht wie ein Pseudosolist denken. Man begleitet, hört zu, gibt und nimmt genauso wie in einem Kammerensemble. Ich will mich nicht als Solist oder als Kammermusiker definieren, es ist für mich alles eine Einheit.“

Galilee Chamber Orchestra (Foto: YouTube Kanal von Polyphony Conservatory)Galilee Chamber Orchestra (Foto: YouTube Kanal von Polyphony Conservatory) Sie engagieren sich stark für junge Musiker, die nicht die notwendigen Bedingungen für das Studium oder den Musikunterricht in ihrer Heimat hatten. Gibt es immer noch das Galilee Chamber Orchestra, das Sie unterstützten?

„Ja, es gibt mehrere Projekte, in denen ich engagiert bin. Es gibt den Music Fond in Belgien, das Kammerorchester von Galiläa, in dem viele arabische und jüdische Musiker spielen. Ich beteilige mich an sehr vielen derartigen Projekten, denn ich habe das Gefühl, dass man sich engagieren muss, man darf sich nicht irgendwo verstecken. Wir haben so viele Herausforderungen in der Gesellschaft, in der Politik. Ich tue, was ich als Künstler kann, und es ist für mich völlig natürlich.“

Haben Sie auch Zeit, Musik zu hören? Wenn schon, hören Sie nur klassische Musik oder auch etwas anderes?

Pink Floyd (Foto: TimDuncan, CC BY 3.0)Pink Floyd (Foto: TimDuncan, CC BY 3.0) „Ich habe selten Zeit, Musik zu hören. Wenn schon, dann eher klassische Musik. Aber wenn ich meine Wohnung putze oder wenn ich koche, dann höre ich Mal auch etwas anderes. Ich habe seit der Kindheit eine Schwäche für die Pink Floyd. Ich höre dann ganz laut die Musik dieser Band. Und meine Nachbarn staunen, denn normalerweise hören sie mich Klavier üben – und dann plötzlich sehr laute Rockmusik aus meiner Wohnung. Ich finde, Pink Floyd haben auch heute noch Bedeutung. Manchmal hat die Musik einen befreienden Effekt.“

Sie haben in Prag auch einen Master Class. Was würden Sie den jungen Pianisten empfehlen?

„Das ist unterschiedlich. Jedem Pianisten würde ich etwas anderes sagen. Denn ich mache das nicht schematisch.“

Sie werden nächstes Jahr drei weitere Konzerte des Beethoven-Zyklus in Prag geben…

„Ich komme sehr gern wieder.“