Der Medienspiegel Tschechische Journalisten in slowakischen Medien

06-02-2004 | Robert Schuster

Und nun begrüssen Sie Dagmar Keberlova und Robert Schuster zu einer weiteren Ausgabe von Im Spiegel der Medien, der Mediensendung von Radio Prag.

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BratislavaBratislava Liebe Hörerinnen und Hörer, auch heute haben wir für Sie eine neue Folge unseres regelmässigen Blicks in die tschechische Medienwelt vorbereitet. Diesmal wollen wir uns wieder einmal einem Thema widmen, dass ganz abseits der täglichen Berichterstattung der heimischen Medien steht, dennoch aber, wie wir meinen, nicht uninteressant ist.

Knapp elf Jahre nach der Auflösung ihres gemeinsamen Staates werden Tschechen und Slowaken nach dem 1. Mai und ihrem Beitritt zur Europäischen Union wieder etwas näher zusammenrücken. Obwohl man in den vergangenen Jahren nicht nur auf politischer, sondern insbesondere auf kultureller Ebene bemüht war zwischen Tschechien und der Slowakei keine allzu große Kluft entstehen zu lassen und verhindern wollte, dass sich die seit 1. Januar 1993 bestehende Grenzlinie negativ auf die über Jahrzehnte gewachsenen und entwickelten Beziehungen zwischen beiden Völker auswirkt, haben die traditionellen Bindungen seither dennoch nachgelassen.

Trotzdem hat sich gerade aus der Sicht der Medien in beiden Ländern seit einigen Jahren eine interessante Entwicklung ergeben, welche z.B. gerade in der Zeit unmittelbar nach der Trennung nicht vorauszusehen war. Gegenwärtig wirken nämlich in den Redaktionen verschiedener überregionaler slowakischer Zeitungen oder Fernsehsender tschechische Journalisten und Manager - und zwar häufig in führenden Positionen. Sie wurden oft von den Medieneigentümern geholt, um den jeweiligen Medientiteln neue Impulse zu verleihen.

Einer davon war bis vor kurzem der Fernsehjournalist Zdenek Sámal, der seit Herbst vergangenen Jahres Informationsintendant des öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehens (CT) ist. Zuvor war er über zwei Jahre lang Chefredakteur des privaten slowakischen Nachrichtensenders TA3. Unsere erste Frage an Zdenek Sámal versucht deshalb Grundsätzlichem nachzugehen und zwar, ob sich irgendwelche gravierenden Unterschiede zwischen der Medienslandschaft in Tschechien und in der Slowakei ausmachen lassen?

"Ich würde eher von bestimmten, aber nicht von gravierenden Unterschieden sprechen. Dazu gehört etwa die nicht immer vorhandene Bereitschaft der slowakischen Journalisten zu einer wirklich gründlichen und in die Tiefe gehenden Recherche. Das hängt eng mit den immer noch nicht ausreichend zur Verfügung stehenden Weiterbildungsmöglichkeiten für slowakische Journalisten zusammen. Ein weiterer wichtiger Unterschied zu Tschechien ist, dass bei einigen Kollegen immer noch die Folgen der tiefen Teilung der slowakischen Gesellschaft während der 90er Jahre und zwar in Gegner und Unterstützer der damaligen Regierung zu spüren ist. Ich habe das Gefühl, dass diese Sichtweise - hier sind die Guten, dort die Bösen - immer noch stark präsent ist. Aber auch die slowakischen Politiker unternehmen immer wieder Versuche die Medien direkt für ihre eigenen politischen Ziele einzusetzen."

Tendenziell lässt sich jedoch den Worten Zdenek Sámals zufolge sagen, dass die slowakischen Medien in den letzten Jahren versuchen etwas unpolitischer zu werden und sich stärker an den Bedürfnissen und Wünschen der Leser orientieren. Sicherlich sei dahinter auch der Einfluss der tschechischen Chefredakteure zu sehen, denn dieser Trend in Richtung einer stärkeren Serviceorientierung hat z.B. bei den tschechischen Zeitungen schon Ende der 90er Jahre eingesetzt und wurde nun quasi auch in die Slowakei exportiert.

Obwohl die slowakischen Medien und hier insbesondere die Zeitungen in den letzten Jahren den tschechischen sehr ähnlich geworden sind, scheint aber die slowakische Medienlandschaft im Großen und Ganzen im Vergleich zur tschechischen weitaus vielfältiger zu sein. So wurden in der Slowakei in den vergangenen Jahren einige recht interessante Medienprojekte gestartet, wie etwa der bereits erwähnte Nachrichtensender TA3, zu dessen Führungscrew auch unser Gesprächspartner Zdenek Sámal gehörte. Der Sender TA3 ist bis heute der einzige in Mitteleuropa, auf dem rund um die Uhr Nachrichten gesendet werden.

Trotz des im Vergleich zu Tschechien um die Hälfte kleineren Verbraucher- und Werbemarktes, scheint es in der Slowakei Platz für zwei konkurrierende Nachrichtenagenturen zu geben, und ebenso erschienen dort bis vor kurzem täglich zwei Wirtschaftszeitungen. Es scheint also, als ob die Slowaken im Medienbereich progressiver wären, als ihre tschechischen Kollegen. Zdenek Sámal versucht diesen Umstand im Folgenden zu erklären:

"Dafür hätte ich eine - wenn auch vielleicht ungenügende - Erklärung, die von einigen allgemeinen Eigenschaften ausgeht. Ich habe nämlich das Gefühl, dass die Slowaken in Bezug auf die Medien mutiger sind neue Sachen und Projekte anzugehen. Dort, wo die tschechischen Kollegen vielleicht sagen würden: ´Nein, das kann nicht klappen und kann keinen Erfolg haben, und das werden wir gar nicht erst versuchen´, meinen die Slowaken, dass man das zunächst einmal probieren sollte. Und dann zeigt sich eben, dass, wenn man etwas Neues versucht, das auch gelingen kann, und das ist eine Eigenschaft, die mir an den Slowaken sehr sympathisch ist."

Neben Sámal, der zwei Jahre lang einen slowakischen Nachrichtensender aufzubauen half, finden sich in den Chefetagen unter anderem zweier weiterer nationaler Medien Führungskräfte, die aus Tschechien kommen. Dazu gehören etwa Petr Sabata oder Lubos Palata, die als Chefredakteur, bzw. stellvertretender Chefredakteur die überregionale Tageszeitung Pravda leiten, oder auch die frühere Star-Moderatorin des tschechischen Privatsenders TV Nova Jitka Obzinová, die seit Frühjahr vergangenen Jahres bei der slowakischen Tochter von Nova für die Produktion verantwortlich ist.

Daran lässt sich auch die nächste Frage an unseren Gesprächspartner anschließen, nämlich jene nach der Akzeptanz der tschechischen Journalisten bei ihren slowakischen Mitarbeitern in den Redaktionen. Werden da nicht hinter vorgehaltener Hand Vorwürfe oder Befürchtungen geäußert, wonach die Tschechen die Slowaken im Medienbereich fremdbestimmen würden? In Tschechien werden ja von Zeit Stimmen laut, die kritisch darauf hinweisen, dass die meisten Printmedien von deutschen Verlaugshäusern herausgegeben werden und somit gerade bei empfindlichen Themen, wie etwa den deutsch-tschechischen Beziehungen, nicht hundertprozentig gewährleistet sei, dass es von Seiten der deutschen Eigentümer zu keinerlei Einflussnahme kommen würde. Dazu meint Zdenek Šámal abschließend gegenüber Radio Prag:

"Nein, mit so etwas wurde ich während meiner Zeit in der Slowakei nicht konfrontiert, im Gegenteil, ich hatte zu meinen slowakischen Kollegen immer ein ausgezeichnetes Verhältnis. Ich würde sogar sagen, dass der tschechische Journalismus und die Erfahrungen der tschechischen Zeitungsmacher in der Slowakei vielleicht sogar allzu unkritisch übernommen werden. Auf der anderen Seite ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum die tschechischen Chefredakteure keine Schwierigkeiten in der Slowakei haben, dass sie dort nicht als Eigentümer, sondern ausschließlich als Führungskräfte in den Medien tätig sind, und das ist schon ein Unterschied."

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