Heute am Mikrophon Christine Bertschi: eine Flachland-Schweizerin im tschechischen Medienbetrieb
Sie ist jung, sie ist Studentin, spricht Tschechisch und kommt aus einer Gegend, die sie und ihre Landsleute eher als Flachland bezeichnen. Christine Bertschi ist Schweizerin und arbeitet im Rahmen eines Robert-Bosch-Stipendiums bei der tschechischen Wochenzeitschrift „Respekt“. Wie sie als Schweizerin dazu kam, sich intensiv mit Tschechien zu befassen und wie die Arbeit bei einem großen Prager Printmedien läuft, darüber sprach Christian Rühmkorf mit der angehenden Journalistin.
Karte der Schweiz (Bezirke des Kantons Aargau sind rot)
Frau Bertschi, Sie sind eine junge Frau aus dem Schweizer Kanton Aargau.
Sie halten sich aber schon seit mehreren Monaten in Prag auf und machen ein
Praktikum bei der renommierten Zeitschrift „Respekt“. Sie sprechen und
schreiben Tschechisch. All das scheint doch ein wenig ungewöhnlich für
jemanden, der aus der Schweiz kommt. Haben Sie familiäre Wurzeln in
Tschechien?
„Nein, meine Familie kommt fast ausschließlich aus der Schweiz, nur ein kleiner Teil noch aus Österreich. Das erste Mal Kontakt mit Tschechien hatte ich in Österreich, als ich mit meiner Familie in den Bergen war. Damals war ich gerade mal drei Jahre alt und es war kurz nach der Wende. Auf dieser Reise haben wir eine tschechische Familie kennengelernt, mit der wir bis heute Kontakt halten und die ich auch einige Male besucht habe.“
Wochenzeitung Respekt
Wie haben Sie die tschechische Familie kennen gelernt?
„Das war im Juni in einer Berghütte. Es hat geschneit und in den Bergen gab es ein riesiges Umwetter. Eine tschechische Reisegruppe hat vor der Berghütte gesessen und konnte nicht rein, weil sie einfach kein Geld hatten, um sich etwas zu kaufen. Das war eine Gruppe, die eben kurz nach der Wende zum ersten Mal ihr Land verlassen konnte. Mein Vater hat sich dann erbarmt, weil er fand, die müssten doch reinkommen und eine Suppe essen. Die ließen sich dann nach ein paar Slivovice auch überzeugen. Mit einer der Familien haben wir bis heute Kontakt.“
Das war dann der Grund für Sie Tschechisch zu lernen - oder seit wann haben Sie sich für die tschechische Sprache interessiert?
„Das erste Mal habe ich ein bisschen Tschechisch gelernt, als ich mit
meiner Familie in den Sommerferien nach Tschechien gereist bin. Da haben
mein Bruder und ich begonnen ein bisschen Tschechisch zu lernen. Einen
zweiten Anlauf habe ich dann erst an der Uni gewagt, das war während
meines Bachelors in Osteuropa-Studien in Basel.“
Was genau umfasst der Studiengang Osteuropa-Studien?
„Russisch ist für alle obligatorisch. In der Sprache hatte ich auch schon Vorkenntnisse vom Gymnasium und von einem Russland-Aufenthalt, der auch der Grund war, weshalb ich das Osteuropa-Fach studieren wollte. Das Studium umfasst neben Russisch auch noch eine zweite osteuropäische Sprache und zusätzlich noch Landeskunde, Literatur, Filmwissenschaften und noch allerlei anderes.“
Da haben Sie also angeknüpft an Ihre Kindheitserfahrungen mit Tschechien
und haben dann Tschechisch als zweite osteuropäische oder
mittelosteuropäische Sprache hinzu gewählt.
„Genau. Das war auch der Grund, warum ich mich dann für Tschechisch und nicht Kroatisch entschieden habe. Weil ich zu Tschechien eben schon einen Bezug hatte. Als ich im Gymnasium mit Russisch begonnen habe, waren meine tschechischen Freunde ein bisschen beleidigt, denn als Tschechen haben sie schlecht verstehen können, wie man freiwillig Russisch lernen kann. Ich habe ihnen dann damals gesagt, ich will das nur machen, um dann auch einfacher Tschechisch lernen zu können, was eben bei uns auf dem Gymnasium nicht angeboten wurde. Damals war das eher eine blöde Ausrede, die sich dann doch bewahrheitet hat.“
Jetzt machen Sie ein Praktikum bei der - wie anfangs schon gesagt -
renommierten tschechischen Wochenzeitschrift „Respekt“. Es ist doch gar
nicht so leicht dort einen Praktikumsplatz zu bekommen, oder?
„Das war über ein Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung. Ich habe das zufällig im Internet entdeckt, weil ich meinen Bachelor schon im Winter abgeschlossen hatte und dementsprechend war bis zum nächsten Herbst noch viel Zeit. Dann habe ich mich dort einfach beworben und mit meinem Koordinator in Beriln besprochen, wo ich mein Praktikum machen könnte. Ich konnte ein bisschen mitreden, wo ich in Tschechien mein Praktikum machen möchte. Zuerst stand eine Zeitung in Jihlava / Iglau zur Auswahl und eine kleinere Zeitung in Prag. Von ´Respekt´ wusste ich gar nicht so recht, ob ich das will, weil ich dachte, so eine renommierte Zeitschrift, die lassen mich bestimmt nichts schreiben. Schließlich bin ich doch da gelandet und bin sehr zufrieden und darf auch regelmäßig meine Artikel veröffentlichen.“
Miriam Němcová ist die einzige professionelle Dirigentin in Tschechien
Ihr letzer Artikel war über die einzige professionelle Dirigentin in
Tschechien. Wie suchen Sie ihre Themen aus und wie läuft der Arbeitsalltag
bei „Respekt“ ab?
„Die Themen werden mir meistens vorgegeben, weil es für mich doch etwas schwieriger ist, selbst welche zu finden. Ich mache jedes Mal ein paar Vorschläge, aber meistens scheitert es daran, dass ich die Sachen ein bisschen zu spät erfahre, weil ich noch nicht diese Netzwerke und Erfahrungen habe wie meine tschechischen Kollegen. Die Themen sind meistens kleinere Geschichten, eben zum Beispiel diese Dirigentin oder Nichtregierungsorganisationen und irgendwelche interessanten Projekte, die gerade laufen.“
Schreiben Sie die Artikel direkt auf Tschechisch oder übersetzen sie ihre
Texte später?
„Ich schreibe Sie direkt auf Tschechisch. Ich habe auch schon daran gezweifelt, ob das so gut ist, aber im Endeffekt bin ich vielleicht einfach zu faul, um es zuerst auf Deutsch zu schreiben und dann ins Tschechische zu übersetzen. Aber selbstverständlich muss das mein Mitbewohner noch korregieren und dann geht der Artikel erst zum Editor, der ihn dann noch mal umschreibt, damit es auch wirklich den Ansprüchen genügt.“
Bleibt es dabei, ihr Berufswunsch ist Journalismus?
„Auf jeden Fall. Ich würde sagen, dieses Praktikum hat meinen
Berufswunsch noch gestärkt und die Einblicke in die Redaktion haben mir
auch gezeigt, dass es das ist, was ich in Zukunft machen möchte.“
Nach dieser doch relativ langen Zeit in Tschechien - hat sich da Ihre Sicht auf das Land in irgendeiner Weise verändert? Sie haben Tschechien in der Theorie studiert und haben es jetzt in der Praxis kennengelert, hat sich da Ihre Sicht verändert?
„Ich habe auf jeden Fall sehr viele Einblicke bekommen. Auch Sachen, die ich vorher in meinem Austauschsemester in Olomouc / Olmütz nicht so gesehen und erlebt habe.“
„Es sind eben ganz viele kleine Abläufe, die man im Studentenleben so nicht mitbekommt. Einblicke in Organisationen, Denkweisen von Menschen und ganz sicher Politik. Das habe ich jetzt bei den Parlamentswahlen sehr direkt mitbekommen, auch durch die ganzen Diskussionen bei den Redaktionssitzungen. Ich fand es besonders interessant, dass bei uns in der Schweiz junge Leute - die gebildeten Leute an der Uni - eher links wählen würden. Hier scheint es genau umgekehrt zu sein. Diese Gründe zu erforschen, fand ich doch sehr spannend.“
Wo liegen Ihrer Meinung nach weitere Unterschiede zwischen der Schweiz und Tschechien?
„Das wurde ich schon sehr oft gefragt und finde, dass es immer schwierig
ist, darauf zu antworten. Eine einfache Antwort ist natürlich: das
billigere und bessere Bier. Aber von den Menschen her finde ich diese
Mischung aus Gastfreundschaft und einer skeptischen Haltung gerade
gegenüber Ausländern sehr spannend.“
Wenn Sie jetzt diese vielleicht doch etwas ungewöhnliche Mischung aus Gastfreundschaft und Skepsis - wie Sie es formulieren - erfahren haben – können Sie sich dennoch vorstellen dauerhaft in Tschechien zu leben?
„Ich würde sagen ja. Zum Beispiel als Korrespondentin für eine Schweizer Zeitung könnte ich mir das sehr gut vorstellen.“





